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07.08.2014

16:05 Uhr

Auswirkung der Russland-Sanktionen

„Russland schießt mit Kanonen auf Spatzen“

VonLisa Hegemann

ExklusivDie deutsche Landwirtschaft leidet unter Putins Sanktionen. Unternehmen verurteilen, dass die Krim-Krise auf ihrem Rücken ausgetragen werde. Die einen stöhnen. Doch längst nicht alle.

Russland fährt riesen Geschütze gegen die Sanktionen auf.

Russland fährt riesen Geschütze gegen die Sanktionen auf.

DüsseldorfDie Meinung von Egbert Klokkers zu den russischen Sanktionen gegen den Westen ist deutlich. „Man schießt mit Kanonen auf Spatzen“, sagt der Exportleiter des viertgrößten deutschen Fleischlieferanten Westfleisch im nordrhein-westfälischen Münster Handelsblatt Online. Das Importverbot träfe vor allem die einzelnen Betriebe, weniger die ganze Wirtschaft. Westfleisch zählt zu einem dieser Unternehmen. Die Firma ist damit ein weiteres Opfer der Krim-Krise geworden.

Am Donnerstag hatte der russische Regierungschef  Dmitri Medwedew verkündet, dass die EU und die USA, Australien, Kanada und Norwegen künftig kein Fleisch, keine Milch und kein Obst und Gemüse mehr nach Russland liefern dürften. Das Verbot gilt vorerst für ein Jahr. Damit reagierte der Kreml auf die Sanktionen, die der Westen zuvor verhängt hatten.

Russland zählt zu den größten Lebensmittelimporteuren der Welt. Die EU führte 2013 landwirtschaftliche Waren im Wert von 11,8 Milliarden Euro nach Russland aus. Die USA exportierten nach Angaben ihres Landwirtschafsministeriums während dieser Zeit Agrarprodukte im Wert von 1,3 Milliarden Dollar (knapp eine Milliarde Euro) nach Russland. Doch nun ist für die Händler des Westens der Markt gesperrt.

Für Westfleisch seien die Sanktionen zwar nicht existenzbedrohend, so der Exportleiter. Der Markt würde sich verschieben. Doch: „Umsatzmäßig wird sich das bei uns sicherlich auswirken.“

Sanktionen – Putin schlägt zurück

Warum greift Putin zu so drastischen Mitteln?

Es ist Putins Retourkutsche auf die westliche Sanktionen. Um Moskau zum Einlenken in der Ukraine-Krise zu zwingen, hatte die EU in der vergangenen Woche erstmals harte Strafmaßnahmen bei Rüstungsgeschäften, Energie und Finanzen beschlossen.

Welche westlichen Produkte sind betroffen?

Regierungschef Dmitri Medwedew präsentierte am Donnerstag in Moskau die mit Spannung erwartete Boykottliste. Die 28 EU-Staaten, die USA, Australien, Kanada und Norwegen dürfen ab sofort kein Fleisch, keine Milchprodukte mehr einführen. Das Verbot gilt für ein Jahr und betrifft auch Obst, Gemüse und Fisch. Schweinefleisch aus Europa stand aber schon seit Ende Januar auf dem Index.

Trifft Putins Bann auch deutsche Markenhersteller?

Ja. Sprudel, Schokolade, Joghurt oder Fertigprodukte „Made in Germany“ werden ebenfalls aus russischen Supermarkt-Regalen genommen.

Wie wichtig ist der russische Markt für die deutsche Agrarindustrie?

Dreiviertel aller deutschen Agrarexporte gehen in die Europäische Union (EU). Russland ist dabei neben der Schweiz und den USA eines der wichtigsten Ausfuhrländer außerhalb der EU - jedoch mit fallender Tendenz. 2013 wurden Agrargüter für rund 1,6 Milliarden Euro dorthin verkauft - rund 14 Prozent weniger als noch 2012.

Was wird nach Russland geliefert?

Gefragt sind Schweinefleisch, Backwaren, Käse und Kakaoprodukte. Schon länger bestehende Einfuhrverbote haben aber tiefe Spuren in der Bilanz hinterlassen. So brach der deutsche Schweinefleisch-Export in den ersten fünf Monaten 2014 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 83 000 Tonnen auf 9000 Tonnen ein, bei Käse halbierte sich die Ausfuhr, so der Bauernverband.

Was passiert mit den europäischen Lebensmitteln nach dem Einfuhrstopp?

Allein griechische Bauern fürchten, auf Erdbeeren, Pfirsichen und Gemüse im Warenwert von 600 Millionen Euro sitzenzubleiben - und fordern Entschädigung aus EU-Töpfen. Auch die Niederlande, Belgien und Frankreich liefern viel Obst und Gemüse nach Russland, das nun auf den europäischen Markt drängt und den Preis drücken könnte, glaubt der Rheinische Bauernverband. Abzuwarten bleibt, ob der Lebensmittel-Einzelhandel das beim Endpreis an die Verbraucher weitergeben würde.

Schneidet sich Russland nicht ins eigene Fleisch?

Moskau wird auf andere Lieferländer ausweichen, etwa mehr Rindfleisch und Geflügel in Lateinamerika einkaufen. Auch dürfte der Kreml auf den Nebeneffekt setzen, die eigene, oft ineffiziente Agrarwirtschaft auf Vordermann zu bringen. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hat da seine Zweifel: „Das schafft man nicht mit einem Fingerschnippen.“ Jens Nagel vom Exportverband BGA meint, die russischen Verbraucher werden die Leidtragenden sein: „Sie werden die Zeche in Form höherer Preise, schlechterer Qualität und geringerer Vielfalt bezahlen müssen.“ Teure westliche Lebensmittel konnten sich Normalverdiener aber sowieso kaum leisten.

Gefährdet die Sanktionsspirale den Aufschwung?

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hält daran fest, dass die deutsche Wirtschaft trotz der Krisen in der Ukraine und Nahost 2014 um 1,8 Prozent zulegen kann. Viele Ökonomen erwarten aber einen Dämpfer. Russland ist ein lukrativer Markt, der an den Gesamtexporten von über einer Billion Euro aber nur einen Anteil von 3,3 Prozent hat. Wegen der Ukraine-Krise büßten deutsche Unternehmen von Januar bis Mai in Russland rund 2,2 Milliarden Euro Umsatz ein.

Auch die Milchindustrie wird das Importverbot zu spüren bekommen – allerdings nicht so schlimm, wie es noch vor ein paar Jahren gewesen wäre. Damals hätten 140 Molkereien ihre Produkte nach Russland importiert, sagte ein Sprecher des Milchindustrieverbands zu Handelsblatt Online. Heute sind es weniger als zehn. Daher sei man nur mittelbar betroffen.

Für die einzelnen Betriebe sei dies jedoch „bedauerlich“. „Es ist tragisch, dass die Auswirkungen der Ukraine-Krise auf dem Rücken der deutschen Landwirtschaft ausgetragen werden“, sagte der Sprecher weiter. Der Milchindustrieverband vertritt die Verarbeiter der Branche.

Treffen wird es aber vor allem die Viehzüchter und Bauern. Die Bauern würden dies ohne Frage zu spüren bekommen, so der Verband. Westfleisch-Mitarbeiter Klokkers sagte unumwunden, die eigenen Verluste werde man bei den Landwirten einpreisen müssen.

Kommentare (71)

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real .ist

07.08.2014, 16:14 Uhr

Es ist immer das Gleiche -

das Volk leidet letztlich, was die Politik wieder angerichtet hat.

Herr peter Spirat

07.08.2014, 16:20 Uhr

Kommen wir doch mal zum Thema zurück:

Was bitte hat russland / Putin denn gemacht, dass diese Sanktionen erlassen wurden??

1. Krim: Das Volk der Krim hat freiheitlich abgestimmt, ob es zu Rassland gehören will.

2. abschuss der malayischen P-Maschine.

Hier sieht es inzwischen ja wohl so aus, dass es ukrainische Kampfflieger waren, die mit Raketen udn Bordgeschützen die Maschine vom Himmel geholt haben.

Wo also ist die Grundlage für die Sanktionen??

Kaiser Wilhelm

07.08.2014, 16:24 Uhr

Mit Kanonen auf Spatzen? Wo ist da die Logik? Medwedew hat gesagt, es sei eine einzigartige Chance für Russland mit der Eigenherstellung der besagten Produkte anzufangen. Ich würde sagen: Europa hat sich mal wieder ins eigene Fleisch geschnitten!
Die Überschrift missfällt! Die Verantwortlichen sind die Lobbyisten, die für die Amerikaner arbeiten.
Das Feindbild, das sie sich hier aufgebaut haben, verzerrt ihren Blick für die Realität und wird sie noch teuer zu stehen kommen!

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