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21.07.2014

14:51 Uhr

Aldi-Gründer Karl Albrecht

Tod einer Unternehmerlegende

VonCarina Kontio

Aus einem kleinen Supermarkt im Essener Bergarbeitervorort Schonnebeck hat er mit seinem Bruder einen Milliardenkonzern erschaffen. Die Unternehmerlegende Karl Albrecht, der Gründer des Discount-Riesen Aldi, ist tot.

Eines der wenigen Bilder von Karl Albrecht (links) – mit seinem 2010 verstorbenen Bruder Theo Albrecht. Krid/laif

Eines der wenigen Bilder von Karl Albrecht (links) – mit seinem 2010 verstorbenen Bruder Theo Albrecht.

DüsseldorfKarl Albrecht, Mitbegründer des Aldi-Imperiums, ist tot. Albrecht war ein großer Unternehmer, eine Legende, der die Deutschen mit schlichten Läden und niedrigen Preisen überzeugte. Er wurde 94 Jahre alt. Albrecht verstarb bereits am 16. Juli, bekannt wurde sein Tod erst jetzt. Am Montag wurde er in Essen beigesetzt. Zunächst hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) über den Todesfall berichtet.

In einer Pressemitteilung betrauerte Aldi Süd den Tod des Unternehmers. Ihm verdanke man den Aufbau der Unternehmensgruppe, hieß es darin. „Er war Vorbild. Wir sind stolz auf die von ihm geschaffene Kultur und werden sie fortführen. Wir verneigen uns vor ihm.“ Das Mitgefühl gelte seiner Familie.

Gnadenlos sparsam und ein Kontrollwahn, der an die Inquisition erinnerte – an Anekdoten über die beiden Pfennigfuchser Karl und Theo Albrecht hat es nie gemangelt. Kein Wunder, war doch die Knauserigkeit der Firmengründer mehr als nur eine Marotte. Sie war ein wesentlicher Teil des Erfolgsrezeptes der geschäftstüchtigen Unternehmer. Theo Albrecht war im Juli 2010 gestorben.

Aldi-Gründer Karl Albrecht. Aldi Süd

Aldi-Gründer Karl Albrecht.

Den Grundstein für ihr Imperium legten die Brüder im Jahr 1948, als sie den kleinen Lebensmittelladen ihrer Mutter Anna übernahmen, der in arge Schieflage geraten war; sie hatte den Wandel im Handel verschlafen. Zwischen Lebensmittelkartons und Krämerware erkannten Karl und Theo nach dem Krieg die Chance, die die Phase der sozialen Umorientierung bot. Die Erfolgsgeschichte nahm ihren Anfang.

Die beiden Brüder waren in ihrer uniformen Arbeitsauffassung füreinander ein Glücksfall. Von vornherein teilten sie sich ihre Aufgaben: Karl versah den Innen-, Theo den Außendienst. Sprich: Karl kümmerte sich um die schwierige Einkaufspolitik. Es war damals nicht einfach, die richtige Ware preiswert und in ausreichender Menge zu erhalten. Theo betreute die Verkaufsstellen sowie die Verwaltung und Buchhaltung. „Ich habe Glück gehabt, sehr viel Glück“, sagte Karl Albrecht kurz vor seinem Tod in einem Interview mit der „FAZ“.

Warum Aldi billig ist

Es ging ums Sattwerden

Es ist eine Gretchenfrage: Wie viele Artikel biete ich meinen Kunden an? 1946 ging es um nichts mehr als ums Sattwerden. Die Aldi-Brüder schauten auf ihren Tages- und Wocheneinkauf. Erst im Laufe der Jahre kamen Non-Food-Artikel hinzu – anfangs waren sie verpönt.

Zahl der Artikel

Mit der Zeit pendelte man sich bei 400 Artikeln ein. Inzwischen – in Zeiten der feiner werdenden Nuancen – ist die Zahl auf 900 Artikel gewachsen. Der Stellplatz in den Filialen hat natürliche Grenzen. Zudem ist Produktpflege ein aufwändiges Geschäft.

Das oberste Gebot

Von Beginn an galt bei den Albrechts das Gebot der Warengleichheit: In allen Filialen sollten die Kunden dieselben Produkte finden. Schnell ging es soweit, dass sie es sogar an derselben Stelle fanden.

Die Revolution

Eine echte Revolution war die Einführung von Kühlware in den 70er-Jahren. Sowohl bei Aldi Nord als auch bei Aldi Süd gingen Grundsatz-Diskussionen voraus. Entgegen der Behauptungen gab es darüber aber keinen brüderlichen Zwist. Allerdings musste der vorpreschende Karl Überzeugungsarbeit leisten beim abwägenden Theo. Doch die Kühltruhe kam, erst im Kleinformat, dann immer mehr.

Markenartikel? Nein, Danke!

Seit Jahren macht andere Discounter wie Netto (vorher Plus) gute Geschäfte mit Markenartikeln. Aldi hat stets eine Aversion gegen sie gehabt. Auf der anderen Seite taten sich die Hersteller von Markenartikeln anfangs auch sehr schwer, bei einer Billigkette zu listen, als die Aldi galt.

Aldis Problem

Vereinfacht gesagt besteht Aldis größtes Problem darin, die erforderlichen Liefermengen von mehreren Anbietern zu beziehen. Bei vergleichenden Qualitätsstandards heißt es immer wieder: Bedarfsdeckung versus Preis. Gerade zu Ostern und Weihnachten ist es eine Sisyphusarbeit in Planung und Organisation, für ausreichend Waren zu sorgen und sie auf die Filialen zu verteilen.

Harte Gespräche mit Lieferanten

Die Preisfindung in diesem „Wettkampf“ ist das eigentliche Erfolgsrezept Aldis. Als Marktführer, ausgestattet mit dem Hebel der Mengemacht, hat man hier natürlich Vorteile. Dabei bündeln Aldi Nord und Aldi Süd ihre Einkaufsstrategie in vielen Sortimenten. Auf der anderen Seite hat Aldi auch kein Interesse, die Lieferanten so sehr zu schröpfen, dass sie in den Ruin gehen. 

Die große Verlockung

Lieferanten unterliegen leicht der großen Verlockung, mit Aldi so zu verhandeln, dass die eigentlichen Kapazitätsgrenzen überschritten werden. Zwar kann man mit Aldi vermögend werden, aber das Risiko, sich zu sehr abhängig zu machen, ist groß. Denn Aldi streicht durchaus schnell einen Lieferanten. Fachleute raten dazu, maximal 50 Prozent seiner Produkte an Aldi zu verkaufen.

Das Preisdiktat

Die Wettbewerber sind dem Preisdiktat ausgesetzt. In den vergangenen Jahres war gut zu beobachten, was passiert, wenn Aldi die Preise für Alltagsprodukte wie Milch senkte: Die Konkurrenz zog innerhalb weniger Stunden nach. Preisvergleich und Preispolitik sind Tagesaufgaben.

Wie preissensibel ist der Kunde

Doch warum agieren die Discounter eigentlich so nah am „gerechten Preis“? Die Frage ist durchaus berechtigt, denn die Durchschnittskunde ist eigentlich sehr wenig mit den Preisen vertraut. Er stellt seinen Warenkorb den Bedürfnissen und Gepflogenheiten zusammen. Die meisten gehen nicht mit offenen Augen durch die Läden. Angebote werden auch bei Aldi sehr deutlich mit andersfarbigen Schildern gekennzeichnet, damit sie überhaupt auffallen. Umso wichtiger ist also, dauerhaft der Preisführer zu sein – und dieses Image zu pflegen.

Ab 1961 wurde daraus Albrechts Discount – kurz Aldi. Die ebenfalls hoch gehandelte Namens-Alternative „Billi“ kam letztlich nicht zum Zug. Binnen eines halben Jahrhunderts formten die beiden Brüder einen Milliardenkonzern, der die deutsche, aber auch die internationale Handelslandschaft nachhaltig veränderte. Das unternehmerische Motto der Brüder hieß: „Unsere Werbung liegt im niedrigen Preis.“ Der FAZ sagte er vor wenigen Wochen: „ „Ja, ich wollte groß werden. Egal, wie sie mich beschimpft haben, ich wollte groß werden.“

Ihre Operationsgebiete teilten die beiden in gesellschaftsrechtlich selbstständige Aldi-Gesellschaften. Schon Anfang der 60er-Jahre entschieden sie, auf ihrer Deutschlandkarte den Aldi-Äquator mitten durchs Ruhrgebiet laufen zu lassen. Auch auf dem Globus markierten sie exklusive Zonen. Aldi Nord regiert seitdem in Dänemark, Benelux, Frankreich, Spanien und Portugal. Die von Mülheim/Ruhr aus gesteuerte Süd-Schiene legte den Schwerpunkt auf Osteuropa, den Alpenraum und die englischsprachigen Länder.

In Deutschland gilt Aldi als Marktführer, auch wenn Rivalen wie Lidl aufholen. Weltweit setzt der Discounter inzwischen mehr als 50 Milliarden Euro um. Bis heute entstanden über den ganzen Globus verteilt mehr als 9000 Filialen mit mehr als 100.000 Mitarbeitern.

Karl und Theo entdeckten schon früh die betriebswirtschaftliche Zauberformel der Zeit „Nachfrage versus Bedarfsdeckung“ für sich und schafften es, sie im Sinne des Kunden zu lösen. Mit diesem Konzept sind die beiden zu den reichsten Männern Deutschlands geworden. Ihre persönliche Lebensweise trug maßgeblich zur moralischen Stabilität ihrer Konzerne bei. Beide waren im Auftreten zurückhaltend und lebten bescheiden. Sie waren nach alter Schule nach den Prinzipien Sparsamkeit und Kargheit erzogen.

Kommentare (2)

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Herr Ylander Ylander

21.07.2014, 15:15 Uhr

Unternehmerisch haben Sie sich Beachtliches vollbracht, die ALDI-Brüder.

Doch besonders großzügig bzw. spendabel zeigten sie sich wohl nicht.

Herr P.. Unger

21.07.2014, 17:43 Uhr

Deutschland ohne Aldi? Undenkbar.
Sozialer in der Realität, als jede Sozialpartei.
Vertrauenswürdig für die Kunden. Hat es dadurch geschafft für alle Schichten Anbieter zu sein. Erfolgereich auch in anderen Ländern - bis Australien.
Und das innerhalb nur eines Menschenleben. Als Brüder.
Man schaue sich ihre Prinzipien!

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