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18.12.2014

12:44 Uhr

Amazon und die Streiks

Die eiserne Lady des Versandhandels

VonLisa Hegemann

Seit Monaten bestreikt die Gewerkschaft Verdi Amazon. Doch der US-Versandhändler reagiert darauf nicht: Der Konzern liefert seine Pakete einfach weiter aus. Es ist nur ein Beispiel für die eiserne Macht des Unternehmens.

Tarifkonflikt

Bei Amazon wird gestreikt, aber keiner merkt´s

Tarifkonflikt: Bei Amazon wird gestreikt, aber keiner merkt´s

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DüsseldorfSie streiken und streiken und streiken: Seit Monaten ruft die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi die Mitarbeiter von Amazon zu Arbeitsniederlegungen auf – jetzt selbst kurz vor Weihnachten. Die Forderung: ein Tarifvertrag nach Einzelhandelsbedingungen. Doch während die Streiks bei Lokführern oder Piloten gleich ganz Deutschland lahm legen, merken die Amazon-Kunden von den Streiks wenig bis gar nichts.

Auch, weil der US-Konzern die fehlende Arbeitskraft leicht kompensieren kann: Allein für die Vorweihnachtszeit hat Amazon 10.000 zusätzliche Saisonarbeiter eingestellt – damit beschäftigt das Unternehmen derzeit sogar mehr Befristete als Festangestellte.

Doch die Ignoranz Amazons gegenüber den Streiks ist mehr als nur ein Aussitzen. Es ist Methode; eine Machtdemonstration, die längst nicht mehr nur die Mitarbeiter, sondern auch Zulieferer und Hersteller zu spüren bekommen. Amazon, die eiserne Lady des E-Commerce.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Am Beispiel der Streiks wird die Macht Amazons besonders deutlich. Seit mehr als einem Jahr legen deutsche Mitarbeiter immer wieder ihre Arbeit nieder, derzeit befinden sich fünf Standorte (Bad Hersfeld, Leipzig, Werne, Rheinberg, Graben) im Ausstand. In Graben soll das Logistikzentrum sogar bis zum 24. Dezember bestreikt werden. Verdi-Streikleiter Thomas Schneider sprach am Donnerstagmorgen von 2500 Mitarbeitern, die deutschlandweit die Arbeit niederlegten.

Die Reaktion Amazons? Gelassen. „Die Ausfälle sind nicht groß. Deshalb gilt auch weiterhin: Wir liefern pünktlich“, sagte Deutschland-Chef Ralf Kleber vor kurzem. Amazon verfügt in Europa über 28 Standorte. Man könne jederzeit auf die Streiks reagieren, hieß es weiter. Zudem arbeite die Mehrheit der Mitarbeiter ohnehin normal weiter.

Kommen Ihre Pakete pünktlich an?

Amazon kommt in diesem Zusammenhang auch zugute, dass zur Weihnachtszeit ohnehin 10.000 zusätzliche Zeitarbeiter aushelfen – als Stütze für die 9000 Festangestellten. Sprich: Selbst, wenn sich alle Vollzeitmitarbeiter im Streik befänden, könnte Amazon das normale Geschäft wohl überwiegend aufrechterhalten.

Es ist diese Macht, die Amazon auch in anderen Bereichen demonstriert. Im August stellten sich mehr als 900 US-Schriftsteller und mehr als 1000 deutschsprachige Autoren gegen das Amazon-Diktat und schrieben einen offenen Brief an Amazon-Chef Jeff Bezos. In dem Schreiben kritisierten sie, dass das Unternehmen die Schriftsteller „als Geiseln“ nehme. Der Versandhändler habe Empfehlungslisten manipuliert und längere Lieferzeiten angegeben, als tatsächlich vorhanden, um Verlage und Autoren bei Verhandlungen unter Druck zu setzen.

Kommentare (11)

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Herr wulff baer

18.12.2014, 12:54 Uhr

Bei Amazon sind nur ca. 10% der Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert.
Die meisten der restlichen 90% sind mit den Arbeitsbedingungen und der Bezahlung zufrieden, nur Verdi nicht.
Das aber ist für Amazon kein Problem, denn wenn Verdi weiterhin Druck macht, wird Amazon seine Logistik nach Polen verlagern.
Für die Beschäftigten nicht so gut, für uns Amazon-Kunden dagegen möglicherweise ein Vorteil, denn die Löhne in Polen sind 60-70% niedriger - und Verdi ist weit weg.

Herr J.-Fr. Pella

18.12.2014, 12:58 Uhr

Dies ist nur ein kleiner Vorgeschmack dessen, was auf uns zukommt, sollte TTIP verabschiedet werden.
Da ist der Mindestlohn von 8,50 Euro direkt als einmaliges Weihnachtsgeschenk anzusehen.
Aber unser Aller überschlaue Mutti A. Merkel und der Oberlehrer Gabriel können es kaum abwarten, die Bevölkerung in Deutschland den Amis auszuliefern und wieder die Sklaverei einzuführen.
Jetzt weiß man auch was in Dresden passiert.

Herr jochen müller

18.12.2014, 13:09 Uhr

Russland ist nur ein kleiner Vorgeschmack, was passiert wenn man auf den Mob in Dresden hört.
Genau der Welthandel ist Böse und die gleichgeschaltete Presse noch viel mehr.
Sie sind nicht die Bevölkerung von Deutschland, sehen Sie das endlich ein.
Amazon zahlt 12.50€ und das ist über dem Logistik Tarif und auch im Einzelhandel gibt es genug die weniger verdienen.

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