Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.05.2017

08:07 Uhr

Alkoholverbot

Indien sitzt auf dem Trockenen

VonMathias Peer

Das höchste indische Gericht erklärt Teile des Landes zur Sperrzone für Alkohol. Getränkehersteller und Gaststätten fürchten Einbußen in Milliardenhöhe. Mit kreativen Einfällen versuchen sie, die Prohibition zu umgehen.

Indien ist mit einem Verbrauch von mehr als 1,5 Milliarden Litern der größte Whiskykonsument der Welt- Reuters

Große Nachfrage nach Hochprozentigem

Indien ist mit einem Verbrauch von mehr als 1,5 Milliarden Litern der größte Whiskykonsument der Welt-

BangkokSeinen Gästen macht es der indische Wirt Shiju nicht gerade leicht: Vor seiner Bar im Bundesstaat Kerala hat er ein Labyrinth aufgebaut. Wer für einen Drink in sein Lokal kommen möchte, muss erst 250 Meter durch den Irrgarten laufen. Der erzwungene Umweg bis zum Kneipeneingang soll für Shijus „Aishwarya Bar“ die Rettung sein. Denn seine Gaststätte hat ein Problem: Sie liegt zu nahe an einer Autobahn – und wurde deshalb über Nacht illegal.

Grund ist ein Urteil von Indiens Obersten Gerichtshofes, das die Gastronomiebranche des 1,3 Milliarden Einwohner großen Landes mit voller Wucht trifft: Seit 1. April dürfen Kneipen, Restaurants und Schnapsläden im Umkreis von einem halben Kilometer rund um Autobahnen keinen Alkohol mehr verkaufen. Damit soll Indiens massives Problem mit betrunkenen Autofahrern bekämpft werden. Einen Monat nach dem Inkrafttreten des Verbots zeigen sich aber auch weitreichende wirtschaftliche Folgen: Getränkehersteller und Gaststätten rechnen mit Milliardeneinbußen. Auch internationale Hotelketten geraten in Schwierigkeiten. Indische Bundesstaaten fürchten einen Wegbruch der Steuereinnahmen.

Kreative Versuche, die neuen Vorschriften zu umgehen, sind nicht nur dem Barbesitzer in Kerala eingefallen. Die Betreiber von Ausgehbezirken und Shoppings-Malls schlossen Zufahrtsstraßen und Eingänge, um in den Augen der Behörden genug Distanz zu den Schnellstraßen zu wahren. Das Einkaufszentrum Ambience Mall leitet seine Kunden neuerdings um einen Wohnkomplex um, damit es weiter Alkohol verkaufen kann.

Doch den meisten Unternehmern fehlen die Möglichkeiten, sich gegen das Verbot zu wehren. Wie gravierend der Eingriff ist, zeigt ein Blick auf Maharashtra, einer der bevölkerungsreichsten Bundesstaaten Indiens. Registriert sind dort rund 25.600 Bars und Alkoholläden. 15.700 – also mehr als 60 Prozent – davon liegen in dem neuen Sperrbezirk rund um die Autobahnen und mussten deshalb schließen oder auf den Verkauf von Alkohol verzichten. „Grob geschätzt glauben wir, dass der Gastronomiebranche fast zehn Milliarden Dollar Umsatz jährlich verloren gehen werden“, sagt der Unternehmer Rahul Singh, der im Führungsgremium der indischen Gaststättenvereinigung NRAI sitzt. Er ist Gründer der Kette Beer Cafe, die in Indien mehr als 30 Niederlassungen hat.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Ralf Peekel

01.05.2017, 10:20 Uhr

Vielleicht ist ja Indien auf einem guten Weg? Man hat zumindest erkannt, es gibt ein Problem und will etwas dagegen tun. Vielleicht hat man auch erkannt, das Alkohol eines der schlimmen und unterschwelligen Probleme unserer Kultur darstellt. Unter einem alkoholkranken leiden drei bis fünf andere massiv. Die Zahl der Alkoholkranken in Deutschland ist wahrscheinlich 10x höher als jede andere Droge. Aber das Handelsblatt sieht hier Pflichtbewusst nur den Umsatz und die Einbußen der Wirte. Nicht den Schaden der Volkswirtschaft.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×