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04.11.2016

14:18 Uhr

Arriva und Schenker

Grube sagt Börsengang von Bahn-Töchtern ab

Mit dem Verkauf von Schenker und Arriva wollte Bahn-Chef Rüdiger Grube Geld für Investitionen einstreichen. Doch nach dem Brexit-Votum ändert der Vorstand seine Pläne. Neues Geld kommt aus anderer Quelle.

Der Bahn-Chef sagt die Börsengänge für die Konzerntöchter Arriva und Schenker vorerst ab. dpa

Rüdiger Grube

Der Bahn-Chef sagt die Börsengänge für die Konzerntöchter Arriva und Schenker vorerst ab.

BerlinDie Bahn will ihre Konzerntöchter Arriva und Schenker nun vorerst doch nicht an die Börse bringen. Der Vorstand werde dem Aufsichtsrat bei der Sitzung am 14. Dezember sagen, „dass wir auf Basis der aktuellen Einschätzung einen Börsengang nicht empfehlen können“, sagte Vorstandschef Rüdiger Grube der Deutschen Presse-Agentur. Über den Widerstand gegen die Börsenpläne hatte das Handelsblatt bereits im September berichtet. Zustimmung dafür kam aus der Politik.

Hintergrund des Kursschwenks ist das Votum der Briten für einen EU-Austritt ihres Landes. Die Bahn wollte bis zu 45 Prozent ihrer britischen Tochter Arriva an die Londoner Börse bringen. Zusammen mit dem Teilverkauf der internationalen Logistiksparte Schenker sollte das zusätzliche 4,5 Milliarden Euro für ein groß angelegtes Investitionsprogramm einbringen.

„Durch den Brexit hat sich die Welt leider grundlegend verändert“, sagte Grube und verwies auf die Abwertung des britischen Pfunds. „Wir würden also Geld aus dem Fenster werfen - und ein solches Handeln wäre töricht.“ Der Aufsichtsrat hatte vom Vorstand im Mai ein Konzept für eine Kapitalbeteiligung Dritter an den Töchtern verlangt. Nun werde der Vorstand im Dezember Stellung beziehen und einen Börsengang nicht empfehlen, kündigte Grube an.

Die Baustellen der Bahn

Fernverkehr

Im Herbst hat die Bahn den neuen ICE 4 vorgestellt – und sich im Fernverkehr Einiges vorgenommen. Um 25 Prozent soll das Angebot bis 2030 ausgebaut, fünfzig Millionen neue Fahrgäste gewonnen werden. Tatsächlich schafft es die Bahn mit ihrer Preisoffensive, etwa mit den 19-Euro-Tickets, mehr Fahrgäste in die Züge zu locken. Aber die Rendite leidet.

Güterverkehr

Der Güterverkehr der Bahn ist ein Sanierungsfall. Zwar verbesserte sich das Ergebnis von DB Cargo im ersten Halbjahr 2016, aber die Sparte ist defizitär – und das schon seit Jahren. Zwischen 2007 und 2015 stagnierte die Verkehrsleistung, und das in einer boomenden Wirtschaft. Private Anbieter, auch auf der Straße, machen der Bahn zunehmend Konkurrenz.

Pünktlichkeit

174,63 Millionen Minuten haben die Personen- und Güterzüge der Bahn 2015 an Verspätungen eingefahren. Hauptursache ist die wachsende Zahl von Baustellen. Zwar schneidet die Bahn im ersten Halbjahr 2016 besser ab. Aber: Das Bemühen um pünktliche Züge ist laut Bahnchef Grube „mit großen Kraftanstrengungen verbunden“.

Infrastruktur

Die Bahn investiert viel Geld in die Infrastruktur: Gut 5,2 Milliarden Euro flossen 2015 etwa in die Instandhaltung von Schienenwegen und Brücken. Doch es hapert bei der Koordinierung der vielen Baustellen. Und so verursacht die von Konzernchef Grube gefeierte „größte Modernisierungsoffensive in der Bahn-Geschichte“ vor allem eines: Verspätungen.

Privatisierung

Die Bahn braucht Geld, um den Schuldenanstieg zu bremsen. Geplant war deshalb ein Verkauf von maximal 40 Prozent der britischen Tochter Arriva und des Transport- und Logistikkonzerns DB Schenker. Arriva sollte im zweiten Quartal 2017 an der Londoner Börse starten, Schenker danach in Frankfurt. Doch die Pläne sind jetzt vom Tisch.

Stuttgart 21

Bahnchef Grube feierte kürzlich die Grundsteinlegung für den Stuttgarter Tiefbahnhof, aber das Großprojekt bleibt umstritten. Beim Volksentscheid 2011 war noch von 4,5 Milliarden Euro Kosten die Rede. Der Bundesrechnungshof hält nun offenbar zehn Milliarden Euro für möglich, Grube selbst spricht von 6,5 Milliarden Euro.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) unterstützte am Freitag Grubes Brexit-Argument. Zudem senke die jüngst angekündigte Finanzspritze des Bundes für die Bahn den Druck, zusätzliche Einnahmen zu erzielen. „Deswegen ist es wahrscheinlich eine richtige Idee von Herrn Grube zu sagen: Momentan steht der Börsengang von Schenker und Arriva nicht an“, sagte Dobrindt in München.

Die SPD im Bundestag begrüßte die Entscheidung der Bahn. „Die SPD war von Anfang an skeptisch, ob ein Börsengang der richtige Weg ist, um so neue Investitionen der Bahn in Züge und Service zu generieren“, teilte Fraktions-Vize Sören Bartol mit. Der Bund hatte im September eine Finanzspritze in Höhe von 2,4 Milliarden Euro für die Bahn angekündigt. „Damit öffnet sich eine Tür, mit der wir nicht gerechnet haben“, sagte Grube damals.

Das Staatsunternehmen soll eine Milliarde Euro für ihr Eigenkapital erhalten, zudem will der Bund in den nächsten vier Jahren auf jeweils 350 Millionen Euro seiner jährliche Dividende von der Bahn verzichten. Darüber entscheidet der Haushaltsausschuss des Bundestags am Donnerstag nächster Woche.

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Der Grünen-Verkehrspolitiker Matthias Gastel sprach von „milliardenschweren Rettungspaketen“. „Die Bundesregierung meint, die Probleme der Deutschen Bahn mit viel Geld überdecken zu können.“ Es sei ein Konzept für die Bahn in Deutschland nötig, „anstatt Logistikgeschäften in Übersee Milliarden hinterherzuwerfen“.

Die Bahn braucht zusätzliches Geld, damit trotz Investitionen von 55 Milliarden Euro in den nächsten fünf Jahren die Schulden nicht aus dem Ruder laufen. Von der Summe trägt der Bund 35 Milliarden Euro. Der Großteil des Geldes fließt in die Eisenbahn-Infrastruktur in Deutschland. Die Schulden der Bahn lagen Ende 2015 bei 17,5 Milliarden Euro. „Rund 20 Milliarden Euro sind hier die Obergrenze“, sagte Grube.

Die Börsengänge von Arriva und Schenker wären nicht vergleichbar mit jenem, der im Herbst 2008 an den Finanzmarkt-Turbulenzen rund um die Pleite von Lehman Brothers scheiterte. Seinerzeit sollten bis zu 24,9 Prozent der Geschäftsfelder des Personen- und Güterverkehrs versilbert werden. Dazu wurde eigens der Teilkonzern DB Mobility Logistics gegründet, den die Bahn inzwischen aufgelöst hat.

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