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15.10.2014

08:22 Uhr

Bahn-Personalchef schießt gegen GDL

„Dreist und unverschämt“

Während Pendler sich auf Zugausfälle wegen des heutigen Lokführer-Streiks einstellen, geht der Streit in die nächste Runde: Die Bahn wirft der GDL Eigennutz vor – und die GDL der Bahn, sie verweigere Tarifverhandlungen.

Lokführerstreik bei der Bahn

„Rücksichtsloses Treiben auf dem Rücken der Kunden“

Lokführerstreik bei der Bahn: „Rücksichtsloses Treiben auf dem Rücken der Kunden“

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BerlinDie Deutsche Bahn hat den erneuten Lokführer-Streik scharf kritisiert und zugleich die Lokführer-Gewerkschaft GDL zu neuen Gesprächen aufgefordert. Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber bezeichnete das Vorgehen der GDL am Mittwoch im ZDF-Morgenmagazin als „Dreistigkeit“ und „Unverschämtheit“.

Der Gewerkschaft warf Weber vor, aus purem Eigennutz zu handeln: Der GDL gehe es in erster Linie darum, ihre Zuständigkeiten auszubauen. Er habe ausgesprochenes Mitgefühl mit den unter dem Streik leidenden Bahnkunden, sagte Weber.

Zugleich betonte Weber, dass die Bahn jederzeit gesprächsbereit sei. Wer aber über neue Spielregeln sprechen wolle, müsse zunächst einmal bereit sein, sich an einen Tisch zu setzen. Dazu fordere er die GDL ausdrücklich auf, sagte Weber.

Worüber Lokführer und Bahn streiten

Worin besteht der Kern des Tarifkonfliktes?

Wie immer geht es zwischen Arbeitgeber und den Gewerkschaften um Einkommen, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen. Das Besondere an diesem Tarifkonflikt ist jedoch, dass zusätzlich die GDL (34.000 Mitglieder) mit der viel größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (210.000 Mitglieder) um die Vertretungsmacht bei einem Teil der Belegschaft konkurriert. Die Deutsche Bahn wiederum will Tarifkonkurrenz vermeiden. Für eine Berufsgruppe soll ihrer Meinung nach nur ein Tarifvertrag gelten.

Wie viel Geld wollen die Lokführer?

Derzeit verdient ein Lokführer bei der Bahn je nach Qualifikation und Erfahrung rund 36.000 bis 46.000 Euro im Jahr – einschließlich aller Zulagen für Arbeit an Wochenenden, Feiertagen und in der Nacht. Die GDL fordert nun fünf Prozent mehr Lohn. Ein Lokführer in der Stufe 1 würde das Gehalt von 2488 auf 2612 Euro brutto steigern. Wer nach 25 Berufsjahren Stufe 6 erreicht hat, bekäme statt 3010 künftig 3161 Euro. In einer neu geforderten Stufe 8 wären es dann 3287 Euro als Endstufe nach 35 Berufsjahren.

Wen will die GDL vertreten?

Die GDL will nicht nur die Lokführer vertreten, sondern fordert auch die Verhandlungsmacht für rund 8800 Zubegleiter, 2500 Gastronomen in den Speisewagen, 3100 Lokrangierführer sowie 2700 Instruktoren, Trainer und Zugdisponenten. Das macht zusammen 17.100 Mitarbeiter.

Welche Gewerkschaft verhandelt für wen?

Das ist der heikle Punkt, weil die Gewerkschaften aus dem Organisationsgrad ihr Verhandlungsmandat für die jeweiligen Berufsgruppen ableiten. Wer stärker ist, soll in Tarifverhandlungen das Sagen haben. Die Frage ist jedoch, welche Organisationseinheit man dabei betrachtet: einen Betrieb, ein Unternehmen im Konzern, eine Berufsgruppe? Je nach dem kann die Mehrheit mal bei der einen, mal bei der anderen Gewerkschaft liegen.

Wie stark sind EVG und GDL?

Bei den Lokführern ist die Sache klar: 20.000 sind bei der Bahn angestellt. Die GDL reklamiert 78 Prozent von ihnen als ihre Mitglieder, das wären etwa 15.500. Die EVG gibt ihre Mitgliederzahl unter den Lokführern mit 5000 an. Das geht nicht ganz auf, selbst wenn alle Lokführer gewerkschaftlich organisiert wären. Aber: Das Kräfteverhältnis ist eindeutig, drei zu eins für die GDL.

Schwieriger und umstritten es bei den übrigen rund 17.000 Mitarbeitern, die nach GDL-Definition zum Zugpersonal zählen. Die EVG sagt, 65 Prozent der Zugbegleiter und 75 Prozent der Lokrangierführer seien bei ihr organisiert. Das wären zusammen allein bei diesen beiden Berufsgruppen 9860 Beschäftigte.

Die GDL macht eine andere Rechnung auf: 37.000 Beschäftigte (inklusive Lokführer) gehören zum Zugpersonal, rund 10.000 von ihnen sind bei keiner Gewerkschaft – bleiben 27.000. Zieht man davon die 15.500 GDL-Lokführer ab, kommt man auf 11.500. Davon beansprucht die GDL 30 Prozent für sich, also 3450 Eisenbahner. So kommt sie zusammen auf 19.000 GDL-Mitglieder beim Zugpersonal, das wäre eine Mehrheit von 51 Prozent.

Welche Rolle spielt die Diskussion um Tarifeinheit?

Die Bundesregierung beabsichtigt, ein Gesetz zur Tarifeinheit auf den Weg zu bringen. Für die GDL ist das sehr bedeutsam: Ein solches Gesetz könnte ihre Handlungsmöglichkeit einschränken. Möglicherweise verlöre sie in bestimmten Ausgangslagen das Streikrecht. Damit wäre die GDL wie andere Berufsgewerkschaften (Cockpit, Marburger Bund) in ihrer Existenz bedroht. Die GDL hat bereits angekündigt, dass sie ein solches Gesetz vom Bundesverfassungsgericht überprüfen lassen würde.

Warum will die Koalition das Gesetz?

Streiks in rascher Folge, Lähmung des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft sollen erschwert werden. Die Diskussion hatte durch ein Urteil des Bundesarbeitsgerichtes schon vor vier Jahren an Fahrt gewonnen. Die Richter stärkten die Tarifvertragsvielfalt und die Konkurrenz unter großen und kleinen Gewerkschaften. Der Grundsatz „Ein Betrieb – ein Tarifvertrag“ wurde damals hinfällig.

Die Gewerkschaft der Lokomotivführer hat angekündigt, von Mittwoch um 14 Uhr bis Donnerstag um 4 Uhr bundesweit zu streiken. Wegen des Streiks gibt es bereits ab dem Morgen einen Ersatzfahrplan für die Züge des Fernverkehrs, wie das Unternehmen am Dienstagabend in Berlin mitteilte. Es kommt bereits zu Verspätungen.

Die GDL wirft der Bahn vor, sie verweigere „immer noch inhaltliche Tarifverhandlungen für das Zugpersonal“. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, hatten die Lokführer bereits dreimal ihre Arbeit niedergelegt, zunächst zweimal für drei Stunden und in der Nacht zum Mittwoch vergangener Woche neun Stunden.

Kommentare (6)

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Herr Wolfgang Neis

15.10.2014, 09:53 Uhr

Wenn auch die Lokführer nicht das gleiche Luxusproblem wie die gut verdienenden Lufthansa-Piloten haben, gibt es bei beiden Gruppen jedoch eine Gemeinsamkeit. Während man bei den grossen Gewerkschaften in der Regel unterstellen kann, daß sie auch das Gemeinwohl im Auge behalten, versuchen bei den Lokführern und Piloten kleine Splittergewerkschaften verantwortungslos ihre Interessen durchzusetzen. Dabei treffen ihre Aktionen nicht nur die Reisenden, sondern große Teile der Volkswirtschaft. Spätestens hier ist der Gesetzgeber gefragt.

Herr Peter Spiegel

15.10.2014, 10:09 Uhr

Die Lohnentwicklung in Deutschland ist seit Jahren rückläufig. Wer braucht Gewerkschaften die ihre Aufgaben
nicht wahrnehmen?

Herr Helmut Metz

15.10.2014, 10:18 Uhr

Gewerkschaften auch nur zu kritisieren, zählt heutzutage ja bereits schon zur absoluten "politischen Inkorrektheit". Damit gilt man gleich als pöser, pöser Ausbeuter, der sich nach den Zeiten des Manchester-Kapitalismus zurücksehnt.
Dass Gewerkschaften jedoch alles andere als gutmenschliche Organisationen sind und erst recht nicht den sozialen Frieden fördern, durschauen nur Wenige.
Roland Baader schrieb zu diesen "Regenmachern":
"Man muß sich einmal ganz klar machen, was das eigentliche Werk der Tarifkartelle ist: Sie schreiben den Menschen vor, wann, wo, wie, wie lange, zu welchem Lohn und zu welchen sonstigen Konditionen (und ob überhaupt) sie arbeiten dürfen, legen zur Durchsetzung solcher Vorstellungen wenn nötig ganze Branchen und Landstriche lahm, verursachen immense Kosten und inflatorische Vermögens- und Kaufkraftvernichtung gewaltigen Ausmaßes, werfen Millionen von Menschen aus dem Arbeitsmarkt und verhindern den Eintritt anderer - und betreiben dieses Wüten auch noch unter der Flagge des Gemeinsinns, der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit."
Zudem ist es für Nicht-Ökonomen auch sehr schwer zu verstehen, was langfristig passiert, wenn Gewerkschaften aufgrund ihrer Macht die Löhne (künstlich) über das MARKTNIVEAU heben. Das geht möglicherweise eine Zeit lang gut, irgendwann geht aber die Wettbewerbsfähigkeit des Arbeitgebers (oder der Tarifbranche) den Bach hinunter, und letztendlich stehen die Lohnempfänger dann womöglich auf der Straße. Die Gewerkschaftsspitze dagegen ist davon nicht betroffen: sie erhält ihren "Lohn" ja von den Mitgliedsbeiträgen.

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