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07.10.2015

21:28 Uhr

Amazon

Ein Marktplatz für Exoten

VonJohannes Steger

Amazon gilt als Totengräber des Einzelhandels. Doch gerade findige Händler in der Provinz haben die Plattform als Erfolgsmodell für sich entdeckt. Je spezieller die Produkte, desto besser laufen die Geschäfte.

Immer mehr Händler aus der Provinz entdecken Amazon für sich – und bieten auf der Plattform Produkte an, die Konsumenten woanders nicht bekommen würden. Imago

Amazon

Immer mehr Händler aus der Provinz entdecken Amazon für sich – und bieten auf der Plattform Produkte an, die Konsumenten woanders nicht bekommen würden.

Im schwäbischen Krumbach ist die Welt noch in Ordnung. Für seine Wurst geht man hier nicht einfach nur in den nächstgelegenen Supermarkt, sondern zum Metzger. In der bayerischen Kleinstadt ist das Karl Diem. Seit 1828 gibt es den Fleischer mit angeschlossenem Gästehaus in der Stadt: „Ich bin der Wirt von Krumbach“, sagt Diem, der den Betrieb in achter Generation führt. Zu seinem Sortiment gehören auch Vollkonserven, gefüllt mit Wildgulasch, Osso Bucco und sauren Nieren. Und die landen nicht nur in Krumbach auf dem Teller, sondern sogar in Frankreich oder auf Mallorca. Denn Karl Diem hat Amazon für sich entdeckt.

Diem ist damit nicht allein. Weltweit nutzten im Jahre 2013 mehr als zwei Millionen Marketplace-Verkäufer aller Größenordnungen die Amazon-Verkaufsplattform. Knapp 40.000 Händler waren es im Jahr 2014 in Deutschland, schätzt die Amazon-Analyseplattform Market Analytics. Während viele Händler Amazon als Konkurrenz fürchten, haben die Cleveren es zum wichtigen Vertriebskanal gemacht.

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Amazon bietet einen neuen Service für alltägliche Produkte an. Damit macht der US-Konzern den Supermärkten schrittweise immer stärker Konkurrenz. Der nächste Schritt ist offenbar schon in Vorbereitung.

Bei Karl Diem waren es die Söhne, die den Familienunternehmer auf die Idee gebracht hatten, Amazon zu nutzen. Das Geschäft lief zwar, aber den Online-Handel wollte er trotzdem ausprobieren, erzählt Diem. Seit 2013 vertreibt er seine Vollkonserven auf dem Online-Marktplatz. Mit wachsendem Erfolg: „Unsere Verkaufszahlen wachsen kontinuierlich.“ Seit Beginn verzeichnet der Metzger zweistellige Zuwachsraten. Im Schnitt verkaufe er zwischen 100 und 150 Konserven im Monat, sagt Diem: „Zu Weihnachten werden es dann auch mal 250.“

Denn auch im kleinen Krumbach herrscht Wettbewerb im Geschäft mit Fleisch- und Wurstwaren: Neben drei selbstständigen Metzgern und einem Filialisten, konkurriert Diem mit sieben Supermärkten und einem Discounter. Er habe treue Kundschaft, sagt Diem: „Doch das Handwerk hat insgesamt gelitten, denn das Image der Metzger ist nicht das beste“, glaubt Diem.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Schadet der Shitstorm?

Amazon selbst äußerte sich auf Nachfrage bisher nicht dazu, ob seit der Ausstrahlung der ARD-Doku weniger bestellt wurde. Doch ein Vergleich legt nahe: Zu große Sorgen muss sich Amazon wohl nicht machen. Auch über den deutschen Rivalen Zalando tobte bereits ein - wenn auch kleinerer - Sturm der Aufregung nach Berichten über schlechte Arbeitsbedingungen. Am rasanten Umsatzwachstum änderte das nichts. Von 2011 auf 2012 verdoppelte Zalando seine Erlöse von 510 Millionen auf 1,15 Milliarden Euro.

Folgen des Leiharbeiterskandals

Das ist schwer abzuschätzen. Die Empörung hat auch die Politik erreicht und es ist Wahlkampf. Die Vorwürfe wegen der schlechten Behandlung von Leih- und Zeitarbeitern richten sich aber primär gegen die Leiharbeitsfirmen. Denen droht das Bundesarbeitsministerium inzwischen mit einer Sonderprüfung. Die Firmen selbst äußern sich nicht. Die Bezahlung bei Amazon entspricht aber wohl den gültigen Standards. Mit einem Bruttostundenlohn von mindestens 9,55 Euro zahlt Amazon mehr als den gesetzlichen Mindestlohn für Zeitarbeiter, der derzeit im Westen bei 8,19 Euro und im Osten bei 7,50 Euro liegt.

Wo Amazon noch Ärger hat

In Großbritannien gab es im vergangenen Jahr eine Debatte darüber, wie sich Amazon und andere US-Konzerne mit legalen Tricks vor dem Steuerzahlen drückten. Ein Amazon-Vertreter musste vor einem Ausschuss des Parlaments erscheinen und wurde dort von den Parlamentariern vor laufenden Kameras in die Mangel genommen. In den USA hatten sich Mitarbeiter darüber beschwert, dass sie im heißen Sommer in unklimatisierten Lagerhallen schuften mussten. Nach US-Medienberichten erlitten mehrere Beschäftigte Schwächeanfälle. Amazon reagierte und rüstete Klimaanlagen nach.

Auch Trends wie Vegetarismus bemerke man. „Und dann gibt es ja noch die Supermärkte, die mitunter günstiger anbieten können. In vielen Städten haben Metzger dann kein Geld mehr verdient und mussten schließen.“ Und obwohl er noch keine hundert Konserve am Tag verkaufe, sei das Online-Geschäft zu einem zweiten Standbein geworden, berichtet Diem.

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