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13.08.2015

13:49 Uhr

Analyse zum neuen Millionen-Verlust

Air Berlin wird zum Kunstflieger

VonChristoph Schlautmann

Wieder weniger Umsatz und ein noch größeres Minus: Air Berlin legt ein Katastrophen-Quartal hin. Der neue Chef Stefan Pichler hält die Airline dennoch in der Luft. Dabei ist kaum noch Geld in der Kasse. Eine Analyse.

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DüsseldorfStefan Pichler, seit Februar Chef von Air Berlin, macht den angeschlagenen Lufthansa-Verfolger zum Kunstflieger. Der 57-jährige Airline-Spitzenmanager hält Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft in der Luft, obwohl diese inzwischen mit einem Drittel ihrer Bilanzsumme überschuldet ist.

Auch die katastrophalen Quartalsergebnisse, die Pichler am Mittwochabend vorlegte, lassen ihn nicht an einer Weiterführungs-Perspektive für Air Berlin zweifeln. „Ich bin überzeugt, dass Air Berlin mit den eingeleiteten Maßnahmen zur Effizienzsteigerung gut aufgestellt ist“, erklärte er. Das Risiko, sich später einmal wegen Insolvenzverschleppung vor Gericht verantworten zu müssen, sieht er nicht.

Dabei ist eine Besserung bei der Airline, die in den vergangenen sieben Jahren nur einmal einen Gewinn ausweisen konnte, bislang kaum absehbar. Der Umsatz sackte im jüngsten Quartal um sieben Prozent ab auf 1,07 Milliarden Euro, der Verlust vor Steuern und Zinsen (Ebit) verdoppelte sich auf 16 Millionen Euro. Nicht einmal die gefallenen Kerosinkosten konnten das Ergebnis aufhellen.

Air Berlin – schneller Aufstieg, jahrelange Turbulenzen

Die Anfänge

Vor 37 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Gegründet wurde Air Berlin als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Der Erstflug ging am 28. April 1979 von Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasste zunächst zwei Maschinen. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch inzwischen steckt die Fluglinie seit Jahren in der Krise.

1990er-Jahre

1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

2004-2007

2004: Einstieg bei der Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda

2006: Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba

2007: Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge

2008

2008: Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

2010

Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

2011

Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

2012

Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

2013

Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen. 400 Millionen Euro sollen bis Ende 2014 eingespart werden.

2015

Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

2016

Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

2017

Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

15. August 2017

Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.

Die Aktie setzte den vor vier Jahren eingeleiteten Tiefflug deshalb fort und verlor zeitweise mehr als vier Prozent.

„Wir werden mit der Restrukturierung in der zweiten Jahreshälfte beginnen“, versprach Pichler jetzt. Dann werde er noch einmal das Netz überarbeiten und entscheiden, welche Flugrouten gestrichen werden. Zudem will er sich von Piloten trennen, die nach dem Verkauf mehrerer Flugzeuge nun unterbeschäftigt sind. Sie hätten die Option, zum Großaktionär Etihad zu wechseln, sagte er. Etihad besitzt seit 2011 knapp 30 Prozent an Air Berlin und sichert der Gesellschaft seit Jahren mit Finanzspritzen den Flugbetrieb.

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