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29.01.2016

02:01 Uhr

Aktie stürzt ab

Realitätsschock für Amazon-Aktionäre

VonAxel Postinett

Das verspätete Weihnachtsgeschenk für die Amazon-Aktionäre ist ausgeblieben. Die Quartalszahlen haben die Wall Street auf dem falschen Fuß erwischt, mit der Aktie ging es rasant abwärts. Was ist schief gelaufen?

Überraschungs-Box für die Amazon-Aktionäre: Die Anleger waren allerdings wenig begeistert. Reuters

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Überraschungs-Box für die Amazon-Aktionäre: Die Anleger waren allerdings wenig begeistert.

San FranciscoDas hatte die Wall Street ganz anders erwartet. Zuerst lief alles bestens: Die Amazon-Aktie war am Donnerstag in der Erwartung bombastischer Ertragszahlen massive 52 Dollar oder 8,9 Prozent im offiziellen Börsenhandel angestiegen. Da kann kaum noch etwas schief gehen, sollte man meinen. Doch die Realität sah anders aus: Der Kurs rauschte 15 Prozent ins Minus, bevor er sich dann ein wenig berappeln konnte und letztlich bei 549 Dollar rund 85 Dollar oder 13,5 Prozent niedriger gehandelt wurde. Was ist schief gelaufen?

Eigentlich nichts. Der Umsatz war verglichen zum Vorjahr um 22 Prozent auf 35,75 Milliarden Dollar geklettert. Der Nettogewinn verzeichnete für Amazon völlig ungewöhnliche 482 Millionen Dollar im Quartal, das ist fast doppelt so viel wie im Jahr zuvor.

Doch es handelte sich um das Weihnachtsquartal, das ultimative Quartal für einen Einzelhändler. Amazon selbst hatte die Messlatte zuvor schon mit frühen Erfolgsmeldungen über ein hervorragendes Quartal hochgesetzt. Doch die Ergebnisse waren nicht so spektakulär wie von Analysten erwartet, und die Aktionäre waren verschnupft. Für das laufende Quartal zeigt sich Konzernchef Jeff Bezos zudem zurückhaltend. Den Umsatz setzt er für das erste Quartal 2016 bei 26,5 bis 29 Milliarden Dollar an, ein Plus von 17 bis 28 Prozent. Der operative Gewinn wird zwischen 100 und 700 Millionen Dollar angesetzt. Allerdings sind da 600 Millionen Dollar an Erfolgsboni für die Mitarbeiter noch nicht abgezogen. Es kann also theoretisch ein satter Nettoverlust übrigbleiben.

An diesem Punkt könnte die übliche „Ach, die Wall Street is ja nie zufrieden“-Diskussion einsetzen. Doch dann muss man daran erinnern, dass Bezos bereits enormes Vertrauenskapital bekommen hat. Im vergangenen Jahr ist der Aktienkurs um rund 100 Prozent gestiegen. Gewinne und Umsätze müssen jetzt nachziehen, um in einem schwachen Börsenumfeld Gewinnmitnahmen zu verhindern.

Was positiv auffällt: Amazon hat zum ersten Mal in seiner Firmengeschichte drei Quartale in Folge einen Gewinn ausgewiesen. Ein Indikator, dass vielleicht sogar in absehbarer Zukunft eine Dividende anstehen könnte. Entwicklungen, die weiter genau beobachtet wurden, waren der Cloud-Service AWS und der Premiumdienste „Prime“. Prime-Kunden sind sozusagen die Goldesel von Amazon. Sie kaufen mehr und öfter als die Gelegenheitskunden.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

AWS legte erneut ein starkes Quartal mit einem Umsatzwachstum von 69 Prozent von 1,4 auf 2,4 Milliarden Dollar im Quartal vor. Doch vor einem halben Jahr wurden noch 82 Prozent vermeldet, danach 78 Prozent. Der Trend ist nicht besorgniserregend, aber auch nicht erfreulich. Zumal die Gegner, namentlich Microsoft, Oracle und Google, mit Macht investieren und aufholen. Die Gewinne von AWS polstern derzeit den Investitionsmodus im Handels- und Medienbereich, wo in neue Auslieferungslager, TV-Serien, Musik und Filme investiert wird.

Beim Prime-Bereich weigert sich Bezos, eine exakte Kundenzahl zu nennen. Aber alleine zu Weihnachten sei die Kundenzahl um 51 Prozent gestiegen, 47 Prozent in den USA, im Ausland stärker. Wieviel davon nur kostenlose Test-Anmeldungen waren, wird sich in Zukunft zeigen müssen.

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