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29.03.2012

10:13 Uhr

Atemberaubender Verlust

Praktiker steckt in finanziellen Turbulenzen

VonCarina Kontio

Billig zu sein reicht beim Kampf um die Kunden nicht mehr aus - diese leidvolle Erfahrung musste Praktiker machen und versucht, den Kurs zu korrigieren - vergeblich. Konzernchef Thomas Fox muss jetzt die Wende einleiten.

Die Baumarktkette Praktiker vermeldet 554,7 Millionen Euro. dpa

Die Baumarktkette Praktiker vermeldet 554,7 Millionen Euro.

DüsseldorfDie Hiobsbotschaft kam eigentlich schon gestern: Mehr als eine halbe Milliarde Euro Verlust hat die angeschlagene Baumarktkette im vergangenen Jahr gemacht. Das dritte Verlustjahr in Folge - 2009 und 2010 war das Minus allerdings noch deutlich kleiner als atemberaubende 554,7 Millionen Euro. Die Börse reagierte geschockt. Zum Handelsauftakt am Mittwoch verlor die Aktie rund 13 Prozent. „Die Praktiker-Aktie würde ich weiterhin nicht einmal mit der Kneifzange anfassen“, sagte ein Händler. Vor einem Jahr wurden die Papiere noch für mehr als 8 Euro gehandelt, heute früh war sie für weniger als 1,90 Euro im Angebot.

Die beliebtesten Baumärkte

Ruinöser Preiskampf

Experten sind sich weitgehend einig: In Deutschland gibt es schlichtweg zu viele Baumärkte. Unter diesen Bedingungen ist der Preiskampf hoch und die Margen gering. Es folgt eine Übersicht über die beliebtesten Baumärkte.

Platz 10

Auf Rang zehn liegt Marktkauf. 3,2 Prozent der befragten Deutschen gaben an, 2010 dort eingekauft zu haben. 32,7 Prozent der 23.000 Befragten gaben übrigens an, gar keinen Baumarkt besucht zu haben.

Platz 9

Auf Platz 9 landet Hellweg Baumarkt mit 3,7 Prozent.

Platz 8

Die Globus-Kette steht auf Rang acht: 4,6 Prozent der Befragten gaben an, hier eingekauft zu haben.

Platz 7

Max Bahr rangiert auf dem sechsten Platz mit einem Anteil von 5,5 Prozent.

Platz 6

Nicht unter den Top-Five steht Bauhaus, nämlich nur auf Rang sechs. Mit 9,3 Prozent liegt die Kette nur knapp hinter ...

Platz 5

... Hornbach. Die auch durch intensive TV-Werbung recht bekannte Kette kommt auf zehn Prozent.

Platz 4

Knapp davor rangiert mit 10,4 Prozent Hagebaumarkt.

Platz 3

Etwas überraschend liegen die Baumärkte von Toom vor der Konkurrenz von Hagebaumarkt und Hornbach. Allerdings nur knapp: 10,6 Prozent der Befragten gehen hier gern shoppen.

Platz 2

Mit deutlichem Abstand liegen die beiden Dickschiffe der Branche vorne. Die Silbermedaille geht an Praktiker. Die Kette befindet sich in einem umfangreichen Umbauprozess und musste dabei so manchen Rückschlag einstecken. 20,8 Prozent der Deutschen waren 2010 in einem der blau-gelben Märkte.

Platz 1

Branchenführer im Hinblick auf die Beliebtheit ist Obi. Der Wert liegt bei 26,3 Prozent.

Zu dem immensen Verlust, der sich auf mehr als ein Sechstel des Umsatzes beläuft, sollen vor allem Abschreibungen auf Vermögens- und Firmenwerte sowie die Kosten für den Konzernumbau geführt haben. Der Baumarktkonzern, zu dem auch die Marke Max Bahr gehört, braucht dringend Geld für seine Sanierung. Laut Vorstandschef Thomas Fox sind es rund 300 Millionen Euro.

Immerhin: Für das laufende Jahr ist der Sanierer optimistisch und rechnet mit besseren Geschäften. Der Konzernumsatz soll leicht über das Vorjahresniveau von rund 3,2 Milliarden Euro klettern. Getrieben werde die Entwicklung trotz der laufenden Restrukturierung vom deutschen Markt, während im Ausland mit einem Umsatz auf Vorjahresniveau gerechnet werde. Beim operativen Ergebnis stellte der Vorstand eine deutliche Verbesserung in Aussicht, legte sich aber nicht auf eine konkrete Prognose fest. Keine Frage: Baumärkte sind gerade jetzt angesichts erster Frühlingsstrahlen ein Eldorado für all jene, die während der Woche ihr handwerkliches Geschick nicht ausleben können - das könnte Praktiker etwas Kraft geben.

Anleihegläubiger stimmen Zinssenkung nicht zu

Allerdings gilt der 55-jährige Thomas Fox nicht als Handelsstratege, den Praktiker dringend bräuchte. Seine Spezialität, so schreibt es das "manager magazin" in der aktuellen Ausgabe, ist es, in der Insolvenz Kosten zu kappen. So soll er es zuvor schon bei der Warenhausfirma Karstadt, beim Möbelhersteller Schieder und bei der Drogeriekette Ihr Platz praktiziert haben. Es kursieren Gerüchte, das Fox bei Praktiker eine Planinsolvenz anstrebt, damit er sich von teuren Mietverpflichtungen losreißen kann. Praktiker dementiert.

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Die Finanzsituation des Unternehmens ist so angespannt, dass kürzlich auch Anleihegläubiger aufgefordert wurden, ihren Beitrag zur Restrukturierung des Unternehmens zu leisten. Bei der bis 2016 laufenden Anleihe, die vor gut einem Jahr begeben wurde, sollte der Kupon von 5,875 auf ein Prozent gekürzt werden - der Versuch, die Gläubiger ins Boot zu holen, scheiterte gestern. Die notwendige Beteiligung von mindestens der Hälfte des Anleihekapitals kam nicht zustande, wie Praktiker auf der Internetseite mitteilte. Diese mehr oder weniger verzweifelte Suche nach Geld umschrieb die Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) mit "Praktiker spielt Griechenland."

Analysten wie Christoph Schlienkamp sehen dies als falsches Zeichen, sind die zwölf Millionen Euro, die so eingespart werden sollen, doch ein Klacks gegen die 300 Millionen Euro, die eigentlich nötig wären. Die Lage von Praktiker ist seiner Ansicht nach unverändert kritisch, deswegen rät er zum Verkauf der Aktie.

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