Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.04.2016

17:29 Uhr

Bahn-Hauptversammlung

Dobrindt macht Grube klare Ansagen

VonDieter Fockenbrock

Die Hauptversammlung der Bahn ist eine angenehme Veranstaltung – normalerweise. In diesem Jahr aber wurde es für das Management unter Führung von Rüdiger Grube ungemütlich – es setzte klare Worte vom Minister.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (links) richtete klare Worte an Bahnchef Rüdiger Grube. dpa

Hauptversammlung der Deutschen Bahn

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (links) richtete klare Worte an Bahnchef Rüdiger Grube.

BerlinWie harmonisch war das noch vor wenigen Jahren. Peter Ramsauer, damals Verkehrsminister, war in bester Stimmung: „Die Bilanz ist gut, die Bilanz ist sehr gut“, frohlockte der CSU-Politiker noch 2012 im 21. Stockwerk des Bahntowers. Die Berliner Zentrale des größten Staatsunternehmens Deutsche Bahn war gerade Schauplatz einer der kürzesten Hauptversammlungen der Republik. Keine halbe Stunde dauerte der Termin. Die Stimmung: bestens.

Vier Jahre später sieht die Bahnwelt ganz anders aus. Die Frühlingssonne kämpft sich nur mühsam durch den Dunst der Großstadt, passend zur Atmosphäre im Sitzungsaal. Ernste Mienen. Erst beim abschließenden Fotoshooting lächelt Bahnchef Rüdiger Grube. Ramsauers Nachfolger Alexander Dobrindt (CSU) trat vor die Kameras, als gelte es, eine Katastrophe zu verkünden.

Hier baut die Bahn 2016

Hamburg − Hannover

Von Mai bis Mitte Juli Weichen- und Gleiserneuerung. Umleitungen im Fernverkehr mit bis zu 30 Minuten längerer Fahrzeit, im Nahverkehr 15 Minuten.

Hannover – Göttingen

Von Mitte Juli bis Anfang September teilweise Totalsperrung und Umleitungen. 40 Minuten mehr Fahrzeit im Fernverkehr. Auch Nahverkehr betroffen.

Hannover – Kassel

Möglicherweise kurzfristig Austausch von Schotter. Zeitplan und Umfang möglicher Sperrungen will die Bahn „in Kürze“ bekannt geben.

Mannheim − Karlsruhe/Stuttgart

Längere Fahrtzeiten von fünf Minuten wegen eines Stellwerksbaus von Ende April bis Anfang September und Mitte November bis Dezember.

Münster – Osnabrück

Von Anfang August bis Anfang November teilweise Sperrungen und Umleitungen einzelner Fernzüge, 22 Minuten längere Fahrzeit.

Berlin − Elsterwerda − Dresden

Ab Anfang August sind Fernzüge wegen einer Umleitung 20 Minuten länger unterwegs. 75 Regionalzüge zwischen Flughafen Schönefeld und dem Süden Brandenburgs fallen pro Tag aus.

München − Salzburg/Kufstein

Teilausfälle Ende April und Anfang Mai sowie von August bis Oktober

Köln − Hagen

Längere Fahrzeiten im Fernverkehr wegen Umleitung über Düsseldorf ab Juli. Grund sind Gleiserneuerungen zwischen Solingen und Opladen.

Ulm − Augsburg

Von Ende Juli bis Mitte September Teilausfälle und längere Fahrtzeiten von 20 Minuten wegen Gleis- und Brückenarbeiten, im Nahverkehr 30 Minuten.

Dabei ist die längst bekannt. Die Deutsche Bahn kämpft gegen Unpünktlichkeit, Verspätungen, schlechtes Image, produziert 1,3 Milliarden Verlust. Die Worte des Ministers sind klar: „Das entspricht nicht den Erwartungen, die wir als Eigentümer haben.“ Und, ohne den Blick auf dem links nehmen ihm stehenden Vorstandsvorsitzenden zu richten: „Das darf keine Fortsetzung haben.“

Das saß. Dobrindt, sonst Meister im Formulieren gedrechselter Sätze, drückt sich für seine Verhältnisse ungewöhnlich deutlich aus. Die Ansage auf der zuvor beendeten Hauptversammlung der Bahn an den Vorstand war offensichtlich eindeutig. Eine Wiederholung darf es nicht geben. Jetzt platziert der Minister seine Botschaft noch einmal ungefragt der Öffentlichkeit, assistiert von Grube und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Utz-Hellmuth Felcht. Dieser Pressetermin war ohnehin Dobrindts Wunsch. Der CSU-Politiker wollte ein paar Dinge zurechtrücken.

Deutsche Bahn: Grube verspricht weniger Chaos am Bahnsteig

Deutsche Bahn

Grube verspricht weniger Chaos am Bahnsteig

Deutsche-Bahn-Chef Rüdiger Grube verspricht mehr Kundenfreundlichkeit: So sollen Züge künftig nicht mehr in umgekehrter Wagenreihung in Bahnhöfe einfahren und die Passagiere besser über Verspätungen informiert werden.

Normalerweise tagt die Hauptversammlung der Bahn im Stillen. Es nehmen nicht einmal alle Aufsichtsräte daran teil. Warum auch? Es ist ja auch nichts Spektakuläres zu erwarten. Der Minister als Repräsentant des Eigentümers legt seine 430 Millionen stimmberechtigten Aktien auf den Tisch und lässt das Jahr kurz Revue passieren. Dann die eine oder andere Regularie, vielleicht die Wahl eines neuen Aufsichtsrates, die Tagesordnung ist binnen kürzester Zeit abgehakt. Wer sollte auch Widerspruch einlegen und Gegenrede halten?

Den Ernst der aktuellen Lage dokumentiert aber die Verspätung des Trios. 22 Minuten mussten Journalisten auf Dobrindt, Grube und Felcht warten. Eine Zeitverzug der – gefühlt – dem typischen Muster im Fernverkehr der Deutschen Bahn entspricht. Dabei lag es natürlich an der Hauptversammlung, die sich diesmal länger hinzog als erwartet.

Bleibt noch die Vertrauensfrage: Rüdiger Grubes Vertrag endet am 31. Dezember 2017. Und schon jetzt wird spekuliert, ob der ehemalige Daimler-Manager länger machen darf. Auch, ob er überhaupt länger machen will. In diesem Punkt zumindest schaffte der 64-Jährige am Mittwoch Klarheit: „Ich bin noch nie hinter meinem Vertrag hergelaufen.“ Will heißen: Entweder dient mir der Minister eine Verlängerung an, oder ich verabschiede mich.

Wie die Deutsche Bahn ihre Kundenfreundlichkeit verbessern will

Mehr Pünktlichkeit

Die Bahn will die Pünktlichkeit ihrer Züge „deutlich steigern“. Dazu sollen alle Betriebsabläufe optimiert werden – unter anderem durch den Einbau von größeren Zeitpuffern in den Fahrplänen an viel befahrenen Netzknotenpunkten und den Einsatz neuer mobiler Wartungsteams, die Störungen an Zügen flexibel beseitigen sollen. Ein neuer Schlepplok-Dienst soll liegengebliebene Züge schneller von den Schienen holen. Um Unwetterschäden zu vermeiden, wird die Baumpflege an den Strecken ausgebaut.

Bessere Internetverbindungen

Im kommenden Jahr will der Konzern den Telefon- und Internetempfang in ICE-Zügen nach eigenen Angaben „deutlich“ verbessern und dafür etwa die Empfangstechnik aufrüsten. Das WLAN-Netz der Bahn soll in den kommenden Jahren nach und nach entlang der Reisekette auf mehr Fernverkehrszüge, Bahnhöfe und auch auf S-Bahn- und Nahverkehrszüge ausgedehnt werden.

Aktuellere Reiseinformationen

Mit neuen Zuganzeigesystemen an den Bahnhöfen will die Bahn ab kommendem Jahr den Informationsfluss in Sachen Gleiswechsel, Ankunftszeitprognosen und Wagenreihenfolgen verbessern. „Mittelfristig“ will sie ein digitales „Live Ticket“ einführen, das sich aktualisiert und Reisende unterwegs mit den für sie relevanten Streckeninformationen versorgt. Wenn nötig, kann es auch Alternativrouten vorschlagen und Umbuchungen vornehmen.

Mehr Service im Zug

Mitarbeiter sollen in Kooperation mit Unternehmen etwa aus der Hotel- und Gaststättenbranche in puncto „Serviceorientierung“ ausgebildet werden. Reisende mit Smartphones und Online-Tickets sollen sich künftig selbst im Zug anmelden können, wodurch eine Fahrkartenkontrolle überflüssig wird („Self Check In“). Zugbegleiter sollen so mehr Zeit für Serviceaufgaben haben.

Komfortablere Bahnhöfe

Die Zuverlässigkeit von Aufzügen und Rolltreppen an den Bahnhöfen in Ballungszentren will die Bahn „signifikant“ auf weit über 90 Prozent steigern. Dazu sollen etwa Entstörbereitschaften auf Zweischichtdienste umstellen und an Wochenenden arbeiten. 31 S-Bahn-Stationen in Metropolen werden renoviert, zudem sollen bundesweit 21 Umsteigebahnhöfe „offener und einladender“ umgestaltet werden. Mit der sogenannten Stationsoffensive richtet der Konzern 350 neue Haltepunkte in ländlichen Gebieten ein.

Mehr Unterhaltung

Das in ICE-Zügen verfügbare kostenlose sogenannte Infotainment-Portal, das etwa Echtzeit-Reiseinformationen und bestimmte Nachrichtenangebote bietet, soll künftig auch in weiteren Zügen und an Bahnhöfen verfügbar sein. Ab Ende 2016 sollen Bahnkunden umsonst „umfangreiche Film- und Musikangebote“ abrufen können. Zusätzlich richtet das Unternehmen eine Datenbank mit „aktuellen Blockbustern“ ein, die Reisende im „Pay per View“-Verfahren gegen Bezahlung ansehen können.

Doch der eigentlich Gefragte, Alexander Dobrindt, ließ sich nicht aufs Glatteis führen. Die Regierung stütze voll und ganz das Konzept „Zukunft Bahn“, mit dem Grube das Staatsunternehmen wieder flott machen will. Das sei der „richtige Weg“. Alle anderen Fragen würden zu ihrer Zeit beantwortet.

Immerhin: In der Kleiderordnung demonstrierte das Trio aus Vorstandsvorsitzendem, Aufsichtsratschef und Minister vollkommene Harmonie. „Mann“ trug blaue Krawatten. Blau steht übrigens für Treue. Die Wahl des Binders war übrigens nicht abgesprochen. Heißt es.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×