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17.06.2013

18:51 Uhr

Amazon-Streik

„Wir sind hier nicht in Texas“

Das größte deutsche Versandlager des Online-Shoppingriesen Amazon wird bestreikt, tausend Mitarbeiter sollen die Arbeit niedergelegt haben. Das amerikanische Unternehmen verweigert ihnen einen Tarifvertrag.

Bad Hersfeld wurde bereits am 9. April bestreikt (Foto). dpa

Bad Hersfeld wurde bereits am 9. April bestreikt (Foto).

Bad HersfeldMit dem ersten mehrtägigen Streik in den Amazon-Versandlagern in Leipzig und Bad Hersfeld erhöht die Gewerkschaft Verdi den Druck im Tarifstreit mit dem US-Versandriesen. Am Montag legten nach Gewerkschaftsangaben insgesamt mehr als 1000 Mitarbeiter an den beiden Standorten die Arbeit nieder. Amazon sprach dagegen von „weniger als 750 Mitarbeitern“, die nicht wie eingeplant zur Schicht erschienen seien. Die Mehrheit habe regulär gearbeitet. Am Dienstag soll weiter gestreikt werden.

„Die Stimmung ist gut. Die Kollegen wollen es jetzt wissen - und das ist auch richtig so“, sagte Verdi-Chef Frank Bsirske in Leipzig. „Es muss Schluss sein damit, dass sie wie Arbeitnehmer zweiter Klasse behandelt werden.“ Für die Amazon-Mitarbeiter stehe ein Tarifvertrag wie im Einzel- und Versandhandel an. Bsirske: „Was nicht ansteht, ist Wild West wie in Texas. Wir sind hier nicht in Texas!“

Wegen Leiharbeit kritisierte Firmen

Daimler

In der ARD-Reportage „Hungerlohn am Fließband“ (ausgestrahlt am 13. Mai 2013) wird gegen Daimler der Vorwurf erhoben, illegal Leiharbeiter über Werkverträge zu beschäftigen. Das Unternehmen hat die Vorwürfe zurückgewiesen und dem ausführenden SWR unter anderem vorgeworfen, Passagen des 45-minütigen Films „fingiert“ zu haben. Für die Reportage hatte ein Reporter verdeckt für zwei Wochen im Daimler-Stammwerk Stuttgart-Untertürkheim gearbeitet.

Amazon

Februar 2013: Eine ARD-Fernsehreportage über die Arbeits- und Lebensbedingungen von Leiharbeitern am Amazon-Standort im hessischen Bad Hersfeld sorgt für Wirbel. Die Saisonarbeiter sollen dem Bericht zufolge von privaten Sicherheitsdiensten schikaniert worden sein.

BMW

September 2012: BMW kündigt an, die Leiharbeiterquote im Gesamtunternehmen auf acht Prozent zu begrenzen. Zuvor gab es einen jahrelangen Streit mit der Gewerkschaft IG Metall über den Einsatz von Leiharbeitern. Die Arbeitnehmer-Vertreter geben an, zu Spitzenzeiten habe die Quote bei über 15 Prozent gelegen.

Deutsche Post DHL

Mai 2012: Internationale Gewerkschaften werfen der Deutschen Post DHL vor, außerhalb Europas Arbeitnehmerrechte zu verletzen. Die Logistiktochter DHL habe eine „beschämende Bilanz“ beim übermäßigen Einsatz von schlecht bezahlten Zeit- und Leiharbeitern. Die Deutsche Post teilt mit, sie arbeite gemäß nationaler Gesetze und Gepflogenheiten der jeweiligen Länder.

GLS

Mai 2012: In einer TV-Reportage berichtet Journalist Günter Wallraff über seine verdeckte Recherche beim Paketzusteller GLS: Fahrer seien dort zu schwer durchschaubaren Bedingungen und in oft nur mündlichen Verträgen als Subunternehmer verpflichtet worden. Leiharbeiter würden zu Dumpinglöhnen scheinselbstständig angeheuert. GLS weist die Vorwürfe zurück.

Zalando

Juli 2012: Das ZDF berichtet über die Arbeitsbedingungen bei einem Dienstleister des Internet-Versandhandels Zalando in Großbeeren (Brandenburg). Ein großer Teil der Lagerarbeiter dieses Dienstleisters sei als Leiharbeiter beschäftigt. Sie dürften sich während ihrer Arbeitszeit nicht hinsetzen und erhielten nur den Mindestlohn von 7,01 Euro pro Stunde. Zalando weißt darauf hin, dass die 7,01 Euro der Einstiegslohn in der Zeitarbeit in Ostdeutschland sei. Feste Mitarbeiter würden mehr verdienen. Inzwischen hat Zalando ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung umgesetzt.


Verdi ist nach Angaben von Gewerkschaftssekretär Thomas Schneider auf eine lange Auseinandersetzung eingestellt. „Was wir momentan hören, ist, dass Amazon sehr hart ist und sehr sturköpfig. Einen Langzeitstreik wollen wir nicht unbedingt, aber wenn es sich nicht vermeiden lässt, sind wir auch dazu bereit“, sagte Schneider in Leipzig. Verdi fordert für die Beschäftigten einen Tarifvertrag nach den Konditionen des Einzel- und Versandhandels mit höheren Löhnen, Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie Nachtzuschlägen bereits ab 20.00 Uhr.

Das US-Unternehmen lehnt diese Forderungen ab und orientiert sich nach eigener Darstellung an der Bezahlung in der Logistikbranche. „Amazons Versandzentren sind Logistikunternehmen, die Kundenbestellungen ausführen. Es handelt sich hierbei um typische Aufgaben aus dem Logistikbereich, wie Lagerung, Verpackung und Versand von Artikeln“, teilte Amazon mit. Der Streik am Montag habe „keinerlei Auswirkungen auf den Versand an Kunden“ gehabt.

Am Standort Leipzig sind nach Angaben der Gewerkschaft rund 450 Mitarbeiter der Früh- und Spätschicht vor den Werkstoren geblieben. In Bad Hersfeld beteiligten sich laut Verdi bis zum Nachmittag rund 600 Kollegen an dem Streik. „Wir sind sehr zufrieden. Man muss bedenken, dass auch schon Urlaubszeit ist“, sagte Verdi-Sprecherin Mechthild Middeke. In Bad Hersfeld hat Amazon mehr als 3000 Mitarbeiter, in Leipzig sind es etwa 2000.

Amazon ist der weltgrößte Online-Versandhändler. Er hat in Deutschland acht Versandlager und rund 9000 Mitarbeiter. Ein neuntes Logistikzentrum soll 2013 im brandenburgischen Brieselang entstehen. Dort sollen langfristig 1000 Arbeitsplätze entstehen, kündigte das Unternehmen am Montag an.

Von

dpa

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

17.06.2013, 10:05 Uhr

Wenn wir bald die Freihandelszone mit den USA haben - gibts vielleicht gar keine Tarifverträge mehr! Das freut dann die Konzerneigner, die Reichen dieser Welt!

Gewerkschaftsopfer

17.06.2013, 11:05 Uhr

...die nimmersatten Einpeitscher von Gewerkschafter wollen sicherlich den gleichen Weg wie bei Karstadt gehen, nämlich bis zum Ende, bzw. bis zur Pleite, dann haben die Dummköpfe auch keinen Arbeitsplatz mehr-bis auf die Gewerkschaftsfunktionäre.

Account gelöscht!

17.06.2013, 13:09 Uhr

Aber gerade Karstadt ist ein Beispiel - wie so oft - wie die Gier der Eigner den Konzern ruiniert, und keineswegs die Belegschaft. entsprechend muß da auch angesetzt werden.
War es nicht Karstadt, dessen Immobilien dubius ausgegründet und zum Zwecke des eigenen Gewinnes zum Schaden des Konzernes vermietet wurde?

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