Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.05.2017

12:08 Uhr

Arcandor-Prozess

Staatsanwälte attackieren Middelhoff und Aufseher

VonVolker Votsmeier

Ex-Arcandor-Vorstand Thomas Middelhoff sitzt wieder auf der Anklagebank im Essener Landgericht. Mit ihm sechs weitere Beschuldigte. Im Prozess soll die Pleite des untergangenen Warenhauskonzerns aufgeklärt werden.

Erneut vor Gericht

Ex-Arcandor Chef droht mehrjährige Haftstrafe

Erneut vor Gericht: Ex-Arcandor Chef droht mehrjährige Haftstrafe

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Die Anklagebank ist voll besetzt. Streng genommen sind es zwei lange Tische, an denen die sieben Beschuldigten und ihre Verteidiger Platz genommen haben. Ganz rechts, in der hinteren Reihe, sitzt der prominenteste der Angeklagten: Thomas Middelhoff, der frühere Chef des längst untergegangenen Warenhauskonzerns Arcandor.

Der einstige Top-Manager macht einen gefassten Eindruck, er trägt einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und eine blau gemusterte Krawatte. Middelhoff wurde Ende 2014 bereits zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt, weil er das Arcandor-Vermögen veruntreut hat und Steuerhinterziehung beging. Danach machte er schwere Zeiten durch. Middelhoff leidet an einer Autoimmunkrankheit und seine Ehe mit seiner Frau Cornelie ging in die Brüche.

Die Haftstrafe hat er noch nicht abgesessen. Als ihn Richter Edgar Loch nach seinem Wohnort fragt, antwortet Middelhoff knapp: „Das Gefängnis in Bielefeld, zur Zeit.“ Zum Familienstand sagt der 64-Jährige: „Verheiratet, zur Zeit in Scheidung lebend.“

Thomas Middelhoff betritt mit seinen Verteidigern den Gerichtssaal. dpa

Prozessauftakt

Thomas Middelhoff betritt mit seinen Verteidigern den Gerichtssaal.

Diesmal geht es für Middelhoff um die Frage, ob er sich wegen einer Bonuszahlung von rund 2,3 Millionen Euro Ende des Jahres 2008 der Anstiftung zur Untreue schuldig gemacht hat. Der frühere Arcandor-Chef soll nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft die Mitglieder des „Ständigen Ausschusses“ des Aufsichtsrats derart beeinflusst haben, dass diese den Millionen-Bonus billigten, obwohl es dafür womöglich keinen haltbaren Grund gab. Im juristischen Sinne Haupttäter wären nach dieser Lesart die Aufsichtsräte, die damals ihren Segen gaben – und damit das Vermögen des bereits krisengeschüttelten Konzerns veruntreuten.

Auch der frühere Aufsichtsratschef Friedrich Carl Janssen sitzt heute deshalb auf der Anklagebank. Aufmerksam lauscht er den Worten der Staatsanwältin, die die 24-seitige Anklageschrift verliest. Auch der Ehemann der einstigen Arcandor-Großaktionärin Madeleine Schickedanz sowie der Ex-Rewe Boss Hans Reischl müssen sich wegen der Entscheidung die Vorwürfe anhören, daneben sind drei weitere Ex-Aufseher angeklagt. Mindestens 34 Verhandlungstage müssen sie nun über sich ergehen lassen. Bis zum 21. Dezember hat das Gericht sie hierher in den modernen Saal N001 am Landgericht Essen zitiert.

Prozessbeginn in Essen: Staatsanwälte werfen Arcandor-Aufsehern Untreue vor

Prozessbeginn in Essen

Premium Staatsanwälte werfen Arcandor-Aufsehern Untreue vor

In Essen startet der brisante Prozess gegen frühere Arcando-Aufseher und Ex-Vorstand Middelhoff. Es geht um mehr als die Aufarbeitung einer Pleite. In vielen Führungsetagen dürfte der Fall aufmerksam beobachtet werden.

In dem Prozess geht es um mehr, als die letzten Scherben von Arcandor zusammenzukehren. In vielen Führungsetagen deutscher Konzerne wird der Fall aufmerksam beobachtet – und es macht sich Nervosität breit. Denn vor dem Landgericht entscheidet sich, ob gewisse Vergütungspraktiken rechtlich haltbar sind – und ob sich Aufsichtsräte und Vorstände womöglich strafrechtlich angreifbar machen, wenn sie das Geld anderer Leute allzu großzügig verteilen. Juristen sprechen in der Causa Arcandor bereits vom Fall „Mannesmann II“. Ein Anwalt, der mit dem Fall vertraut ist, sagt: „Der Strafprozess hat eine sehr weitreichende Bedeutung für die Chefetagen deutscher Konzerne.“

Davon sind auch die Anwälte des Ex-Arcandor-Chefaufsehers Friedrich Carl Janssen überzeugt. Die aktuelle Anklage sei nur noch „ein Fragment“ der ursprünglich von der Staatsanwaltschaft Ende 2015 erhobenen Anklage. Sie sei im „Zwischenverfahren zerpflückt“ worden. Die Anwälte teilen in einer Erklärung mit, dass sie überzeugt sind, dass „das unternehmerische Ermessen der Beteiligten ordnungsgemäß ausgeübt“ worden sei.

Die besten Zitate von und über Thomas Middelhoff

Hintergrund

Als sich Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff 2014 vor dem Essener Landgericht wegen des Vorwurfs der Untreue verantworten musste, fielen einige denkwürdige Sätze. Eine Auswahl.

Die Katze auf dem heißen Blechdach

„Ich bin wie die Katze übers Dach. Ich musste drei Meter tief auf eine Garage springen und dann noch einmal drei Meter auf die Straße.“
(Middelhoff über seine filmreife Flucht vor Fotografen nach einem Termin bei einem Gerichtsvollzieher in Essen Ende Juli, bei dem er seine Vermögensverhältnisse hatte offenlegen müssen)

Apocalypse Now

„Das ist wie ein apokalyptischer Traum.“
(Middelhoff zu Pfändungsversuchen von Gläubigern am Rande seines Untreue-Prozesses vor dem Essener Landgericht)

Arbeit, Arbeit, Arbeit

„Er hat eigentlich immer gearbeitet, immer, immer.“
(Middelhoffs Gattin Cornelie Middelhoff als Zeugin vor Gericht zur Arbeitsbelastung ihres Mannes)

Das fliegende Büro

„Das war ein fliegendes Büro für ihn.“
(Ein früherer Mitarbeiter Middelhoffs als Zeuge vor Gericht zu den umstrittenen Charterflügen seines Ex-Chefs)

Stau

„Stau war das Schlimmste für ihn.“
(Der langjährige Fahrer des Managers als Zeuge vor Gericht)

Der Schaden des Thomas M.

„Mir und meiner unternehmerischen Tätigkeit ist großer Schaden zugefügt worden.“
(Middelhoff zu den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen ihn, die er als „uferlos“ und „unverhältnismäßig“ empfindet)

Von Gott gegeben

„Ich habe mich nie als Controllerin meines Chefs gesehen.“
(Eine ehemalige Sekretärin des Managers, die sagte, sie habe Middelhoffs Entscheidungen als „gottgegeben“ hingenommen.)

Middelhoffs Verteidigerin Anne Wehnert wies die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft in einer Erklärung zurück. „Das ist alles nicht zutreffend“, sagte Wehnert. Vor allem sei der Bonus nicht unzulässig gewesen. Außerdem habe ihr Mandant keinen entscheidenden Einfluss auf die Höhe der Zahlungen genommen. „Verhandelt oder gar ausgehandelt hat Middelhoff den Bonus nicht“, betonte Wehnert. Der Vorwurf der Ankläger, Middelhoff habe die Aufseher zur Untreue angestiftet, sei daher falsch.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Marc Hofmann

11.05.2017, 12:50 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Paul Kersey

11.05.2017, 14:20 Uhr

Gibt einen Freispruch. Wetten?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×