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08.10.2014

09:58 Uhr

Amazon vor dem Supreme Court

Kein Lohn für die Sicherheitskontrolle

Die Amazon-Mitarbeiter in den USA wehren sich gegen unbezahlte Sicherheitskontrollen und ziehen vor dem Supreme Court. Doch die Arbeitgeber haben einen starken Befürworter für sich gewonnen: die US-Regierung.

Eine Amazon-Mitarbeiterin in den USA: Nach jeder Schicht müssen die Angestellten durch den Sicherheitscheck. Bezahlt werden sie dafür nicht. ap

Eine Amazon-Mitarbeiterin in den USA: Nach jeder Schicht müssen die Angestellten durch den Sicherheitscheck. Bezahlt werden sie dafür nicht.

DüsseldorfVon wegen schneller Feierabend: Wer in den USA bei Amazon arbeitet, muss sich nach der Schicht auf Kontrollen einstellen. Denn bevor jemand nach Hause gehen darf, wird geprüft, ob er auch nichts mitgenommen oder geklaut hat. Doch die Sicherheitschecks können je nach Geschäftigkeit 20 Minuten und länger dauern. Das Problem: Die Angestellten des US-Versandhändlers bekommen diese Zeit nicht bezahlt. Mitarbeiter in den Vereinigten Staaten haben deshalb vor vier Jahren auf Kompensation geklagt.

Nun landet der Fall vor dem obersten US-Gericht, dem Supreme Court. Ab Mittwoch soll in einer mündlichen Verhandlung geklärt werden, ob die Amazon-Mitarbeiter Anspruch auf Bezahlung während der Kontrollen haben. Doch nicht Amazon selbst ist angeklagt, sondern die Zeitarbeitsfirma mit dem angesichts der Klage kuriosen Namen „Integrity“ (zu deutsch: Integrität). Das Unternehmen vermittelt Personal für die Lagerhäuser des Onlinehändlers.

Die Arbeitnehmer argumentieren, dass teils Hunderte Angestellte gleichzeitig ihre Schicht beenden und sie dementsprechend an den Kontrollen lange warten müssen. Von dem Screening profitierten aber lediglich Amazon und Integrity, nicht die Arbeitnehmer, sagte ein Vertreter gegenüber der US-Ausgabe der „Huffington Post“. Deshalb verlangen sie, diese Zeit bezahlt zu bekommen.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Schadet der Shitstorm?

Amazon selbst äußerte sich auf Nachfrage bisher nicht dazu, ob seit der Ausstrahlung der ARD-Doku weniger bestellt wurde. Doch ein Vergleich legt nahe: Zu große Sorgen muss sich Amazon wohl nicht machen. Auch über den deutschen Rivalen Zalando tobte bereits ein - wenn auch kleinerer - Sturm der Aufregung nach Berichten über schlechte Arbeitsbedingungen. Am rasanten Umsatzwachstum änderte das nichts. Von 2011 auf 2012 verdoppelte Zalando seine Erlöse von 510 Millionen auf 1,15 Milliarden Euro.

Folgen des Leiharbeiterskandals

Das ist schwer abzuschätzen. Die Empörung hat auch die Politik erreicht und es ist Wahlkampf. Die Vorwürfe wegen der schlechten Behandlung von Leih- und Zeitarbeitern richten sich aber primär gegen die Leiharbeitsfirmen. Denen droht das Bundesarbeitsministerium inzwischen mit einer Sonderprüfung. Die Firmen selbst äußern sich nicht. Die Bezahlung bei Amazon entspricht aber wohl den gültigen Standards. Mit einem Bruttostundenlohn von mindestens 9,55 Euro zahlt Amazon mehr als den gesetzlichen Mindestlohn für Zeitarbeiter, der derzeit im Westen bei 8,19 Euro und im Osten bei 7,50 Euro liegt.

Wo Amazon noch Ärger hat

In Großbritannien gab es im vergangenen Jahr eine Debatte darüber, wie sich Amazon und andere US-Konzerne mit legalen Tricks vor dem Steuerzahlen drückten. Ein Amazon-Vertreter musste vor einem Ausschuss des Parlaments erscheinen und wurde dort von den Parlamentariern vor laufenden Kameras in die Mangel genommen. In den USA hatten sich Mitarbeiter darüber beschwert, dass sie im heißen Sommer in unklimatisierten Lagerhallen schuften mussten. Nach US-Medienberichten erlitten mehrere Beschäftigte Schwächeanfälle. Amazon reagierte und rüstete Klimaanlagen nach.

Integrity selbst ist sich keiner Schuld bewusst. Die Zeitarbeitsfirma argumentiert nach Angaben der „Huffington Post“, dass die Durchsuchungen „nicht wesentlich und unverzichtbar“ für die Arbeit der Angestellten sei und dass die Beschäftigten dementsprechend keinen Anspruch auf Bezahlung in dieser Zeit hätten. Der Zusatz „nicht wesentlich und unverzichtbar“ ist nach US-Recht deshalb wichtig, weil danach entschieden wird, ob ein Arbeitgeber Tätigkeiten vor oder nach der Schicht bezahlen muss oder nicht. Im letzten Mai hatte ein Anwalt des Unternehmens es noch deutlicher formuliert: „Kein Gericht hat je entschieden, dass „das Gesetz nicht brechen“ eine Aufgabe auf der Arbeit ist, die der Arbeitgeber kompensieren muss“, argumentierte er.

Der Supreme Court muss daher eine grundlegende Frage entscheiden: Darf ein Arbeitgeber von seinem Angestellten verlangen, eine Tätigkeit, die als nicht wesentlich für seine Arbeit gilt, umsonst auszuführen? Eric Schnapper, Rechtsprofessor an der University of Washington, warnt in der „Huffington Post“ vor einem solchen Vorgehen. Wenn diese Frage mit „ja“ beantwortet wird, habe der Arbeitgeber die Möglichkeit, seinen Angestellten andere Tätigkeiten aufzutragen, ohne sie zu bezahlen – und könne sonst mit der Entlassung drohen.

„Da kann man sich alle möglichen Sachen vorstellen“, so Schnapper. So könne demnächst ein Einzelhändler dann möglicherweise demnächst von seinem Kassierer argumentieren, den Kassensturz am Ende des Tages nicht mehr zu bezahlen, weil er nicht der entscheidende Teil des Jobs sei.

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