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24.09.2014

14:04 Uhr

Air France im Sinkflug

Wie Piloten den Fluggesellschaften zusetzen

VonLisa Hegemann

Air France leidet unter dem Streik ihrer Piloten. So stark, dass die Airline erwägt, auf einige Forderungen einzugehen. Für die Lufthansa dürfte der Konflikt eine Warnung sein. Warum sie trotzdem nicht nachgeben sollte.

Air France im Sinkflug: Das Unternehmen leidet unter den Streiks seiner Piloten. dpa

Air France im Sinkflug: Das Unternehmen leidet unter den Streiks seiner Piloten.

DüsseldorfGegen das, was die Kollegen bei Air France-KLM veranstalten, wirken die Kurzstreiks der Lufthansa-Piloten wie ein kleines Päuschen. Seit nunmehr zehn Tagen befinden sich die Angestellten der französischen Fluggesellschaft im Ausstand, bis Freitag wollen sie die Arbeit niederlegen. Der Streik kostet Air France nach eigenen Angaben bis zu 20 Millionen Euro pro Tag, andere sprechen von zehn bis 15 Millionen Euro. Zwei von drei Flügen konnten in den vergangenen Tagen nicht starten, an einigen Flughäfen musste Air France alle geplanten Reisen streichen.

Der Grund für den Riesenstreik: die Air-France-Billigtochter Transavia. Sie soll künftig den Flugverkehr in Europa übernehmen. Doch dagegen laufen die Piloten Sturm. Sie verlangen nicht nur, dass bei der Billig-Airline dieselben Verträge gelten wie bei Air France, sondern wollen auch das Zugeständnis, dass keine Arbeitsplätze wegfallen oder ins Ausland verlagert werden.

Da erschien die Ankündigung des französischen Verkehrsstaatssekretärs wie ein sicherer Erfolg für die Streikenden: Am Mittwoch verkündete Alain Vidalies gegenüber dem französischen Sender RMC einen kompletten Ausbaustopp bei der Billigtochter Transavia. Air France widersprach jedoch umgehend. Es sei „verfrüht“ davon zu sprechen, dass das Vorhaben zurückgezogen worden sei, sagte ein Sprecher der Nachrichtenagentur AFP.

Streiks im deutschen Luftverkehr

5. März 2008

Auf dem Frankfurter Flughafen legen laut Gewerkschaft Verdi rund 2.000 Mitarbeiter von Vorfeld, Passagierkontrolle und Werkstätten für vier Stunden ihre Arbeit nieder.

23. Januar 2009

Wegen eines Warnstreiks des Kabinenpersonals fallen 44 Flüge von und nach Frankfurt aus. Die Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO verlangt Tariferhöhungen.

Februar 2012

Bei einem tagelangen Arbeitskampf in Frankfurt fallen mehr als 1.700 Flüge aus. Die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) will für Verkehrsdisponenten, Vorfeldlotsen und Flugzeug-Einweiser mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen erzwingen.

27. März 2012

Wegen Warnstreiks an den Flughäfen in Frankfurt/Main, Köln/Bonn, Düsseldorf, München, Stuttgart, Bremen und Hannover fallen Hunderte Flüge aus. Über Stunden sorgen die von der Gewerkschaft Verdi vertretenen Mitarbeiter von Feuerwehr, Gepäckabfertigung und Bodenverkehrsdiensten dafür, dass nicht mehr viel geht.

7. September 2012

Die Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO verursacht den bis dahin größten Ausfall an einem einzigen Streiktag in der Geschichte der Lufthansa. Rund 1.000 Flüge werden gestrichen, mehr als 100.000 Passagiere sind betroffen. Bei zwei Streikwellen in den Tagen zuvor waren insgesamt bereits rund 500 Flüge ausgefallen.

Januar/Februar 2013

Streiks des Sicherheitspersonals privater Dienstleister legen mehrere deutsche Flughäfen mehrfach weitgehend lahm. In Hamburg, Düsseldorf und Köln/Bonn kommt es zu massiven Behinderungen.

22. April 2013

Die Gewerkschaft Verdi ruft zu einem ganztägigen Warnstreik auf, um Forderungen nach Jobgarantien und 5,2 Prozent mehr Geld durchzudrücken. Das Bodenpersonal der Lufthansa sorgt dafür, dass von 1.720 geplanten Flügen nur noch 32 stattfinden.

21. Februar 2014

Private Sicherheitsleute legen mit einem 21-stündigen Warnstreik den Frankfurter Flughafen nahezu lahm. Verdi fordert für die Beschäftigten einen Einheitsstundenlohn von 16 Euro.

2. April 2014

Im April kommt es zum längsten Arbeitskampf der Piloten bei der Lufthansa jemals. Die Vereinigung Cockpit (VC) ruft ihre Mitglieder bei Lufthansa, Lufthansa Cargo und Germanwings auf, für drei Tage die Arbeit niederzulegen. Die Lufthansa reduzierte in diesen Tagen ihr Flugplanangebot stark und strich insgesamt 3800 Flüge, wodurch weit über 400.000 Passagiere betroffen waren.

29. August 2014

Die Gewerkschaft Cockpit ruft Piloten der Lufthansatochter Germanwings zum Arbeitsausstand auf. Streitpunkt sind vor allem die Regelungen zur Übergangsversorgung der bei Lufthansa angestellten Piloten. Von dem sechsstündigen Streik an sieben Standorten sind 116 von 164 Germanwings-Flügen an dem Tag betroffen, 15.000 Passagiere können nach Angaben der Airline nicht wie gewohnt reisen.

Komplett zurückgezogen mag Air France seine Pläne noch nicht haben – zumindest aber haben die Piloten erreicht, dass sie bis Ende des Jahres auf Eis liegen, wie Air-France-Chef Alexandre de Juniac am Dienstag sagte.

Die Episode steht sinnbildlich für die Macht, die Piloten gegenüber ihren Arbeitgebern haben – und dürfte eine Warnung für die Lufthansa sein.

Bereits am Sonntag hatte Vidalies an die Gewerkschaft appelliert, die Streiks aufzugeben – der französische Staat hat noch einen Anteil von fast 16 Prozent. Das „Schicksal“ von Air France stehe auf dem Spiel, sagte er dem Radiosender Europe 1. Ähnlich äußerte sich am Montag auch Air France auf ihrer Webseite. Die Fluggesellschaft sprach von „katastrophalen Konsequenzen“ für ihre Kunden, Angestellten und ihre finanzielle Situation.

Für den französischen Lufthansa-Konkurrenten ist die Sturheit der Piloten gleich doppelt gefährlich. Denn nicht nur die Streiks bereiten der Fluggesellschaft Probleme. Sie steckt ohnehin schon in großen Turbulenzen. 2013 verzeichnete sie einen Verlust von 1,8 Milliarden Euro, im Jahr zuvor waren es bereits 1,2 Milliarden gewesen. Im zweiten Quartal stieg der Betriebsgewinn zwar immerhin um ein Viertel, doch um einen Umbau kommt Air France nicht herum.

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