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19.01.2016

16:21 Uhr

Aldi in Großbritannien

Willkommen beim Discounter 2.0

VonCarsten Herz

Aldi startet nun auch in Großbritannien einen Online-Shop für Weine. Nach Australien ist die Insel bereits der zweite Markt, auf dem der Discounter damit angreift. Das könnte auch ein Fingerzeig für Deutschland sein.

Der deutsche Discounter macht den nächsten Schritt im Internet. Screenshot

Britischer Weinshop von Aldi

Der deutsche Discounter macht den nächsten Schritt im Internet.

LondonEs ist eine Revolution, die leicht zu übersehen ist. „Cheers, free Delivery, Shop now“, zu Deutsch: „Prost, freie Lieferung, Kaufen Sie jetzt“, leuchtet es Kunden seit diesem Dienstag von dem weißen Etikett einer dunklen Weinflasche auf der britischen Website des deutschen Discounters Aldi entgegen.

Wer weiterklickt, wird in einen neuen Onlineshop geführt, in dem rund 90 verschiedene Weiß- und Rotweine sowie einige Champagner zum Verkauf angeboten werden. Die Preise reichen von 22,74 Pfund (29,95 Euro) für eine Kiste Sauvignon Blanc aus Südafrika bis 119,94 Pfund (157,95 Euro) für ein Sechser-Pack des mit Auszeichnungen bedachten Champagners Blanc de Blanc.

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Discounter-Expansion Down under

Blindtest: Aldi-Wein gewinnt

Jetzt hat Aldi in Australien ein neues Tabu gebrochen – und stellt einen Spitzen-Rosé für gut drei Euro ins Regal.

Der Shop ist nicht nur eine bloße Novität für den deutschen Handelsgiganten. Er ist eine tiefgreifende Zäsur. Denn erstmals können Verbraucher in Europa damit Lebensmittel vom deutschen Billigheimer im Online-Shop einkaufen und sich nach Hause liefern lassen.

Willkommen bei Aldi 2.0! Lange hatte sich der Einzelhandelsriese gegen den Online-Trend gesperrt. Doch nun ist auch Deutschlands größter Discounter mit dem Vorstoß erstmals in Europa in den Internet-Handel eingestiegen. Es ist eine Attacke, die eine Zeitenwende für die Sparfüchse in Sachen E-Commerce markiert. Denn der Online-Weinhandel soll auf der Insel nur der Anfang sein. Der Konzern will sein Online-Angebot in den nächsten Monaten weiter ausbauen und um sogenannte „Special Buys“, also besondere Angebote, erweitern.

Warum Aldi billig ist

Es ging ums Sattwerden

Es ist eine Gretchenfrage: Wie viele Artikel biete ich meinen Kunden an? 1946 ging es um nichts mehr als ums Sattwerden. Die Aldi-Brüder schauten auf ihren Tages- und Wocheneinkauf. Erst im Laufe der Jahre kamen Non-Food-Artikel hinzu – anfangs waren sie verpönt.

Zahl der Artikel

Mit der Zeit pendelte man sich bei 400 Artikeln ein. Inzwischen – in Zeiten der feiner werdenden Nuancen – ist die Zahl auf 900 Artikel gewachsen. Der Stellplatz in den Filialen hat natürliche Grenzen. Zudem ist Produktpflege ein aufwändiges Geschäft.

Das oberste Gebot

Von Beginn an galt bei den Albrechts das Gebot der Warengleichheit: In allen Filialen sollten die Kunden dieselben Produkte finden. Schnell ging es soweit, dass sie es sogar an derselben Stelle fanden.

Die Revolution

Eine echte Revolution war die Einführung von Kühlware in den 70er-Jahren. Sowohl bei Aldi Nord als auch bei Aldi Süd gingen Grundsatz-Diskussionen voraus. Entgegen der Behauptungen gab es darüber aber keinen brüderlichen Zwist. Allerdings musste der vorpreschende Karl Überzeugungsarbeit leisten beim abwägenden Theo. Doch die Kühltruhe kam, erst im Kleinformat, dann immer mehr.

Markenartikel? Nein, Danke!

Seit Jahren macht andere Discounter wie Netto (vorher Plus) gute Geschäfte mit Markenartikeln. Aldi hat stets eine Aversion gegen sie gehabt. Auf der anderen Seite taten sich die Hersteller von Markenartikeln anfangs auch sehr schwer, bei einer Billigkette zu listen, als die Aldi galt.

Aldis Problem

Vereinfacht gesagt besteht Aldis größtes Problem darin, die erforderlichen Liefermengen von mehreren Anbietern zu beziehen. Bei vergleichenden Qualitätsstandards heißt es immer wieder: Bedarfsdeckung versus Preis. Gerade zu Ostern und Weihnachten ist es eine Sisyphusarbeit in Planung und Organisation, für ausreichend Waren zu sorgen und sie auf die Filialen zu verteilen.

Harte Gespräche mit Lieferanten

Die Preisfindung in diesem „Wettkampf“ ist das eigentliche Erfolgsrezept Aldis. Als Marktführer, ausgestattet mit dem Hebel der Mengemacht, hat man hier natürlich Vorteile. Dabei bündeln Aldi Nord und Aldi Süd ihre Einkaufsstrategie in vielen Sortimenten. Auf der anderen Seite hat Aldi auch kein Interesse, die Lieferanten so sehr zu schröpfen, dass sie in den Ruin gehen. 

Die große Verlockung

Lieferanten unterliegen leicht der großen Verlockung, mit Aldi so zu verhandeln, dass die eigentlichen Kapazitätsgrenzen überschritten werden. Zwar kann man mit Aldi vermögend werden, aber das Risiko, sich zu sehr abhängig zu machen, ist groß. Denn Aldi streicht durchaus schnell einen Lieferanten. Fachleute raten dazu, maximal 50 Prozent seiner Produkte an Aldi zu verkaufen.

Das Preisdiktat

Die Wettbewerber sind dem Preisdiktat ausgesetzt. In den vergangenen Jahres war gut zu beobachten, was passiert, wenn Aldi die Preise für Alltagsprodukte wie Milch senkte: Die Konkurrenz zog innerhalb weniger Stunden nach. Preisvergleich und Preispolitik sind Tagesaufgaben.

Wie preissensibel ist der Kunde

Doch warum agieren die Discounter eigentlich so nah am „gerechten Preis“? Die Frage ist durchaus berechtigt, denn die Durchschnittskunde ist eigentlich sehr wenig mit den Preisen vertraut. Er stellt seinen Warenkorb den Bedürfnissen und Gepflogenheiten zusammen. Die meisten gehen nicht mit offenen Augen durch die Läden. Angebote werden auch bei Aldi sehr deutlich mit andersfarbigen Schildern gekennzeichnet, damit sie überhaupt auffallen. Umso wichtiger ist also, dauerhaft der Preisführer zu sein – und dieses Image zu pflegen.

So sollen im zweiten Quartal dieses Jahres auch hochwertige Fahrrad-Kleidung, elektronische Artikel, Campingausrüstung, Kleidung, Garten-Utensilien sowie Do-It-Yourself-Materialien online verkauft werden. „Mit Wein zu beginnen, ist ein logischer Schritt für uns“, betonte Matthew Barnes, Chef von Aldi UK, in der britischen Wirtschaftszeitung „City A.M“. „Wir verkaufen schon jetzt jede 13. Flasche in Großbritannien in unseren Läden und das Angebot lockt viele Kunden an, die zuvor noch nie bei uns eingekauft haben.“

Der Vorstoß wäre ein Novum in der Geschichte Aldis in Europa – und er könnte auch ein Fingerzeig für den deutschen Markt sein. Bisher ist Aldi im Internet wenig präsent. Die in Deutschland noch in Aldi Süd und Aldi Nord unterteilte Website bietet zwar einen Ausblick auf kommende Angebote und einen Einblick in das Sortiment. Aber online einkaufen? Kein Gedanke daran bisher. Doch E-Commerce liegt im Trend – vor allem in Großbritannien. Insgesamt entfallen dort bereits fünf Prozent der Branchenumsätze auf den Onlinehandel, ermittelten die Marktforscher von Kantar Worldpanel – deutlich mehr als in anderen europäischen Staaten.

Der britische Markt ist darum ein ideales Terrain für einen Praxistest. Praktisch alle großen Supermarktketten – von Asda über Tesco bis Waitrose – bieten hier online Produkte an und liefern per Kurier nach Hause – und auch der US-Handelsriese Amazon erwägt, in den boomenden Markt in Großbritannien einzusteigen. So schossen die Aktien des britischen Online-Supermarkts Ocado am Dienstag um bis zu zwölf Prozent nach oben, weil Börsianer auf ein Übernahmeangebot des US-Konzerns hoffen.

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