Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.10.2014

12:41 Uhr

Bahn-Streik

Lokführer legen am Mittwoch den Berufsverkehr lahm

Am Dienstagabend startet die Gewerkschaft GDL deutschlandweite Streiks auf der Schiene. Am frühen Mittwochmorgen wollen die Lokführer wieder fahren – doch der Berufsverkehr wird bis zum Mittag lahmgelegt.

Flächendeckender Streik

Streiks bei der Bahn ab Dienstagabend

Flächendeckender Streik: Streiks bei der Bahn ab Dienstagabend

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

BerlinDie Deutsche Bahn geht auch nach dem Ende des von der Lokführergewerkschaft GDL angekündigten Streiks am Mittwoch von „erheblichen Beeinträchtigungen im morgendlichen Berufsverkehr“ aus. Voraussichtlich wird es durch die Arbeitsniederlegung in der Nacht zum Mittwoch Auswirkungen bis in die Mittagsstunden geben, wie die Bahn am Dienstag in Berlin mitteilte. Dabei sind Fern- und Regionalzüge ebenso betroffen wie Güterzüge und die von der Deutschen Bahn betriebenen S-Bahnen.

Die Bahn empfiehlt, alles Zugreisen bis 21 Uhr am Dienstag zu beenden. Da die GDL keine näheren Angaben über die bestreikten Züge gemacht habe, könne man auch nicht über Ersatzverkehr informieren. Weitere Informationen, Kontaktdaten und die Bedingungen für Erstattungen finden Sie auf den Internetseiten der Bahn.

Den angekündigten Streik kritisierte die Bahn als „völlig überzogen“ und forderte die Gewerkschaft auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Die GDL hatte ihre Mitglieder im Tarifstreit zu einem bundesweiten und flächendeckenden Streik von Dienstagabend 21 Uhr bis Mittwochmorgen 6 Uhr aufgerufen.

Worüber Lokführer und Bahn streiten

Worin besteht der Kern des Tarifkonfliktes?

Wie immer geht es zwischen Arbeitgeber und den Gewerkschaften um Einkommen, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen. Das Besondere an diesem Tarifkonflikt ist jedoch, dass zusätzlich die GDL (34.000 Mitglieder) mit der viel größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (210.000 Mitglieder) um die Vertretungsmacht bei einem Teil der Belegschaft konkurriert. Die Deutsche Bahn wiederum will Tarifkonkurrenz vermeiden. Für eine Berufsgruppe soll ihrer Meinung nach nur ein Tarifvertrag gelten.

Wie viel Geld wollen die Lokführer?

Derzeit verdient ein Lokführer bei der Bahn je nach Qualifikation und Erfahrung rund 36.000 bis 46.000 Euro im Jahr – einschließlich aller Zulagen für Arbeit an Wochenenden, Feiertagen und in der Nacht. Die GDL fordert nun fünf Prozent mehr Lohn. Ein Lokführer in der Stufe 1 würde das Gehalt von 2488 auf 2612 Euro brutto steigern. Wer nach 25 Berufsjahren Stufe 6 erreicht hat, bekäme statt 3010 künftig 3161 Euro. In einer neu geforderten Stufe 8 wären es dann 3287 Euro als Endstufe nach 35 Berufsjahren.

Wen will die GDL vertreten?

Die GDL will nicht nur die Lokführer vertreten, sondern fordert auch die Verhandlungsmacht für rund 8800 Zubegleiter, 2500 Gastronomen in den Speisewagen, 3100 Lokrangierführer sowie 2700 Instruktoren, Trainer und Zugdisponenten. Das macht zusammen 17.100 Mitarbeiter.

Welche Gewerkschaft verhandelt für wen?

Das ist der heikle Punkt, weil die Gewerkschaften aus dem Organisationsgrad ihr Verhandlungsmandat für die jeweiligen Berufsgruppen ableiten. Wer stärker ist, soll in Tarifverhandlungen das Sagen haben. Die Frage ist jedoch, welche Organisationseinheit man dabei betrachtet: einen Betrieb, ein Unternehmen im Konzern, eine Berufsgruppe? Je nach dem kann die Mehrheit mal bei der einen, mal bei der anderen Gewerkschaft liegen.

Wie stark sind EVG und GDL?

Bei den Lokführern ist die Sache klar: 20.000 sind bei der Bahn angestellt. Die GDL reklamiert 78 Prozent von ihnen als ihre Mitglieder, das wären etwa 15.500. Die EVG gibt ihre Mitgliederzahl unter den Lokführern mit 5000 an. Das geht nicht ganz auf, selbst wenn alle Lokführer gewerkschaftlich organisiert wären. Aber: Das Kräfteverhältnis ist eindeutig, drei zu eins für die GDL.

Schwieriger und umstritten es bei den übrigen rund 17.000 Mitarbeitern, die nach GDL-Definition zum Zugpersonal zählen. Die EVG sagt, 65 Prozent der Zugbegleiter und 75 Prozent der Lokrangierführer seien bei ihr organisiert. Das wären zusammen allein bei diesen beiden Berufsgruppen 9860 Beschäftigte.

Die GDL macht eine andere Rechnung auf: 37.000 Beschäftigte (inklusive Lokführer) gehören zum Zugpersonal, rund 10.000 von ihnen sind bei keiner Gewerkschaft – bleiben 27.000. Zieht man davon die 15.500 GDL-Lokführer ab, kommt man auf 11.500. Davon beansprucht die GDL 30 Prozent für sich, also 3450 Eisenbahner. So kommt sie zusammen auf 19.000 GDL-Mitglieder beim Zugpersonal, das wäre eine Mehrheit von 51 Prozent.

Welche Rolle spielt die Diskussion um Tarifeinheit?

Die Bundesregierung beabsichtigt, ein Gesetz zur Tarifeinheit auf den Weg zu bringen. Für die GDL ist das sehr bedeutsam: Ein solches Gesetz könnte ihre Handlungsmöglichkeit einschränken. Möglicherweise verlöre sie in bestimmten Ausgangslagen das Streikrecht. Damit wäre die GDL wie andere Berufsgewerkschaften (Cockpit, Marburger Bund) in ihrer Existenz bedroht. Die GDL hat bereits angekündigt, dass sie ein solches Gesetz vom Bundesverfassungsgericht überprüfen lassen würde.

Warum will die Koalition das Gesetz?

Streiks in rascher Folge, Lähmung des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft sollen erschwert werden. Die Diskussion hatte durch ein Urteil des Bundesarbeitsgerichtes schon vor vier Jahren an Fahrt gewonnen. Die Richter stärkten die Tarifvertragsvielfalt und die Konkurrenz unter großen und kleinen Gewerkschaften. Der Grundsatz „Ein Betrieb – ein Tarifvertrag“ wurde damals hinfällig.

Der Streik trifft auch auf heftige Kritik aus anderen Wirtschaftsbereichen. Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück hat die streikenden Lokführer und Piloten als „egoistisch und nicht solidarisch“ bezeichnet. Die Gewerkschaften Cockpit und GDL betrieben eine „elitäre Tarifpolitik für einzelne Berufsgruppen“, kritisierte Hück am Dienstag. „Ich bin für die Tarifeinheit, denn sie hat sich als Ordnungsfaktor der Deutschen Wirtschaft erwiesen.“ Das Streikrecht sein ein erkämpftes Freiheitsrecht. „Und ich bin ganz klar für Streiks“, sagte Hück. Das Streikrecht sei aber „kein Freibrief zur Durchsetzung egoistischer Interessen einzelner Berufsgruppen“.

Zu dem Ausstand aufgerufen sind die Lokomotivführer, Zugbegleiter, Bordgastronomen und Disponenten in allen Eisenbahnverkehrsunternehmen der Deutschen Bahn. Die Bahn will erst die genauen Pläne der GDL abwarten und dann versuchen, mit dem verfügbaren Personal Chaos zu verhindern, wie eine Unternehmenssprecherin sagte. GDL-Chef Claus Weselsky betonte im Radiosender hr-Info die Streikbereitschaft der Gewerkschafter: „Sie haben das an den beiden Warnstreiks gesehen. Es soll niemand darauf setzen, dass das Zugpersonal einknickt.“

Die Lokführer fordern unter anderem fünf Prozent mehr Geld und eine um zwei Stunden verkürzte Wochenarbeitszeit. Verhandlungen darüber scheiterten jedoch bislang aus einem anderen Grund: Die GDL will auch für das übrige Personal im Zug verhandeln, etwa für Zugbegleiter und Speisewagen-Mitarbeiter - die Bahn lehnt das ab. Die GDL rivalisiert dabei mit der größeren der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). In der vergangenen Woche hatten 91 Prozent der GDL-Mitglieder in einer Urabstimmung für einen Arbeitskampf votiert.

In der vergangenen Woche hatte die Bahn ein neues Angebot gemacht, um Streiks noch abzuwenden. Demnach sollten die Verhandlungen ruhen, bis die Bundesregierung das geplante Gesetz zur Tarifeinheit auf den Weg gebracht hat. Bis dahin sollten die Lokführer zwei Prozent mehr Geld erhalten. In einem Brief Weselskys an die Arbeitgeber vom Montag hieß es dazu: „Übersetzt heißt das: „Nehmt die Brosamen des Arbeitgebers, bevor euch die Regierung mit einem Gesetz zur Tarifeinheit endgültig den Garaus macht!“

Kommentare (9)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Woifi Fischer

07.10.2014, 12:17 Uhr

Bahn-Streik Lokführer legen am Mittwoch den Berufsverkehr lahm.
Die Deutsche Bahn sollte verstärkt über Loks nachdenken, die ohne den Lokführer auskommt.
Es muß doch möglichsein, dass Lokführer durch Computer ersetzt werden können?
Es muß überlegt werden den Zugverkehr noch mehr zu automatisieren, dann hören diese elenden Streiks der kleinen Gewerkschaften auf.

Es grenzt schon an Erpressung der Fahrgäste, die den Schaden haben, und anschließend die Erhöhungen zu bezahlen haben.

Jedem Lokführer dem sein Gehalt nicht reicht, kann sich einen anderen Beruf suchen, wo er das gleiche verdient wie als Lokführer.
Basta.

Herr Georg Kwiecinski

07.10.2014, 12:28 Uhr

Wehrte Redaktion, wenn sich die Moderation mal einig ist, ob ich "drin bin" oder nicht, ob man meine Dten anerkennt oder nicht, dann wäre ich mal dankbar.
Heute Morgen hatte es ja auch mit nem Kommentar geklappt. Also: wats rong?
Mit freundlichen Grüßen und nem schönen Tag
wünscht georg Michael Kwiecinski

Herr Ferdinand Loeffler

07.10.2014, 13:21 Uhr

Anstatt sich mit "Nonsense"-Gesetzen, wie der Karenzzeit für ausscheidendende Politiker, zu befassen, sollte sie leiber schleunigst ein Gesetz über die Tarifeinheit auf den Weg bringen. Dann hört hoffentlich diese Erpressung weniger elitärer Berufsgruppen auf. Deren Forderungen sind ja kaum noch zu vermitteln und die Arbeitgeber sollten knallhart diese "Gewerkschaften" ausbluten lassen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×