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12.06.2016

22:36 Uhr

Auf letzter Fahrt

Die ungewisse Zukunft der Küstenfischerei

Der Geruch nach Räucheraal, ein schaukelnder Kutter im Hafen: Die Küstenfischerei wird immer mehr zur touristischen Fassade. In Dranske auf Rügen geht jetzt der letzte Fischer von Bord. Hat der Beruf noch eine Zukunft?

Jürgen Krieger fischt im Rassower Strom bei Dranske mit einer Reuse nach Aal. dpa

Küstenfischerei im Nordosten

Jürgen Krieger fischt im Rassower Strom bei Dranske mit einer Reuse nach Aal.

DranskeJürgen Krieger gehört zu einer aussterbenden Spezies. Ende des Jahres wird der Fischer aus Dranske auf der Insel Rügen in Rente gehen. Er wird seinen Kutter „Seestern“ verkaufen, der ihm seit 1992 ein treuer Gefährte war. Er wird versuchen, die niedrige Fangquote von 3,8 Tonnen Hering auf seine Arbeitsboote zu übertragen, damit er sich neben seiner Rente auf 450-Euro-Basis noch etwas dazu verdienen kann.

Krieger teilt das Schicksal vieler Kollegen, die sich nach der Wende selbstständig gemacht haben und in die Jahre gekommen sind. Dennoch hat sein Abschied besondere Symbolkraft: Er ist der letzte Fischer im Altdorf Dranske, wo das Fischen nach Angaben des Heimatvereins seit dem Mittelalter nachgewiesen werden kann.

Dranske liegt im Norden Rügens auf einem schmalen Landhaken. Westlich des Dorfes schlägt die Ostsee ans Ufer, östlich davon liegen der Wieker Bodden und der Rassower Strom. Heringe, Flundern, Dorsche und Aale fängt der Fischer in den Gewässern vor seiner Haustür. „Die Bestände sind noch immer gut“, sagt Krieger.

Dennoch sei das Fischen in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden, berichtet er – und nennt die zehrenden Diskussionen um Quoten, Fangverbotszonen und EU-Reglementierungen. „Jedes Jahr jagt die Wissenschaft eine neue Sau durchs Dorf. Es muss nicht mehr sein.“

Was wirklich hinter den Siegeln steckt

Bio

Das Bio-Siegel der EU wurde im Juli 2010 eingeführt. Ein Produkt, das dieses Label trägt, darf höchsten 0,9 Prozent gentechnisch verändertes Material enthalten und muss zu mindestens 95 Prozent aus ökologischer Landwirtschaft kommen. Vielen Bio-Herstellern sind die Kriterien an das Bio-Siegel nicht scharf genug, deswegen haben sie eigene Siegel wie Demeter oder Naturland, die höhere Anforderungen erfüllen müssen.

Fairtrade

Das Label steht für weltweit gültige Standards, die Kleinbauern stabile und auskömmliche Preise und möglichst direkte Handelsbeziehungen sichern. Dazu gehören auch die Vorfinanzierung der Produktion und ein garantierter Mindestpreis. Bei einem Produkt, das dieses Siegel trägt, müssen alle Zutaten, die unter Fairtrade-Bedingungen erhältlich sind, zu 100 Prozent Fairtrade-zertifiziert sein.

FSC

Die Non-Profit-Organisation Forest Stewardship Council vergibt dieses Siegel, um nachhaltige Forstwirtschaft zu zertifizieren. Die Produzenten müssen dafür zehn Kriterien erfüllen, die die ökonomischen, ökologischen und sozialen Standards bei den Forstbetrieben verbessern sollen. Umweltverbände kritisieren aber immer wieder, das Siegel würde zu leichtfertig vergeben.

MSC

Die private Organisation Marine Stewardship Council, die das Label für nachhaltigen Fischfang vergibt, wurde vom Konzern Unilever und der Naturschutzorganisation WWF gegründet. Betriebe die das Label bekommen, müssen unter anderem Überfischung vermeiden und das Ökosystem schützen. Auch hier gibt es Kritik an der Vergabe, beispielsweise rügt Greenpeace, dass nur 60 bis 80 Prozent der Standards erfüllt sein müssten, damit eine Fischerei das Gütesiegel erhält.

PEFC

Auch dieses Siegel soll die nachhaltige Waldbewirtschaftung sicherstellen. Im Gegensatz zum FSC, das Betriebe zertifiziert, vergibt PEFC das Siegel an Regionen. Die Nachhaltigkeit der Waldbewirtschaftung wird dann auf regionaler Ebene kontrolliert. Die Einhaltung der Standards wird regelmäßig stichprobenartig überprüft. Während das FSC-Siegel meist für Tropenholz verwendet wird, zertifiziert PEFC in der Regel europäische Wälder.

UTZ

Mit dem Label werden nachhaltig angebaute Agrarprodukte gekennzeichnet, speziell Kaffee, Tee und Kakao. Die Produzenten müssen soziale Kriterien festlegen, Anforderungen an die Umweltverträglichkeit erfüllen und eine effiziente Bewirtschaftung sicherstellen. Ein Label für fairen Handel ist UTZ jedoch nicht.

V

Das V-Siegel, das vom Vegetarierbund Deutschland (VEBU) vergeben wird, kennzeichnet vegetarische Lebensmittel. Produzenten müssen für die Zertifizierung ihre Zutatenliste offenlegen und ihre Produktion vor Ort überprüfen lassen. Sie müssen auf jegliche Tierkörperbestandteile, also auch etwa auf Gelatine, verzichten. Es wird inzwischen von über 250 Lizenzpartnern verwendet, zum Beispiel von Alpro, Frosta, Katjes, Valensina und Voelkel.

Krieger will nicht mehr jeden Tag raus müssen. Sein Rücken hat zwei Bandscheibenvorfälle überstanden. „Das reicht“, sagt er. Insgesamt kommt er auf 45 Arbeitsjahre, so dass er sich nun mit 63 abschlagsfrei in die Rente verabschieden kann.

Mit dem Arbeitsboot steuert Krieger vom Liegeplatz am ehemaligen Marinehafen auf den Rassower Strom. Die Möwen begleiten die Ausfahrt zu den Reusen, die rund 100 Meter vor der Küstenlinie stehen. Der Wind weht mit Stärke vier aus Ost-Nordost. „Ich verkauf' nur das, was ich gefangen habe. Das hab' ich immer so gemacht, und es wird auf meine letzten Tage auch so bleiben.“

„Alibi-Fischer“ nennt er die Kollegen, die inzwischen Fisch dazu kaufen und als eigenen Fang an den Urlauber bringen. Die heile Fassade vom wettergegerbten Fischer hält vor den Touristen stand. Noch schaukeln Kutter in den Häfen. Doch die Substanz bröckelt.

Nach Angaben des Landes-Agrarministeriums in Schwerin sank innerhalb eines Jahres die Zahl der hauptberuflichen Kutter- und Küstenfischer von 270 auf 255. In Wendezeiten waren 1.000 in Mecklenburg-Vorpommern aktiv gewesen. Krieger spricht von einem „Verrentungsboom“, der auf den Landesverband der Kutter- und Küstenfischer zurollt. „Wenn wir jetzt nicht aufpassen, sehe ich schwarz für den Verband.“

Derzeit lassen sich nach Angaben des Ministeriums jährlich nicht einmal fünf Jugendliche in der Küstenfischerei ausbilden: „Um die Anzahl der Betriebe auf dem gegenwärtigen Stand zu erhalten, müssten jedes Jahr 15 bis 20 Azubis eine Ausbildung zum Fischwirt beginnen.“

Krieger wuchtet den ersten Korb der 300 Meter langen Reuse an Bord. Er ist leer. Langsam arbeitet sich das Boot an der Reuse vorwärts. Mit den Körben zieht Krieger Seetang aus dem Wasser, dann eine Schwarzmundgrundel, die er den bettelnden Möwen zum Fraß zuwirft, eine Strandkrabbe – und endlich nach 30 Metern den ersten Aal.

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