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08.08.2014

13:46 Uhr

Angst vor Streiks

Amazon will Lieferungen über Polen umleiten

Amazon will offenbar verhindern, dass das Weihnachtsgeschäft durch Streiks gestört wird. Einem Bericht zufolge will der Versandhändler Lieferungen für deutsche Kunden über Polen umleiten. Die Verlage üben Kritik.

Damit das Weihnachtsgeschäft nicht gestört wird, will Amazon diesmal offenbar gleich im vorhinein Waren im Ausland einlagern. ap

Damit das Weihnachtsgeschäft nicht gestört wird, will Amazon diesmal offenbar gleich im vorhinein Waren im Ausland einlagern.

Berlin Der Online-Versandhändler Amazon fordert einem Medienbericht zufolge von deutschen Verlagen, Lieferungen an inländische Kunden künftig auch über ausländische Logistikzentren abzuwickeln. Ab September sollten die Verlage 40 Prozent ihrer Bücher, Hörbücher und anderer Medien über Logistikstandorte in Polen und Tschechien an inländische Kunden liefern lassen, berichtete die „Welt“ am Freitag in ihrer Online-Ausgabe und zitierte aus einem Amazon-Schreiben an die Verlagshäuser. Diese seien darin auf die bevorstehende Eröffnung von zunächst zwei neuen Vertriebszentren in Polen hingewiesen worden.

Amazon wolle offenbar verhindern, dass die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wie im Vorjahr mit Streiks das Weihnachtsgeschäft störe, berichtete die „Welt“. Damals seien schon Warenströme für deutsche Kunden über Zentren im Ausland umgeleitet worden, unter anderem über Frankreich. Diesmal wolle Amazon offenbar gleich im vorhinein Warenmengen im Ausland einlagern.

„Wir schauen uns das genau an, sind aber relativ gelassen“, zitierte die „Welt“ eine Verdi-Sprecherin. „Amazons Lieferversprechen setzen der Verlagerungsstrategie Grenzen.“

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Bei den deutschen Verlagen stößt der Vorstoß von Amazon auf heftige Kritik. „Amazons Plan bedeutet eine Vervielfachung der Wege und der damit verbundenen Kosten für die Verlage“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Alexander Skipis, der „Welt“. „Wir sind nicht bereit, die zusätzlichen Kosten zu übernehmen“, hieß es dem Bericht zufolge auch bei einem der größten deutschen Buchproduzenten, der namentlich nicht genannt wurde. Dies sei „die Linie, die sich generell durch die Verlage zieht“.

Amazon betonte laut „Welt“, es gebe keine Pläne, eines der bestehenden 25 Zentren in Europa zu schließen. Die neuen Zentren sollten das Wachstum in Europa unterstützen. „Aus diesem Grund wurden vorab Lieferanten über die neuen Anlieferadressen informiert“, sagte ein Sprecher.

Von

afp

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