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07.11.2012

17:18 Uhr

Bahn-Konkurrenz

Fernbusse setzen zur Aufholjagd an

VonSebastian Ertinger

Das Monopol der Bahn im Fernreiseverkehr fällt. Die Busbetreiber stehen bereit und wollen den lukrativen Markt erobern. Neben etablierten Anbietern wollen auch Jungunternehmen Reisende von Auto und Bahn weglocken.

Die Busunternehmen stehen Bereit für das Ende des Monopols. dpa

Die Busunternehmen stehen Bereit für das Ende des Monopols.

DüsseldorfEin trister Parkplatz neben dem Frankfurter Hauptbahnhof. Vereinzelt irren Reisende über das Gelände, ziehen ihre Rollköfferchen rumpelnd über die Schlaglöcher. Die meisten schieben sich an Junkies und Obdachlosen vorbei zum Bahnhofseingang. Einige wenige biegen jedoch davor ab und steuern einen weißen Bus an.

Auf das Gefährt ist ein Banner mit der Aufschrift „Dein Bus“ aufgepappt. Der Fahrer schließt die Türen, der Bus rollt los Richtung Köln. Mit großem Medienrummel nahm „Dein Bus.de“ 2010 den Kampf mit einem übermächtigen Gegner auf: Der Bahn und ihrem seit 1931 gesetzlich eingeräumten Monopol auf Fernreiseverbindungen.

Wie der Fernbus-Markt funktioniert

Mehr Alternativen

Konkurrenz von Billigfliegern am Himmel haben die ICE und Intercity der Bahn schon länger. Künftig sollen Reisende auch zu Lande mehr Alternativen haben, wenn es für längere Inlandsstrecken nicht das Auto sein soll. Fernbusse, die das Gesetz seit mehr als 70 Jahren bremst, bekommen von 2013 an bundesweit freie Fahrt auf Linien von Stadt zu Stadt. Günstigere Tickets sollen Kunden locken. Wie schnell ein großer neuer Markt entsteht, muss sich aber erst zeigen.

Was hemmt Fernbuslinien bisher in Deutschland?

Für Busse gelten historische Beschränkungen, die bis in die 1930er Jahre zurückreichen. Damit sollte einst die Entwicklung der Eisenbahn geschützt werden. Fernbuslinien werden deswegen in der Regel noch immer nicht genehmigt, wenn es parallel eine Zugverbindung gibt. Ausnahme ist seit der deutschen Teilung Berlin, dessen Westteil gut erreichbar sein sollte. Auch ins Ausland gibt es Reisebusfahrten schon länger. Zuletzt hatten Fernbusse laut Statistischem Bundesamt zwei Millionen Inlandskunden im Jahr, Fernzüge aber 125 Millionen.

Was soll sich 2013 ändern?

„Zukünftig sind überall in Deutschland Fernbuslinien möglich, die untereinander und auch mit dem Eisenbahnfernverkehr konkurrieren dürfen“, verkündete eine ganz große Bus-Koalition im September. Nach langem Streit fanden Union, FDP, SPD und Grüne einen Kompromiss, den der Bundesrat absegnete. Die K.o.-Klausel zum Schutz der Bahn fällt weg, ein gewisser Rahmen soll aber bleiben. Busunternehmer müssen Fernlinien weiterhin bei den Länderbehörden beantragen. Für die Haltestellen gilt ein Mindestabstand von 50 Kilometern. Das soll verhindern, dass Fernbusse in Wirklichkeit lukrative Strecken im Nahverkehr ins Visier nehmen, der mit Steuergeld mitfinanziert wird.

Für welche Kunden könnten Fernbusse interessant sein?

Schon jetzt sind Busse eine Alternative für Schnäppchenjäger. So kostet die knapp dreieinhalb Stunden lange ICE-Reise von Berlin nach Dortmund 96 Euro zum Normaltarif, eine Busfahrt ist für regulär 38 Euro zu haben - dauert aber gut sieben Stunden. Geschäftsleute dürfte das kaum zum Umsteigen bewegen. Die neuen Angebote richten sich denn auch zuerst an „preissensible Pkw-Nutzer“, denen eine Mitfahrzentrale nicht verlässlich genug ist oder ihr Auto wegen hoher Spritprise schlicht zu teuer, wie der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer erwartet. Am attraktivsten dürften Routen bis 400 Kilometer sein.

Stehen Busfirmen schon in den Startlöchern?

Etwa 50 bis 100 mittelständische Busfirmen interessieren sich für den neuen Markt, wie es beim Verband heißt. Dass zum 1. Januar sofort etliche neue Linien starten, wird in der Branche aber nicht erwartet. Nach der langen politischen Unsicherheit sind Investitionen etwa ins Marketing nötig, kleinere Anbieter könnten sich für Kooperationen zusammentun. Der größte private Bahn-Konkurrent Veolia Verkehr hatte schon 2010 drei Buslinien von Mönchengladbach nach München sowie von Essen nach Hamburg und München beantragt - nach alter Rechtslage. Sie würden nun nochmals neu bewertet, wie eine Sprecherin sagt. „Insofern können wir heute noch nicht sagen, wie, wann und wo wir starten.“

Was sagt die Deutsche Bahn?

Der bundeseigene Konzern wartet zunächst ab. „Wir beobachten die Entwicklungen des Fernbusmarktes und werden entsprechend reagieren“, sagt ein Sprecher. Dabei wollte die Bahn als größter Anbieter der Republik (rund 14.000 Busse/30 Fernlinien) bei einer Marktöffnung eigentlich selbst in die Offensive gehen. Im vergangenen Jahr entschied der Vorstand aber erst einmal, sich auf das Kerngeschäft mit Zügen zu konzentrieren. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) betont, es gehe nicht darum, der Schiene Kunden abzujagen. Statt 25 oder 50 Pkws auf der Autobahn sei aber ein Bus mit 50 Gästen wirtschaftlich und auch für die Umwelt besser.

Christian Janisch, Ingo Mayr-Knoch und Alexander Kuhr gründeten vor drei Jahren das Busunternehmen und konkurrieren seitdem mit der Bahn auf Fernstrecken. Die drei Studenten hatten eine Lücke im Gesetz gefunden: Sie deklarieren ihre Busreisen als Fahrgemeinschaften. Dieser Kniff war so wasserdicht, dass selbst die übermächtige Bahn ihnen mit einer Klage nichts anhaben konnte. Den Kampf gegen Goliath hatten die drei Davids gewonnen.

Doch ab Januar bekommen die drei Unternehmer Konkurrenz – aus den eigenen Reihen. Denn ab dem kommenden Jahr ist das 75 Jahre währende Monopol der Bahn offiziell passé. Der Bundesrat billigte Anfang November das Gesetz zur weitgehenden Liberalisierung des Fernbusverkehrs.

Konkurrenz für DB: Weg für bundesweite Fernbus-Linien frei

Konkurrenz für DB

Weg für bundesweite Fernbus-Linien frei

Als Konkurrenz zu Zügen, Autos und Billigfliegern sollen bald mehr Fernbusse zwischen deutschen Städten fahren. Nach jahrelangen Diskussionen gab der Bundesrat den Linienverkehr ab 2013 nun weitgehend frei.

Verkehrsminister Peter Ramsauer sprach von einer Befreiung des Busmarktes von Fesseln: „Dann kann man mit dem Bus kostengünstig und umweltfreundlich quer durch Deutschland reisen. Das schont Geldbeutel und Klima.“

Die Liberalisierung des Fernverkehrs Ramsauer ein persönliches Anliegen. Bereits Anfang 2011hatte er einen Gesetzentwurf vorgelegt, der auch vom Kabinett beschlossen wurde. Jedoch traf er in den eigenen Reihen und vor allem bei den Ländern zunächst auf Widerstand. Im September konnte schließlich doch noch eine Einigung erzielt werden.

Nun steht eine ganze Reihe von Unternehmen am Start, ein in den meisten Ländern selbstverständliches Verkehrsmittel auch hierzulande zu etablieren. „Mit unseren ersten Linien haben wir eine Auslastung von 75 Prozent erreicht, und wir planen einen schnellen Netzausbau in ganz Deutschland“, sagt zum Beispiel Torben Greve, Geschäftsführer der MFB MeinFernbus.

Kommentare (3)

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DEUFRA2011

07.11.2012, 18:23 Uhr

Bus statt Bahn, das ist Wahnsinn mit Methode.
Wenn ein Bus auf der Strecke Frankfurt Hauptbahnhof nach Köln Hauptbahnhof mit der Bahn konkurrieren kann, dann ist das eine Schande für das Management der Bahn.
Die Bemerkung von Ramsauer zum CO2 Vorteil ist auch sowas von daneben. Da ja die Züge nicht immer rammelvoll sind, man auch sicher bei großem Andrang leicht einen Waggon dranhängen könnte, wäre jeder zusätzliche Reisende mit der Bahn zu null Gramm CO2 unterwegs, zu null Kosten, reiner Gewinn! Wenn er seinen Platz im Zug leer läßt und anstatt auf den Bus umsteigt ist das jedenfalls zusätzlicher Energieverbrauch.
Die Bahn muss und kann von Großstadt zu Großstadt Angebote machen die von Bussen einfach nicht zu schlagen sein dürfen, sonst sind Bahnmananger unfähige Leute. Der Vorteil von Bussen kann eigentlich nur sein wenn wenigstens einer der beiden Bezugspunkte nur mit erheblichem zusätzlichem Zeitaufwand, z.B. durch Umsteigen, zu erreichen ist.
Wenn ich auf der Strecke Frankfurt Köln die Zeit betrachte wo da kein Zug fährt und gleichzeitig eine überlastete Autobahn daneben, dann kann man nur sagen da stimmt was nicht. Und da will der Rammsauer auch noch Leute aus dem Zug holen und mit dem Bus auf die Autobahn. Wahnsinn mit Methode eben. Ein Lichtblick ist dass die Konkurrenz der Busse die Bahnmanager vielleicht aus ihrem Tiefschlag reißt. Warum stellt die Bahn eigentlich nicht die fixen Jungs ein die da diese Busverbindungen organisieren. Das würde der Bahn guttun.
Die Entscheidung muss sein: wenn wir eine ICE Strecke von Frankfurt nach Köln bauen dann muss die so gut und günstig betrieben werden dass ein Bus keine Chance hat. Für die gleiche Funktion zwei parallele Systeme das ist volkswirtschaftlicher Unsinn.

schlumpf515

07.11.2012, 21:24 Uhr

An einen modernen ICE kann man gar keinen Waggon dranhängen, technisch unmöglich. Ein weiterer Waggon bei einem normalen Zug verursacht natürlich auch CO2, da er bewegt werden will. Und die null Kosten dürften wohl ein Scherz sein. Der muss genauso bezahlt, gewartet und gereinigt werden, wie jeder andere Waggon auch.

Wie schön, dass sie wissen, dass in die Busse Zug- und nicht PKW-Fahrer einsteigen. Ansonsten würde ich gerne in Zukunft selbst entscheiden, womit ich reise.

Radnabe

08.11.2012, 09:58 Uhr

Wenn die Busse die Kunden dem Pkw abjagen und nicht der Bahn, dann ist das für mich ok. Ich verstehe nur nicht, warum die Busse dann von der Autobahnmaut befreit werden, die Bahn aber ihre Schienen selbst zahlen muss.

Und ich verstehe auch nicht, warum die Bahn auf die Konkurrenz von Billigflieger und Bus reagiert, indem sie ebenfalls ihre Sitze immer enger aneinander pfercht.

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