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08.10.2013

13:19 Uhr

Anuga 2013

Laktose- und glutenfrei als Marketing-Trick

VonCarina Kontio

Zehn Messen in 3,5 Stunden: Auf 284.000 m² bildet die Anuga in Köln die komplette Lebensmittelbranche unter einem Dach ab. Wir haben uns auf der weltgrößten Ernährungsmesse umgeschaut und zweifelhafte Trends untersucht.

Der Feind in meiner Milch: Laktosefreie Produkte kaufen auch immer mehr Menschen ohne Unverträglichkeiten – für die Branche ein gutes Geschäft. (Quelle: Screenshot MinusL-Homepage)

Der Feind in meiner Milch: Laktosefreie Produkte kaufen auch immer mehr Menschen ohne Unverträglichkeiten – für die Branche ein gutes Geschäft.

(Quelle: Screenshot MinusL-Homepage)

DüsseldorfHier ein Käsehäppchen, da eine Meersalz-Pommes und eine Ecke weiter eine Scheibe Wurst: Auf der weltgrößten Ernährungsmesse Anuga wird wieder tagelang geschlemmt und geschmatzt. Noch bis zum 10. Oktober probieren sich hier in Köln Tausende Einkäufer quer durch die Neuheiten der Hersteller, um an Ende zu entscheiden, was demnächst im Supermarktregal landet. Vor zwei Jahren wurden hier über 155.000 Besucher aus 180 Ländern gezählt. Auch diesmal wird mit einem ähnlichen Ansturm gerechnet.

Bei all der Schlemmerei dürfte bei dem ein oder andren Fachbesucher das Bauchgrummeln schon programmiert sein. Dagegen hilft nur eins: bewegen, bewegen, bewegen. Schließlich befindet sich die Anuga mit ihren elf teilweise mehrgeschossigen Hallen auf dem weltweit fünftgrößten Messegelände – wer die 284.000 Quadratmeter an einem Tag schafft, kann sich das schlechte Gewissen und die anschließende Blitz-Diät sparen.

Es braucht nicht lange, um herauszufinden, was in diesem Jahr hier im Mittelpunkt steht: es sind vor allem Biolebensmittel, vegetarische und regionale Produkte sowie fair gehandelte Waren, die hier aufgetischt werden. „Die Verbraucher fragen das immer stärker nach und wir reagieren natürlich darauf“, heißt es am Stand der Privatmolkerei Bauer, die mit gentechnikfreiem Schmand und Fruchtjoghurt angereist ist. „Lebensmittel ohne Gentechnik stehen hoch im Kurs.“

10 Irrtümer bei Laktoseintoleranz

Irrtum 1: Die Diagnose kann jeder Arzt stellen

Die richtige Diagnose kann jeder Arzt stellen. Wenn Sie glauben, dass sie unter einer Milchzuckerunverträglichkeit (Laktoseintoleranz) leiden, lassen Sie die Diagnose auf jeden Fall von einem Facharzt, z.B. Allergologen, erstellen. Es sollte ein Atemtest durchgeführt werden. Leider überprüfen einige Ärzte ihre Patienten mit unzureichenden Methoden ohne Aussagekraft, z.B. führen einige Hausärzte Blutzuckerbelastungstests durch.

Zuweilen werden auch psychische Probleme für die Symptome verantwortlich gemacht. Wenn eine Magen- oder Darmspiegelung durchgeführt wird, werden die Ergebnisse bei einer Laktoseunverträglichkeit unauffällig sein. Gerade deswegen ist eine richtige Diagnosestellung wichtig.

(Quelle: Verbraucherzentrale Hamburg)

Irrtum 2: Gar keine Laktose bei Unverträglichkeit

Wenn die Unverträglichkeit auftritt, darf man gar keine Laktose mehr essen. Jeder Mensch mit einer Milchzuckerunverträglichkeit hat eine persönliche Toleranzgrenze. Ausschlaggebend dafür ist die individuelle Aktivität eines Enzyms (Laktase) im Darm, die z.B. im Laufe des Lebens niedriger werden kann. Es geht nicht darum, völlig laktosefrei zu essen, sondern darum, eine bestimmte Menge nicht zu überschreiten.

Irrtum 3: Auch Aromen können schädlich sein

Bei Aromen und Geschmacksverstärkern muss man vorsichtig sein. Viele Fertigprodukte wie Salatsoßen, Tütensuppen, Milchreis oder Eiscreme enthalten Laktose, der Anteil ist teilweise hoch und nicht verträglich. Alle Zutaten müssen in der Zutatenliste auf der Verpackung genannt werden. Je weiter vorne Milch, Milchprodukte wie Sahne, Molke oder Milchpulver stehen, umso größer ist ihr Anteil.
Aromen und Geschmacksverstärker stehen meistens am Ende der Liste. Laktose kann ein Trägerstoff dieser Zutaten sein, hat aber von der Menge her keine Bedeutung.

Irrtum 4: Auf milchzuckerhaltige Tabletten verzichten

Auf milchzuckerhaltige Tabletten muss man generell verzichten. Die geringen Laktosemengen in Arzneimitteln (Pillen) sind für milchzuckerempfindliche Personen mengenmäßig nicht bedenklich.

Irrtum 5: Meiden Sie Produkte mit Allergiehinweisen

Produkte mit Allergiehinweis „kann Spuren von Milch enthalten“ oder „kann Spuren von Laktose enthalten“ sollte man lieber meiden. Dieser Hinweis ist immer ein sicheres Zeichen dafür, dass es sich um generell
unbedenkliche Mengen handelt, weil sie entweder gar nicht oder nur in sehr geringen Spuren vorkommen.

Irrtum 6: Joghurts sind immer unbedenklich

Joghurts sind immer unbedenklich, weil Milchsäurebakterien die Laktose abbauen. Viele Fruchtjoghurts werden erhitzt, das kann zur Folge haben, dass die Bakterien nicht mehr ausreichend wirksam sind. Sie bauen kaum noch Laktose ab. Außerdem werden Joghurts häufig zusätzlich mit Milchpulver angereichert, z.B. um die Trockenmasse zu erhöhen. Dadurch erhöhen sich aber die Laktosegehalte. Am besten verträglich sind säuerliche Naturjoghurts ohne jegliche Zusätze.

Irrtum 7: Spezielle Milchprodukte sind nicht verträglicher

Irrtum 7: Spezielle Milchprodukte aus Südeuropa sind nicht verträglicher als andere. Ayran ist mit Wasser verdünnter Joghurt und enthält daher weniger Laktose. Joghurt nach griechischer Art oder Sahnejoghurt enthalten mehr Fett. Sie werden dadurch aber langsamer verdaut, so dass mehr Laktose im Körper aufgespalten werden kann.

Irrtum 8: Laktosefrei ist laktosefrei

Irrtum 8: Laktosefrei bedeutet 0 % Prozent Laktose. Der Begriff „laktosefrei“ ist rechtlich nicht geregelt und in sofern nicht korrekt, weil noch ein Restgehalt an Laktose zulässig ist. Es gibt Ausnahmegenehmigungen für
Firmen, die einen Gehalt von 100 mg/ pro 100 g Lebensmittel erlauben, selbst wenn „laktosefrei“ auf der Verpackung steht. Die Lebensmittelchemische Gesellschaft hält einen niedrigeren Laktosegehalt von 10 mg/ 100 g für angemessen. Zurzeit fehlt es noch an bundesweit einheitlichen Nachweisverfahren und vor allem an gesetzlichen Grenzwerten.

Irrtum 9: Keine Laktose in der Zutatenliste heißt laktosefrei

Wenn keine Laktose in der Zutatenliste steht, dann ist auch keine drin. Wenn Milch, Sahne, Süßmolkenpulver, Milcheiweiß oder Quark auf der Zutatenliste stehen, muss nicht extra auf den Gehalt von Laktose hingewiesen werden. Der Gesetzgeber geht davon aus, dass Verbraucher wissen, dass in diesen Produkten Laktose enthalten ist.

Irrtum 10: Laktose muss angegeben werden

Irrtum 10: Laktose muss in Speisekarten und bei loser Ware angegeben werden. Leider gibt es bisher keine Kennzeichnungspflicht für lose verkaufte Lebensmittel – weder beim Bäcker noch im Supermarkt. Die Kennzeichnungsvorschriften gelten zurzeit nur für verpackte Lebensmittel. Auch im Restaurant erfahren sie in der Speisekarte fast nie etwas über eventuelle Milchzusätze. In diesen Fällen müssen Sie nachfragen.
Erst ab 2014 ist Besserung in Sicht. Die neue Lebensmittelinformationsverordnung, die europaweit gelten wird, beinhaltet bessere Kennzeichnungsvorschriften.

Klingt an und für sich richtig gut, aber verkauft sich das Produkt denn auch gut? Die Antwort darauf lässt sich schwer zitieren, weil sie eine Kombination aus einem leisen „Ja-na-ja“ und einem betretenen Lächeln ist. Viel besser laufe aber Geschäft mit den laktosefreien Produkten, die Bauer seit April im Handel hat. „Rund zwölf Millionen Menschen in Deutschland haben schließlich eine Milchzuckerunverträglichkeit“, werden wir aufgeklärt.

Das dürfte auch den ein oder anderen Einkäufer freuen. Freilich nicht nur, weil er sich gerade mit Bauchschmerzen durch die Messehallen schiebt. Für die Lebensmittelindustrie sind diese Produkte ein lukratives, weil boomendes Geschäft. Derzeit stehen in deutschen Supermarktregalen rund 300 laktosefreie Artikel aus fast allen Sortimentsgruppen und der Umsatz mit dieser Nahrung stieg 2012 um mehr als 20 Prozent. Das fand der WDR in einer Untersuchung im Mai heraus.

Ob der Erfolg dieser Spezialnahrung nicht auch stark mit einem geschickten Marketing zu tun habe, dass die Unwissenheit der Verbraucher ausnutze, wollen wir wissen. „Nun ja“, sagt der junge Mann, beißt sich auf die Unterlippe und schweigt sich anstelle einer Antwort lieber wieder lächelnd aus.

Kommentare (10)

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Stinksauer

08.10.2013, 14:00 Uhr

Ist doch genial! Einfach das Label "laktosefrei" auf die Käsepackung gedruckt und den Preis verdoppelt. Sowas funktioniert auch nur, weil die meisten Leute überhaupt nicht wissen, was sie sich da zwischen die Kiemen schieben. Das ließe sich übrigens beliebig ausbauen: "alkoholfrei" auf die Wasserflasche, "nikotinfrei" auf die Schokolade oder "zuckerfrei" auf die Salami.

Account gelöscht!

08.10.2013, 14:28 Uhr

Sorry, aber bei der Salami würde das sogar Sinn machen.
Wie Sie schon sagten,"die meisten Leute wissen überhaupt nicht, was sie sich da zwischen die Kiemen schieben".

Sie sicher auch nicht.

Bue

08.10.2013, 14:36 Uhr

Dieser Artikel ist offensichtlich von jemandem geschrieben, der selbst keine Nahrungsmittelunverträglichkeiten hat. Dann ist es sehr einfach, dieses Thema als sinnfreien Trend abzutun und auf baldige Korrektur zu hoffen. Wenn man aber Zölaikie (=Glutenunverträglichkeit) hat, ist man sehr dankbar, wenn die Produkte klar gekennzeichnete und gerne auch als solche beworben werden. Es ist nämlich gerade nicht so, dass beispielsweise in Wurst keine Lactose oder kein Gluten enthalten ist. Der Artikel geht an der Wirklichkeit vorbei, wenn er darauf abstellt, dies sei "natürlicherweise" nicht der Fall. In sehr vielen Wurstsorten finden sich Lactose und/oder Gluten - selbst in denen vom Metzger. Dies liegt an der Beimischung von Gewürzen und anderen Inhaltsstoffen auf Weizen- oder Milchbasis. Mir erleichtert eine Bewerbung als "glutenfrei" den Einkauf. Ein Artikel, der dies aus Sicht eines Gesunden für unnötig hält, wirkt relativ arrogant.

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