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26.09.2016

11:59 Uhr

Air Berlin

Wird die Krisen-Airline jetzt zerschlagen?

VonJens Koenen

Der angeschlagenen Fluggesellschaft Air Berlin droht der radikale Umbau: Abgabe von Strecken und Verkauf von Flugzeugen. Nicht nur Konkurrent Lufthansa steht bereit, Teile der Berliner zu übernehmen.

Angeschlagene Airline

Überlebenskampf bei Air Berlin: Die Hälfte der Flugzeug-Flotte steht vor Verkauf

Angeschlagene Airline: Überlebenskampf bei Air Berlin: Die Hälfte der Flugzeug-Flotte steht vor Verkauf

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FrankfurtDie unter einem Schuldenberg und negativem Eigenkaptal ächzende Fluggesellschaft Air Berlin steht vor einem radikalen Umbau. Die Golf-Airline Etihad, mit knapp 30 Prozent der größte Einzelaktionär der deutschen Gesellschaft, spricht angeblich mit mehreren Investoren über einen Teilverkauf. Das ist aus Branchenkreisen zu hören. Die Unternehmen selbst wollen sich nicht äußern.

Bekannt ist, dass Etihad mit Lufthansa über die Übernahme der dezentralen Strecken von Air Berlin jenseits der Drehkreuze Berlin und Düsseldorf verhandelt. Als erstes hatte das Handelsblatt über entsprechende Gespräche berichtet. Es wird aber in einem ersten Schritt nicht zu einem Verkauf der Verkehre kommen. Lufthansa wird stattdessen die betreffenden 40 Flugzeuge nebst Mannschaft zunächst mieten („Wet Lease”). Sie sollen in die Lufthansa-Billigplattform Eurowings integriert werden. An diesem Mittwoch tagt der Aufsichtsrat von Lufthansa. Stehen bis dahin die wesentlichen Details der Verhandlungen, will Lufthansa-Chef Carsten Spohr seine Kontrolleure über den Deal informieren, wie zu hören ist.

Unklar ist dagegen, wie es mit dem Rest von Air Berlin weitergeht, etwas weniger als 100 Flugzeuge. Die „Süddeutsche Zeitung” berichtet, dass Etihad auch mit Tui über Teilverkäufe spricht. Dabei soll es vor allem um die österreichische Air Berlin-Tochter Niki gehen, die mit Tuifly zusammengelegt werden könne. Air Berlin blieben in einem solchen Fall dann noch 70 Flugzeuge. Entsprechende Gerüchte kursieren in der Branche schon seit mehreren Monaten. Auch in diesem Fall könnte es noch in dieser Woche eine Entscheidung geben.

Fest steht, dass Tui ein gewisses Interesse am Weiterbestand einiger Air-Berlin-Strecken hat. Die Airline-Tochter von Tui hat rund ein Dutzend Flugzeuge mit Mannschaft an Air Berlin vermietet – zu angeblich hervorragenden Konditionen für den Reisekonzern. Der Vertrag belastet die eh schon angespannte Bilanz von Air Berlin seit Jahren schwer, es muss sich also hier was tun. Das Tui-Management hatte allerdings erst in der vergangenen Woche Gespräche über eine Übernahme von Niki dementiert.

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Gleichzeitig hat die Tui-Spitze aber in einem internen Brief an die Mitarbeiter vor wenigen Tagen betont, diese Verkehre sichern zu wollen, sollte sich die Situation bei Air Berlin weiter zuspitzen. Wie eine solche Sicherung genau aussehen könnte, blieb offen. Zudem kursieren auch um die Zukunft von Tuifly selbst heftige Gerüchte. So soll der britische Billigflieger Easyjet ein Auge auf die Touristik-Airline geworfen haben. Doch auch hier hat das Tui-Management jüngst Berichte über Verkaufsverhandlungen dementiert. Die Lage ist also verworren.

Klar ist aber, dass Niki nicht zu einer völlig neu ausgerichteten Air Berlin passen würde. Mehrheitsgesellschafter Etihad will seine Beteiligung auf die Drehkreuze Berlin und Düsseldorf ausrichten. Niki bedient vor allem touristische Ziele.

Rastlos um die Welt – der Lebenslauf des Stefan Pichler

Geburt

1957: Stefan Pichler wird in München geboren. Seine Mutter ist Lehrerin, sein Vater arbeitet beim Patentamt.

Quelle: Wirtschaftswoche Online

Laufkarriere

1970: Pichler erweist sich als talentierter Läufer. Als Schüler läuft er Mittelstrecke, dann wechselt er zum Hindernislauf und schließlich auf die Langstrecke.

1976: Nach dem Abitur startet Pichler eine Karriere als Profi-Langläufer, die ihn auch dank einer extrem schnellen Zeit beim Marathonlauf (2 Stunden, zwölf Minuten) in die Nationalmannschaft bringt. Über die 25-Kilometer-Distanz gehört Pichler zeitweise zu den fünf Besten der Welt.

1980: Pichler qualifiziert sich für die Olympischen Spiele in Moskau. Doch seine Teilnahme scheitert am Boykott des Westens nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan.

Job bei Nike

1983: Pichler beendet seine Laufkarriere und sucht eine Stelle. Beim Sportartikelkonzern Adidas schnappt ihm der heutige Konzernchef Herbert Hainer einen Job weg. Pichler geht stattdessen als Leiter des Bereichs Sport Promotions zum Konkurrenten Nike.

Studium

1985: Pichler kündigt seinen Job und studiert Jura und Wirtschaftswissenschaften in Augsburg. Er macht 1989 einen Abschluss als Diplom-Ökonom.

Einstieg bei der Lufthansa

1990: Nach einem Trainee-Programm bei der Lufthansa geht er für die Fluglinie nach Paris. Er beginnt als Marketingleiter für Frankreich und übernimmt 1992 auch den Job als Verkaufsleiter. 1993 wird Pichler Landeschef für Frankreich und sorgt für deutliches Wachstum.

1995: Pichler wechselt in die Lufthansa-Zentrale nach Frankfurt, zunächst als Leiter Globale Vertriebspolitik und ab 1996 Vertriebschef Deutschland. 1997 wird er Verkaufsvorstand des Fluggeschäfts. Unter dem Motto „Wir matchen jeden Preis“ attackiert er die ersten Billigflieger wie Ryanair. Um das zu finanzieren, drückt er die Vertriebskosten und macht sich bei den damals zentralen Reisebüros unbeliebt, weil er die Verkaufsprovisionen von den üblichen neun Prozent vom Umsatz auf fünf Prozent kürzt. Auch intern ist Pichler umstritten, weil er mit seiner aus Sicht von Weggefährten schroffen und schwer zufriedenzustellenden Art seine Mitarbeiter demotiviert.

Reisekonzern C&N

2000: Lufthansa-Konzernchef Jürgen Weber ist von Pichlers Erfolgen angetan und macht ihn zum Chef des Reisekonzerns C&N in Oberursel. Um den Verbund aus dem Lufthansa-Urlaubsflieger Condor und dem Veranstalter Neckermann (Karstadt-Konzern) zu vereinen, schleift Pichler interne Strukturen. Sein Ziel ist es aus C&N zu einem weltweit führenden Reisekonzern zu machen, der von Billigreisen bis zu Luxusurlauben alles anbietet. Dazu sollen die Erträge steigen, weil eine durchgehende Kette aus Vertrieb, Flügen, Hotels und Vor-Ort-Betreuung alle Teile besser auslasten soll.
Um die Kette noch besser auszulasten, will Pichler das Geschäft internationalisieren. Doch seinen geplanten Zukauf, die britische Thomson Travel Group, schnappt ihm Erzrivale Preussag für seine Reisetochter Tui weg. Denn Preussag-Chef Michael Frenzel kann schneller agieren als Pichler, der immer erst seine Anteilseigner Lufthansa und Karstadt fragen muss. Stattdessen kauft Pichler die britische Thomas Cook, die Tui aus Wettbewerbsgründen abstoßen muss. Kurz zuvor hat Pichler in Frankreich Havas Voyages übernommen.

2001: Nach dem Ende des New-Economy-Booms, durch die wachsende Zahl von Online-Schnäppchen und später der Reiseangst infolge der Terroranschläge des 11. September 2001 bricht die Nachfrage nach Veranstalterreisen ein. Statt den Konzern zusammenzuführen, muss Pichler ein Sparprogramm starten und will die Kosten um gut zehn Prozent drücken. Trotzdem schreibt Thomas Cook im Geschäftsjahr 2001/2002 erstmals Verlust.

2003: Pichler wird entlassen. Trotz Entlassungen und dem Verkauf von Flugzeugen verdoppelt sich der Verlust im Geschäftsjahr 2002/2003 auf gut 250 Millionen Euro. Das kostete ihn den Rückhalt seiner Gesellschafter. In der Belegschaft hatte er bereits zuvor verloren, sowohl durch seine im Arbeitsalltag schroffe Art als auch durch die Aufgabe von Traditionsmarken wie Condor.

Engagement bei Richard Branson

2004: Pichler verlässt enttäuscht Deutschland. Weil ihm sein Arbeitsvertrag für mindestens ein halbes Jahr andere Jobs in der Reisebranche verbietet, zieht er auf die Seychellen und macht eine Ausbildung zum Tauchlehrer. Durch Vermittlung von Freunden kommt er in Kontakt mit dem britischen Multiunternehmer Richard Branson, der ihn als Vizechef zu seiner australischen Billiglinie Virgin Blue (heute: Virgin Australia) holt.
Pichler bringt die Linie auf Kurs und hebt die Servicequalität. Später startet er den Einstieg ins Langstreckengeschäft. Die entspannte australische Art und der Einfluss Bransons lassen auch Pichler etwas lockerer und entspannter werden, berichten Weggefährten.

Billigflieger-Chef in Kuwait

2009: Nachdem Virgin Blue rekordverdächtige Umsatzrenditen von gut 20 Prozent erreicht hat, aber Pichler nicht wie erwartet Konzernchef wird, wechselt er nach Kuwait zum Billigflieger Jazeera Airways. Der braucht ein neues Geschäftsmodell, weil ihm die Vereinigten Arabischen Emirate sein Drehkreuz in Dubai untersagen, um Platz für ihren eigenen Billigflieger Flydubai und ihre Premiumlinie Emirates zu schaffen.
Pichler verkleinert Jazeera Airways stark und macht sie zur profitabelsten Linie der Region. Weil er mit seiner Frau nach Dubai in ein Haus auf der Palm Jumeira genannte erste Gruppe künstlicher Inseln zieht, hat er engen Kontakt in die lokale Wirtschaft und zählt auch das Emirats-Oberhaupt Mohammed bin Rashid Al Maktoum zu seinen Freunden.

Verhandlungen mit Air Berlin

2011: Schon 2011 und 2012 verhandelt Pichler mit Air Berlin über den Chefposten. Etihad-Chef James Hogan würde ihn gerne engagieren. Doch dem Vernehmen nach sind die anderen Verwaltungsratsmitglieder dagegen. Sie und vor allem Oberaufseher Hans-Joachim Körber und Alt-Chef Hunold bevorzugen den damaligen Vize Wolfgang Prock-Schauer. Angeblich, weil sie unter Pichler unnötig radikale Umbauten befürchten.

Neuer Auftrag auf Fiji

2013: Nach dem Erfolg bei Jazeera wechselt Pichler auf den Chefposten der kleinen staatlichen Fiji Airways mit Sitz in Nadi, am größten Flughafen der Inselgruppe. Das reiche Angebot an Wassersport und das ruhige Leben bei der Fluglinie mit – laut Internetseite – mehr als doppelt so vielen Vorstandsmitgliedern wie Flugzeugen locken ihn. Dazu waren er und seine australische Frau Leonie angeblich das heiße trockene Klima ein wenig leid.
Pichler beginnt Fiji Airways umzubauen und schwört allen Plänen einer Rückkehr nach Deutschland ab. „Ich werde mit Sicherheit die nächsten Jahre die Airline hier managen und dann werde ich es auslaufen lassen. Ich meine, dann war ich mehr als 20 Jahre CEO und irgendwann muss genug sein“, erklärt er in einem Interview.

Rückkehr nach Deutschland

2014: Wohl auch weil Pichler mehr Zeit hat, kommt er nun öfter nach Deutschland und ist auf Veranstaltungen seines alten Arbeitgebers Lufthansa zu sehen. Als bei Air Berlin die Zahlen nicht besser werden, spricht ihn angeblich Etihad-Chef Hogan im Frühsommer erneut auf den Chefposten an. Im Sommer spitzt sich die Lage bei Air Berlin zu. Die EU untersucht ob Etihad einen dominierenden Einfluss hat, was Air Berlin den Status als europäische Fluglinie und das Gros der Auslandsstrecken kosten könnte. Gleichzeitig will Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt Air Berlin das Recht für Gemeinschaftsflüge mit Etihad entziehen.
Darum ändern immer mehr Mitglieder des Air-Berlin-Verwaltungsrats ihre Meinung und schließlich stimmen im Oktober laut Insidern auch die lange widerstrebenden Mitglieder Körber und Hunold Pichlers Berufung zu. Pichler nimmt die Wahl gerne an. Gegenüber Freuden deutet er an, dass ihm auf Fiji trotz aller Naturfreuden doch das kulturelle Angebot in Europa und besonders in Berlin fehlt. „Aber das er nun auch in seiner Heimat seine Qualität als Sanierer zeigen kann und dabei sowohl den Eindruck seines Scheiterns bei Thomas Cook als auch seinen Ruf als Ekel wettmacht, hat ihn sicher auch nicht gestört“, so ein Weggefährte.

2015: Am 1. Februar wird Pichler Air-Berlin-Chef.

Unabhängig davon, welches Szenario am Ende nun Realität wird. Die seit Jahren unter einer ständigen Unsicherheit leidenden Mitarbeiter von Air Berlin müssen sich auf einen radikalen Umbau einstellen. Das hat Air-Berlin-Chef Stefan Pichler kürzlich unmissverständlich klargestellt. Dazu zählt wohl auch ein Stellenabbau in der Administration, die einem stark schrumpfenden Fluggeschäft angepasst werden muss. Insider sprechen von bis zu 1000 der 8600 Stellen – Zahlen, die aber nicht bestätigt sind.

Aus dem Umfeld von Air Berlin ist allerdings zu hören, dass Mitarbeiter sich bereits für ein Freiwilligenprogramm mit Abfindung melden können. Auch der Wartungsbereich, die Technik, könnte komplett oder in Teilen zur Disposition gestellt werden.

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