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01.02.2012

10:39 Uhr

Arme Ex-Superreiche

Was Schlecker und Schickedanz gemeinsam haben

VonCarina Kontio

Die einstige Milliardärsfamilie um Drogeriekönig Schlecker behauptet, ihre Milliarden seien futsch. Der ganz tiefe Absturz also? Das erinnert an die arme Frau Schickedanz, die angeblich beim Discounter einkaufen musste.

Meike Schlecker: "Es ist nichts mehr da." Reuters

Meike Schlecker: "Es ist nichts mehr da."

DüsseldorfEs ist kein Jahr her, da galten die Schleckers noch als eine der reichsten Familien in Deutschland. Und jetzt? Seit Montag ist alles futsch - sagt zumindest die Gründer-Tochter Meike Schlecker, als sie im Blitzlichtgewitter eine Botschaft verkündet, die es in sich hat: "Es ist nichts mehr da." Immer wieder sagt sie das und die Nachrichtenagenturen schreiben, dass sie dabei um Fassung ringt. Nicht nur die Drogeriekette ihres Vaters Anton Schlecker, sondern auch die ganze Familie habe das ganze Geld verloren. "Es wurde immer gesagt, wir hätten hunderte von Millionen auf die Seite geschafft." Doch das stimme nicht. "Das Vermögen meines Vaters war immer das Unternehmen", sagt die Managerin.

Und das ist nicht alles. Weil Meike und ihr 40-jähriger Bruder Lars selbst an eine Zukunft des väterlichen Konzerns glauben, hätten sie gute Teile ihres eigenen Geldes, insgesamt ein dreistelliger Millionenbetrag, in die Hand genommen, um in den vergangenen Jahren den laufenden Betrieb und die Eröffnung moderner Filialen zu finanzieren, sagt die Betriebswirtin.

Was Leser über die Schlecker-Pleite denken

Kein Anspruch auf Sozialleistungen

Stadtindianer: Wenn die Schleckers kein wesentliches Vermögen mehr haben, dann sollen sie doch Hartz IV beantragen, die Arbeitsagentur wird ihnen schon nachweisen, dass sie nichts zu kriegen haben.

Vorgetäuschte Mittellosigkeit

Stubi: Der Reichste kann sich mittellos machen. Man gründe eine Stiftung und schiebe sein Vermögen dort hin - das Vermögen gehört jetzt der Stiftung. Danach gewährt die Stiftung einem Kredite, um das Leben weiterhin in Luxus zu ermöglichen. Rechtlich könnte der Stiftungs-, Kreditnehmer auch Sozialhilfe beantragen. Er ist völlig mittellos. Dazu hat er gar noch Schulden.

Nicht mehr flüssig

bankruptcy: Die Insolvenz von Herrn Schlecker bedeutet nicht, dass er mittellos ist, sondern nur, dass seine liquiden Mittel bzw. sein kurzfristig liquidierbares Vermögen nicht ausreicht, seine fälligen Verbindlichkeiten zu begleichen.

Gebunkert auf Offshore-Konten

Klar: "Die ganze Familie steht vor dem Ruin." Das ist Unsinn, denn nur der Einzelkaufmann Anton Schlecker hat sich für eine taktische Insolvenz bzw. Planinsolvenz entschieden. Wie viele Millionen Euro aus seiner Privatschatulle er zuvor rechtmäßig auf Kinder und Angehörige übertragen oder ggf. auf Offshore-Konten gebunkert hat, wird niemand von uns je erfahren.

Das Märchen der armen Reichen

Leganord: Das Märchen der armen Familie Schlecker! Natürlich ist kein Privatvermögen mehr da. Dieses liegt doch schon lange alles sicher in der Schweiz. Leute dieses Kalibers gehen NIEMALS richtig pleite.

Nur ein Schachzug

Rene: Das ist doch wieder ein neuer Schachzug. Würde mich nicht wundern, wenn am Ende irgend eine Subvention der grün-roten Landesregierung in BaWü stünde, um Schlecker und die armen Eigentümer zu "retten".

Eher ein Wunschtraum

MarkusZZ: Es ist kaum vorstellbar, dass Schlecker wirklich mit seinem ganzen Privatvermögen haften soll...das ist wohl eher ein Wunschtraum von vielen. Ausserdem hat er sicher Top-Berater an seiner Seite...

Kein Hungertuch für Meike & Co.

ihr: Die Familie Schlecker hat einige Milliarden Dollar Vermögen. Im Gegensatz zu den ausgebeuteten Mitarbeitern werden die nicht am Hungertuch nagen!

Kohle in anderem Aggregatzustand

Lach: Die Kohle hat nur einen anderen "Aggregatszustand" in Form von Immobilien, Gold & Silber, Kunstgegenstände usw. angenommen! Verarschen kann ich mich selbst! Das ist kein Neid!

Desaströse Pressekonferenz

auslandsrep: Dann soll sie Hartz IV beantragen und nicht so mitleidig desaströse, herzzerreißende Pressekonferenzen geben. Wenn NICHTS da ist, muss man sehen, wie man den nächsten Monat bezahlt! Also, Hartz IV beantragen. Ganz einfach. Wie alle. Und bewilligten Antrag veröffentlichen. Auf Facebook. Sonst - sonst ist Vermögen da - im Ausland...

Die Schleckers waren noch in der jüngsten Forbes-Liste deutscher Milliardäre enthalten - an die zwei Milliarden Euro sollten sie „wert sein“. Doch wo sind die Milliarden und wie pleite sind die Schleckers wirklich? Die Wahrheit wird wohl noch einige Zeit im Dunkeln bleiben, aber die Mehrzahl der Handelsblatt-Leser ist sich einig: So schlecht geht es Anton, Meike und Co. nicht. So kommentiert "LUKLUK11111145" auf Handelsblatt Online: "Jemand, der es zu einem solchen Vermögen gebracht hat, ist nicht so dumm, ein solches Risiko einzugehen." Der Leser "Teflon" ergänzt: "Und am Montag wird der Anton ALG II oder besser gleich Hartz IV beantragen gehen....wer glaubt, dass der nicht schon lange sein Privatschäfchen im Trocknen hat, der glaubt noch an den Weihnachtsmann."

Das Mitleid mit dem einstigen Drogeriekönig, der sich nie in die Karten hat schauen lassen, hält sich in diesen Tagen eher in Grenzen. Der 67-jährige Anton Schlecker hat eine für sein Unternehmen höchst riskante Rechtsform gewählt: den eingetragenen Kaufmann.

Schleckers Aufstieg und Fall

Drogerieriese und Familiengeschichte

Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:

1944

Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren

1965

Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.

1974

Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.

1975

Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.

1977

Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.

1984

Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.

1987

Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich

Dezember 1987

Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück

1990er

Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.

1994

Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.

2007

Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"

1998

Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.

2008

Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz

2010

Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.

November 2010

Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium

2011

Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)

2012

Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

Die erlaubt zwar schnelle und einsame Entscheidungen, lädt dem Unternehmer aber auch die volle Haftung auf - "mitverhaftet" sind allerdings auch fast 50.000 Mitarbeiter, von denen gerade viele um ihren Arbeitsplatz bangen. Wenn allerdings nicht demnächst irgendwo noch größere Schlecker-Reichtümer auftauchen, muss man wohl daran glauben, dass die Familie mit der Insolvenz alles verloren hat.

Anton Schlecker wäre jedoch nicht der erste Unternehmer in Deutschland, der sein Lebenswerk riskiert und einen Großteil seines Besitzes ruiniert hat.

Kommentare (15)

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auslandsrep

01.02.2012, 08:19 Uhr

Dann soll sie H4 beantragen und nicht so mitleidig desaströse, herzzerreißende Pressekonferenzen geben. Wenn NICHTS da ist, muss man sehen, wie man den nächsten Monat bezahlt! Also, H4 beantragen. Ganz einfach. Wie alle. Und bewilligten Antrag veröffentlichen. Auf Facebook. Sonst - sonst ist Vermögen da - im Ausland. ...

Account gelöscht!

01.02.2012, 08:23 Uhr

Wenn man bedenkt, wie viele Parasiten sich an Unternehmer hängen und dort genüßlich saugen, wäre sie ja blöd, würde sie zugeben, daß die Kriegskasse noch gefüllt ist. Den gierigen Zudringlingen entgeht man am einfachsten, indem man sich arm stellt....

marcher

01.02.2012, 09:15 Uhr

Was ist mit den ausländischen Schlecker-Gesellschaften?
Wenn Schleckers jetzt nichts mehr haben dann sind sie ja noch blöder als ich gedacht habe. Um kWaschmittelkosten zu sparen sollten sie bei Schlecker einkaufen
Aber wer kann dasalles glauben.
Es ist eine Unverschämtheit wie die Tochter da aufgetreten ist.

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