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18.08.2013

09:50 Uhr

Ausschussware im Regal

Krumme Geschäfte

VonCarina Kontio

Dreibeinige Möhren, verdrehte Gurken, Äpfel mit Dellen: Die Natur hat ihren eigenen Willen. Früchte und Gemüse jenseits der Norm landen bisher gern im Müll. Jetzt feiern die knubbeligen Produkte ihr Comeback.

Optische Mängel: Bauern müssen bis zu 40 Prozent ihrer Ernte vernichten. (Quelle: Screenshot Ugly Fruit.de)

Optische Mängel: Bauern müssen bis zu 40 Prozent ihrer Ernte vernichten.

(Quelle: Screenshot Ugly Fruit.de)

DüsseldorfZu groß, zu dick, zu krumm: Gemüse und Früchte, die nicht einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen, schafften es bis jetzt nur ausnahmsweise in die Regale großer Supermarktketten. Stattdessen werden herzförmige Kartoffelknollen oder krumme Gurken nur hinter den geschlossenen Türen der Gastronomie verwendet, landen im Müll oder werden zu Tierfutter und Biogas verarbeitet. Manche unförmigen Produkte haben Glück und werden auf Hof- oder Wochenmärkten feilgeboten.

Europaweit kommen geschätzt 20 bis 40 Prozent der Ernte nicht im Handel an, weil das Gemüse nicht dem Schönheitsideal der Supermarktbesitzer und Verbraucher genügt. Experten der UN-Ernährungsorganisation FAO gehen davon aus, dass so allein in Europa rund 40 Millionen Tonnen essbares Obst und Gemüse verloren gehen. Durchschnittlich jede fünfte erntefähige Frucht, so die FAO, verlässt demnach den Ort ihrer Produktion nicht, wird also direkt auf dem Acker wieder untergepflügt.

Die zwei größten Supermarktgiganten der Schweiz machen nun Schluss mit der Aussortiererei. Unter dem Label „Ünique“, was so viel wie „einmalig“ und „einzigartig“ bedeutet, nimmt Coop angeschlagenes Obst und Gemüse wieder ins Sortiment – als Statement gegen Lebensmittelverschwendung. Man habe vermehrt festgestellt, dass die Konsumenten Verständnis zeigen für die Launen der Natur. Viele seien auch bereit, optisch nicht perfekt aussehende, aber qualitativ noch einwandfreie Produkte zu kaufen, schreibt die „Neue Züricher Zeitung“ (NZZ).

Bio - öko - fair

Ein Wirrwarr an Siegeln

Fair, bio, öko – und dazu mehrere Dutzend Gütesiegel: Viele Verbraucher verlieren da den Überblick. Dabei gibt es zwischen den Begriffen durchaus Unterschiede.

Fair

Eine faire Produktion soll gewährleisten, dass die Produzenten angemessene Löhne zahlen und die Mitarbeiter nicht unter gesundheitsgefährlichen Bedingungen arbeiten. Der gemeinnützige Verein Transfair verleiht sein Siegel beispielsweise für Produkte wie Kaffee, Bananen oder Blumen, aber auch Kleidung und Fußbälle. Inzwischen berücksichtigt die Organisation allerdings nicht nur ökonomische und soziale, sondern auch ökologische Kriterien – das sei im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung.

Bio

Bio-Siegel garantieren die ökologische Produktion von Lebensmitteln und anderen Produkten. Dabei dürfen beispielsweise weder Gentechnik noch chemische Pflanzenschutzmittel zum Einsatz kommen. Die Anforderungen der Siegel unterscheiden sich allerdings zum Teil erheblich. Besonders streng sind Demeter, Naturland und Bioland.

Öko

Bio ist jedoch nicht automatisch öko: Auch die Umweltbilanz von Bioprodukten kann schlecht sein, etwa wenn Äpfel aus Südafrika nach Deutschland transportiert werden. Weniger CO2 fällt an, wenn Verbraucher Produkte aus der Region kaufen.

Das Angebot ist aber noch immer sehr überschaubar. Zwar sind seit Juli 2009 laut EU-Vermarktungsnorm für Aprikosen, Artischocken, Karotten, Spargel, Kohl, Zucchini oder Gurken diverse äußerliche Macken wieder erlaubt. Nur findet man diese Produkte kaum. Die Verbraucher haben sich so sehr an makelloses Gemüse in 1a-Qualität gewöhnt, das alles, was nicht wie hochglanzpolierte Schuhe aussieht, am Abend im Regal liegen bleibt.

Also halten die meisten Händler weiter an den etablierten Standards fest - auch weil sich gerade Gurken oder Möhren viel effizienter stapeln lassen als krumme. Die perfekte Möhre hat ein Idealgewicht zwischen 50 und 250 Gramm, glatte Haut und keinen optischen Fehler. Krumme Exemplare mit Untergewicht, Narben oder Pickeln fliegen sofort raus. Dabei sind sie – abgesehen von ihrem ungewöhnlichen Aussehen – qualitativ einwandfrei und genauso geschmackvoll wie ihre uniformen Geschwister.

Kommentare (9)

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Account gelöscht!

18.08.2013, 13:14 Uhr

Wirklich interessant, welche Themen das HB in der Vorwahlzeit als besonders wichtig einstuft - um es an prominentester Stelle zu platzieren. Gemüse-Allerlei. Was für ein Glück, daß (laut unseren immer aktuellen HB) nichts Wichtigeres passiert in der Welt!

Da kann man entspannt seinen rein vegetarischen Sonntagsbraten (die Kuh lebte vegetarisch) genießen!

karma

18.08.2013, 13:20 Uhr

hihi, lebt wie die (Raub) Tiere und man wird euch auch so behandeln.

Schon Tolstoy sagte: "Solange es noch Schlachthäuser gibt, wird es auch Schlachten geben".

Daniel

18.08.2013, 15:06 Uhr

Vielleicht wird es langsam Zeit mal wieder zu erkennen, dass der vernünftige Umgang mit Nahrung und Lebensmitteln DEUTLICH wichtiger wäre als das meiste andere, worüber sich "der zeitgemäße Businesskasper von Welt" heute den den Kopf zerbricht.

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