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10.12.2014

01:42 Uhr

Amazon-Gerichtsurteil

Warten auf Sicherheitschecks zählt nicht als Arbeitszeit

Sicherheitskontrollen sind keine Arbeitszeit: Laut einem US-Gerichtsurteil muss Amazon Beschäftigen das Warten nach der Arbeit nicht vergüten. Der Beschluss ist auch für andere Unternehmen wegweisend.

Schlechter Ausgang für Amazon-Mitarbeiter: Ein US-Gericht entschied, dass das Warten auf Sicherheitschecks nach dem Dienst nicht bezahlt werden muss. dpa

Schlechter Ausgang für Amazon-Mitarbeiter: Ein US-Gericht entschied, dass das Warten auf Sicherheitschecks nach dem Dienst nicht bezahlt werden muss.

WashingtonDas Warten auf eine Sicherheitsüberprüfung nach Schichtende gehört in den USA nach einer höchstrichterlichen Entscheidung nicht zur bezahlten Arbeitszeit. Damit gehen in einem konkreten Fall Leiharbeiter beim Online-Händler Amazon leer aus, die nach eigenen Angaben nach ihrer Schicht bis zu 25 Minuten warten mussten, bis sie die Diebstahlkontrolle passieren konnten. Der Oberste Gerichtshof der USA traf die Entscheidung, die für die gesamte Wirtschaft große Bedeutung hat, am Dienstag.

Die beiden Kläger waren nicht direkt bei Amazon angestellt, sondern bei einer Leiharbeitsfirma, die Arbeitskräfte für das Packen der Bestellungen von Online-Kunden zur Verfügung stellte. Amazon bestritt, dass die Kontrollen so lange dauerten; im Normalfall würden die Arbeiter nicht länger als 90 Sekunden aufgehalten. Amazon und viele Unternehmen in den USA wollen mit den Kontrollen den Diebstahl von Firmeneigentum durch Mitarbeiter verhindern.

Verfassungsrichter Clarence Thomas schrieb in der Urteilsbegründung, das Durchlaufen der Kontrolle sei nicht die „hauptsächliche Aktivität“ der Beschäftigten. „Integrity Staffing hat seine Arbeiter nicht beschäftigt, um Sicherheitskontrollen unterzogen zu werden, sondern um aus Regalen Produkte zu entnehmen und diese zum Versand an Amazon-Kunden einzupacken.“ Er begründete seine Entscheidung zudem mit einem Bundesgesetz, das besagt, dass Arbeitgeber nicht für Aktivitäten vor und nach der Arbeit zu zahlen hätten, wie das An- und Ausziehen von Schutzkleidung oder dem Schlangestehen vor der Stechuhr.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Schadet der Shitstorm?

Amazon selbst äußerte sich auf Nachfrage bisher nicht dazu, ob seit der Ausstrahlung der ARD-Doku weniger bestellt wurde. Doch ein Vergleich legt nahe: Zu große Sorgen muss sich Amazon wohl nicht machen. Auch über den deutschen Rivalen Zalando tobte bereits ein - wenn auch kleinerer - Sturm der Aufregung nach Berichten über schlechte Arbeitsbedingungen. Am rasanten Umsatzwachstum änderte das nichts. Von 2011 auf 2012 verdoppelte Zalando seine Erlöse von 510 Millionen auf 1,15 Milliarden Euro.

Folgen des Leiharbeiterskandals

Das ist schwer abzuschätzen. Die Empörung hat auch die Politik erreicht und es ist Wahlkampf. Die Vorwürfe wegen der schlechten Behandlung von Leih- und Zeitarbeitern richten sich aber primär gegen die Leiharbeitsfirmen. Denen droht das Bundesarbeitsministerium inzwischen mit einer Sonderprüfung. Die Firmen selbst äußern sich nicht. Die Bezahlung bei Amazon entspricht aber wohl den gültigen Standards. Mit einem Bruttostundenlohn von mindestens 9,55 Euro zahlt Amazon mehr als den gesetzlichen Mindestlohn für Zeitarbeiter, der derzeit im Westen bei 8,19 Euro und im Osten bei 7,50 Euro liegt.

Wo Amazon noch Ärger hat

In Großbritannien gab es im vergangenen Jahr eine Debatte darüber, wie sich Amazon und andere US-Konzerne mit legalen Tricks vor dem Steuerzahlen drückten. Ein Amazon-Vertreter musste vor einem Ausschuss des Parlaments erscheinen und wurde dort von den Parlamentariern vor laufenden Kameras in die Mangel genommen. In den USA hatten sich Mitarbeiter darüber beschwert, dass sie im heißen Sommer in unklimatisierten Lagerhallen schuften mussten. Nach US-Medienberichten erlitten mehrere Beschäftigte Schwächeanfälle. Amazon reagierte und rüstete Klimaanlagen nach.

Die Vorinstanz hatte den Klägern noch im vergangenen Jahr Recht gegeben. Seitdem haben fast 100 000 Amazon-Beschäftigte auf bezahlte Überstunden wegen des Wartens auf die Kontrolle geklagt. Das Urteil betrifft die ganze US-Wirtschaft - Kontrollen sind bei vielen Firmen üblich, um Diebstahl zu verhindern. Auch gegen den Smartphone-Konzern Apple und das Pharmaunternehmen CVS Pharmacy hat es schon Klagen nach dem Muster gegeben.

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