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22.11.2012

17:31 Uhr

Auf dem Handelskongress

Steinbrück redet „für ein Glas Wasser“

VonKirsten Ludowig

Den jährlichen Branchentreff des deutschen Handels nutzte der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, um für sich zu werben – allerdings interessierten sich seine Zuhörer zunächst nur für eine Frage.

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„Ich habe nichts rechtswidriges getan“

Video: „Ich habe nichts rechtswidriges getan“

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BerlinWahlkampf beim Deutschen Handelskongress: Nachdem die Bundeskanzlerin seine Attacken bei der Haushaltsdebatte im Bundestag ignoriert und sachlich ihre Regierungsarbeit verteidigt hatte, wechselte der designierte SDP-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück die Bühne.

Er nutzte seinen Vortrag beim Branchentreff des Handels, um für sich zu werben. Schließlich saßen im Saal zahlreiche Vertreter des mit 400.000 Unternehmen und einem Jahresumsatz von etwa 422 Milliarden Euro drittgrößten Wirtschaftszweigs in Deutschland.

Im Handel brechen massenhaft Jobs weg

Kahlschlag

Zehntausende Arbeitsplätze stehen im Handel auf der Kippe. Schlecker-Pleite, Stellenabbau bei Karstadt und Metro und auch bei Neckermann.de geht es um viele Jobs. Hier eine Übersicht…

Wie ist die Lage bei Karstadt?

Der Warenhaus-Konzern will 2000 Arbeitsplätze streichen. Ende August läuft der Sanierungstarifvertrag bei Karstadt aus - damit steigen die Personalkosten für das Unternehmen. Außerdem dämpft die Euro-Krise die Kauflaune der Verbraucher. Bis Ende 2014 soll der Jobabbau über die Bühne gehen - möglichst sozialverträglich.

Wie viele Stellen kostet die Schlecker-Pleite?

Mit dem Ende der Drogeriemarktkette Schlecker brachen bislang etwa 25 000 Arbeitsplätze weg. Offen ist derzeit noch die Zukunft der gut 4000 Mitarbeiter zählenden Tochter Ihr Platz. Der Insolvenzverwalter ringt gegenwärtig noch um den Einstieg eines Investors bei Ihr Platz.

Wie viele Stellen stehen bei Neckermann auf der Kippe?

Beim Versandhändler Neckermann.de stehen 1380 Jobs auf der Streichliste des Managements. Der vom US-Finanzinvestor Sun Capital beherrschte Versandhändler hat insgesamt 2400 Arbeitsplätze. Neckermann.de will den Eigenhandel mit Textilien und das Frankfurter Zentrallager aufgeben. Das Kataloggeschäft war zuletzt so rapide eingebrochen, dass Erfolge aus dem Onlinehandel aufgezehrt wurden.

Wie umfangreich ist der Stellenabbau bei Metro?

Der größte deutsche Handelskonzern will mittelfristig 900 Stellen abbauen. Betroffen davon ist vor allem die Verwaltung. Auf der Verkaufsfläche soll das Personal nicht reduziert werden. Konzernchef Olaf Koch hatte vor wenigem Monaten angekündigt, etwa 100 Millionen Euro einsparen zu wollen.

Strikter Sparkurs nötig

Die Metro AG, zu der neben den Metro- Großhandelsmärkten für Gewerbetreibende auch die Elektronikketten Media Markt und Saturn, der Lebensmittelhändler Real sowie die Kaufhof-Warenhäuser gehören, ist aber schon seit etlichen Jahren auf einem strikten Sparkurs mit Stellenstreichungen.

Cordes machte den Anfang

Unter Kochs Vorgänger Eckhard Cordes wurde die Metro AG 2009 einem milliardenschweren Sparprogramm („Shape“) unterzogen, mit dem weltweit etwa 19 000 Arbeitsplätze gestrichen wurden. An anderer Stelle entstanden durch neue Märkte und Dienstleistungen ähnlich viele Jobs. Ende 2011 hatte Metro weltweit 281 000 Mitarbeiter.

Welche Hintergründe haben die Stellenstreichungen?

Die Handelskonzerne bieten unterschiedliche Sortimente und sind zumeist auch in unterschiedlichen Ländern aktiv. Hinzu kommen auch hausgemachte Probleme. Erklärtes Ziel des Managements ist in der Regel, die Kosten zu senken und die Strukturen im Unternehmen zu verbessern. Konzepte müssen häufig den veränderten Konsumgewohnheiten angepasst. Die Staatsschuldenkrise und eine hohe Arbeitslosigkeit in vielen Ländern Europas dämpfen aktuell die Konsumlust der Kunden.

Das „böse“ Internet

Ein großer, übergreifender Faktor im Handel ist das boomende Internetgeschäft. Immer mehr Menschen kaufen online ein. Damit nimmt der Preisdruck für die Läden zu. Nur wenige Bereiche wie der Lebensmittelhandel sind bisher kaum von diesem Trend betroffen.

Zeitenwende

Nach Einschätzung von Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub (Obi, Kik, Kaiser's Tengelmann) sind die Zeiten, in denen Läden wie Pilze aus dem Boden schossen, vorbei. Das verdeutlichten viele leerstehende Läden nach der Schlecker-Pleite. Neue Verkaufsflächen entstünden inzwischen vor allem im Internet mit den zahlreichen Online-Shops.

Allerdings waberte in Anbetracht der hitzigen Debatte über Steinbrücks hohe Redehonorare, die ihm in den vergangenen Wochen einen herben Imageverlust beschert hatten, zunächst nur eine Frage durch die Reihen: Ob Steinbrück denn wohl etwas für seinen Auftritt bekommt? Letztlich war man sich unter den Zuhörern jedoch einig: Nein. Und Steinbrück sagte in der an den Vortrag anknüpfenden Fragerunde mit ZDF-Moderatorin Dunja Hayali, er rede „für ein Glas Wasser.“

Rote Karte für Wirtschaft und Politik

Interviews: Rote Karte für Wirtschaft und Politik

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Sein Thema: „Für eine neue Balance zwischen Markt und Gemeinwohl“. Er holte weit aus, skizzierte noch einmal die Krise von der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers bis zum Straucheln einzelner europäischer Staaten – mit all der Maßlosigkeit und den Exzessen, vor allem an den Kapitalmärkten und bei den Banken. Das führe bei vielen Menschen zu dem Gefühl, die Märkte hätten keine Grenzen.

„Diese Krise könnte mehr Kosten als Geld – nämlich Zustimmung und Legitimation“, warnte er. Man könne es einfach formulieren als „Not frisst Demokratie“. Das sei in einigen europäischen Ländern schon Wirklichkeit und koste Stabilität.

Die Atrium-Talks der Stadtwerke Bochum

29. Februar 2008

Premiere des Atriumtalks – eine lockere Gesprächsrunde, die weder Interview noch Talk-Show sein soll. Der Chef der Stadtwerke will damit ein Leuchtturm-Projekt für Bochum schaffen. Und zur Premiere kann er Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker präsentieren. Musikalisch begleitet der für die Tatort-Titelmelodie und den „Das Boot“-Soundtrack bekannte Jazz-Musiker Klaus Doldinger den Abend.

Weizsäckers Büro teilte Handelsblatt Online mit: „Herr von Weizsäcker hat für die Veranstaltung am 29. Februar 2008 ein vorab vereinbartes Honorar erhalten. Eine Verabredung über die Verwendung erfolgte nicht. Der Betrag wurde, wie üblich, wohltätigen Zwecken zugeleitet, zu allermeist der Marianne von Weizsäcker Stiftung Integrationshilfe für ehemals Suchtkranke e.V. in Hamm.“

14. November 2008 - kurzfristig abgesagt

Eigentlich hatte Schauspieler Mario Adorf ins Ruhrgebiet reisen sollen. Doch ein Tauchunfall wenige Tage zuvor macht sein Kommen unmöglich.

6. März 2009

Wie beim ersten Atriumtalk moderiert auch diesmal der bekannte Arzt Dietrich Grönemeyer die Veranstaltung. Als Gast ist Ex-Außenminister Joschka Fischer gekommen.

13. November 2009

Peter Maffay wird im Herbst 2009 nicht nur befragt von Grönemeyer. Der Sänger greift auch zur Gitarre und trägt aus seinem Repertoire vor.

6. März 2010

Der Präsident des FC Bayern München, Uli Hoeneß, ist zu Gast beim Atriumtalk – und es gibt eine Premiere. Zum ersten Mal moderiert der Schauspieler Peter Lohmeyer (u.a. „Das Wunder von Bern“) die Veranstaltung.

11. Dezember 2010

Eigentlich war für die zweite Veranstaltung mit Moderator Lohmeyer ein besonderer Gast eingeplant – Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder. Dessen mögliche Einladung hatten die Stadtwerke schon der Lokalpresse gesteckt, doch daraus wurde nichts. In dem Bericht heißt es: „Normalerweise muss ein Gastgeber fünfstellige Eurobeträge blättern, um Promis dieser Klasse zu buchen. Aber die Stadtwerke regeln das anders, wie [Stadtwerksprecher Thomas] Schönberg sagt. Die Protagonisten bekämen persönlich keinen Cent: ,Sie verzichten auf ihr Honorar zugunsten einer Stiftung, die ihnen nahesteht.' So habe Uli Hoeneß das Geld für eine Kinderkrebsklinik gespendet und Peter Maffay sein Honorar einer Israel-Stiftung zukommen lassen.“

Statt Schröder kommt schließlich der damalige Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, Joachim Gauck. Musikalischer Gast war die Sängerin Katja Ebstein.

5. Mai 2011

Diesmal kommt zum Gespräch mit Moderator Peter Lohmeyer eine Schauspiel-Kollegin, die vor allem durch Fernsehfilme bekannte Senta Berger.

26. November 2011

Eine Ikone des Ruhrgebiets, Sportmoderator Werner Hansch, moderiert die 7. Veranstaltung, die fast ein Jahr später bundesweit für Schlagzeilen sorgt. Der Ex-Finanzminister und derzeitige designierte Kanzlerkandidat der SPD, Peer Steinbrück, ist zu Gast. Sein Honorar beträgt 25.000 Euro – eine Absprache über eine mögliche Spende des Betrages gibt es nicht, bestätigen die Stadtwerke auf Drängen Steinbrücks im November 2012.

26. Oktober 2012

Bei der jüngsten Ausgabe des Atrium-Talks ist wieder Peter Lohmeyer als Moderator geladen. Gast ist Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Musikgast ist die Sopranistin und Musical-Sängerin Anna Maria Kaufmann.

Die Lösung für das Problem lieferte Steinbrück gleich mit. „Intakte Institutionen sind wichtig, um Spielregeln zu schaffen – und zwar auch, um eventuell Ladenöffnungszeiten festzulegen, Herr Mandac.“ Ein Seitenhieb auf den im Publikum sitzenden Chef der Warenhauskette Kaufhof. Dieser hatte zuvor in einer anderen Diskussionsrunde für Öffnungszeiten rund um die Uhr plädiert und Steinbrück von der Bühne aus direkt angesprochen.

Die Menschen müssten verstehen, dass sie „manchmal die Politik brauchen“, rief Steinbrück in den Saal. Denn diese sorge mit dafür, dass ein Teil der Gesellschaft nicht abstürze. „Und da bin ich bei dem Begriff Gemeinwohl“, sagte er. In Deutschland gebe es rund acht Millionen prekär Beschäftigte, die in einer Parallelwelt leben würden. „Da ist die Balance wieder gestört.“ Um die Gesellschaft zusammenzuhalten, brauche es öffentliche Institutionen und diese bräuchten Ressourcen, also Steuern.

Steinbrücks Steuerpläne

Steinbrücks riskante Strategie

Der Ansatz ist gewagt: Üblicherweise versuchen die Parteien, mit mehr oder weniger teuren Versprechen im Wahlkampf zu punkten. Doch die SPD-Strategie zielt darauf, den Wählern unmissverständlich klarzumachen, dass ein Bundeskanzler Peer Steinbrück den Bürgern ans Portemonnaie will - "I love cash", tönte Steinbrück als Finanzminister, und daran scheint sich bis heute nichts geändert zu haben.

Einkommenssteuer

Der Bundestag hat ein Gesetz zum Abbau der kalten Progression beschlossen. Damit sollen die Steuerzahler 2013 um zwei und ab 2014 um weitere vier Milliarden Euro entlastet werden. Unter kalter Progression versteht man den Effekt, dass die Steuerbelastung eines Bürgers selbst dann überproportional steigt, wenn seine Einkommenszuwächse die Inflation ausgleichen. Besonders stark davon betroffen sind Bezieher mittlerer Einkommen, also auch die typische SPD-Klientel. Gleichwohl blockiert die SPD das Gesetz im Bundesrat. Überdies will sie Gutverdiener mit Einkommen über 100 000 Euro mit einem Spitzensteuersatz von 49 statt bisher 42 Prozent belasten.

Abgeltungssteuer

Auch Sparer haben unter einer SPD-Regierung keinen Grund zur Freude. Die von Rot-Grün eingeführte Abgeltungsteuer auf Kapitaleinkünfte will die SPD von 25 auf 30 Prozent anheben. Die ersten 800 Euro bleiben unverändert steuerfrei. Wer also etwa 200 000 Euro angelegt hat und dafür drei Prozent Zinsen bekommt, müsste unter einem Kanzler Steinbrück statt bisher 700 künftig 1 000 Euro Abgeltungsteuer zahlen.

Gebäudesanierung
Vermögensteuer
Rentenbeitrag

Alle Arbeitnehmer und Unternehmen trifft die Boykott-Haltung der SPD in puncto Rentenbeitrag. Denn laut Gesetz sinkt der Beitrag, wenn die Rentenreserve 1,5 Monatsraten übersteigt. Somit wäre 2013 eine Entlastung von 8,5 Milliarden fällig. Doch die SPD verweigert sich.

Am Ende warf er die Frage auf, wer denn an die Stelle von Parteien und Politikern treten solle: Bürgerinitiativen, ein Ältestenrat oder gar Talkshows? Zum Ende bat er um etwas mehr Respekt für die Politik – und einen pfleglicheren Umgang.

Und Steinbrück wäre nicht Steinbrück, wenn er den jüngsten medialen Affront gegen sich unkommentiert lassen würde. Die „Bild“-Zeitung hatte berichtet, Steinbrück sei mit der Gratis-Bahncard Erster Klasse für Bundestagsabgeordnete zu gut bezahlten Vorträgen gefahren. „Hat diese Republik denn nicht andere Probleme als den Umgang mit meiner Netzkarte bei der Deutschen Bahn AG?“

Kommentare (11)

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Eddie

22.11.2012, 16:24 Uhr

„Heute rede ich für ein Glas Wasser“ - An diese eher angemessenen Hoehe seiner kuenftigen Honorare kann sich Vortrags-Peer schon einmal gewoehnen, falls er nicht doch noch Minister in einer grossen Koalition wird. Wer glaubt das schon, dass ihm jemand tausende von Euros fuer seine laecherlichen Vortraege bezahlt haette, ohne dass er vorher als Finanzminister seinen spaeteren "Auftraggeber" Vorteile verschafft (siehe Gas-Gerd). In Bochum wiederum wurde einfach frech in die von guten Genossen verwaltete Kasse der Stadtwerke gegriffen... Vortrags-Peer ist typisch fuer die aktuelle Berufspolitiker-Kaste, einfach schamlos alles mitnehmen und einsacken, keinen Vorteil auslassen, nichts liegenlassen...

Account gelöscht!

22.11.2012, 16:26 Uhr

Hallo,Kirsten Ludowig,achten sie drauf,dass sie den Zug nicht verpassen.Die Leser hier sind nicht blöd.
Die merken schnell,wenn da etwas zusammengeschustert wird,
hier ein wenig Bild(obwohl das gar nicht so ist)da ein wenig Rednerhonorare,und schwupps haben wir mal wieder etwas gezaubert!
Da sollten sie auf den Erhalt ihrer Firma achten,
FR und FTD lassen grüßen! So rosig ist die Zukunft des HB
mitnichten.Da ist Qualitätsjournalismus gefragt,sonst sind
Sie bald bei den Verlierern.

hoschmo

22.11.2012, 16:43 Uhr

Wie dicht Steinbrück am Abgrund steht, hat er mit dem dummen Spruch ' Heute rede ich für ein Glas Wasser' untermauert.
Mir fällt zu seinen allgemeinen Floskeln nur ein, dass er der Bundeskanzlerin Merkel aber auch nicht im Geringsten das Wasser reichen kann.

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