Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

31.07.2016

08:55 Uhr

Bahnreisen

Nachtzüge bleiben auf der Schiene

Romantische Reiseform oder Schlafraub auf Rädern? Am Nachtzug scheiden sich die Geister. Trotz der Konkurrenz durch günstige Flüge haben die Schlafwagen der Bahn überlebt – und sogar eine Zukunft.

Die Österreichischen Bundesbahnen wollen den Nachtzugverkehr in Deutschland weiterführen. dpa

Nachtzug von Hamburg nach Wien

Die Österreichischen Bundesbahnen wollen den Nachtzugverkehr in Deutschland weiterführen.

Berlin/WienDie einen machen mit Nachtzügen Verluste und verabschieden sich von ihnen. Die anderen betreiben Schlafwagen profitabel und wollen ihr Angebot erweitern. Das passt auf den ersten Blick nicht zusammen. Und doch ist es so.

Im Dezember wird die Deutsche Bahn ihre City Night Line (CNL) einstellen, die zurzeit mit Liege- und Schlafwagen noch auf elf Strecken unterwegs ist, etwa von Amsterdam nach München und Innsbruck, von Hamburg und von Berlin nach Zürich oder von Zürich über Frankfurt nach Prag. Die drei verlustreichsten Verbindungen, darunter Hamburg und Berlin nach Paris, waren schon 2014 gestrichen worden.

„An den Wochenenden und zur Hauptreisezeit sind wir fast immer ausgebucht“, erzählt der Schaffner von Zug CNL 471, der die Strecke Berlin-Zürich seit Jahren fährt. An Wochentagen blieben die Kunden dagegen vermehrt aus. Geschäftsreisende meiden die Nachtzüge. Besonders frühe und späte Flugverbindungen machen der Bahn Konkurrenz. Außerdem sind die in die Jahre gekommenen Wagen und durchgelegene Matratzen gute Gründe, sich Alternativen zu suchen.

Deutsche Bahn steigert Gewinn: Grubes Konzernumbau zeigt erste Erfolge

Deutsche Bahn steigert Gewinn

Grubes Konzernumbau zeigt erste Erfolge

Die Deutsche Bahn hat im ersten Halbjahr ihre Ergebnisse nach langer Talfahrt wieder stabilisiert. Der Gewinn vor Steuern und Zinsen legt auf gut eine Milliarde Euro zu. Mehr tun will die Bahn für die Sicherheit.

Die Deutsche Bahn hat die Nachtzugflotte in den vergangenen Jahren vernachlässigt. An den Wagen hat der Konzern nur noch das Nötigste repariert und auch der Service wurde zunehmend schlechter. So verkehren die Nachtzüge seit 2014 ohne Speisewagen. In einem an die 1980er Jahre erinnerndes Mini-Bistro gibt es noch ein paar Getränke und morgens ein sehr bescheidenes Frühstück.

Ein Abschied auf Raten, der mit dem Fahrplanwechsel am Jahresende endgültig wird. Für die Nostalgiker unter den Reisenden ist jedoch Rettung in Sicht. Denn die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) wollen den Nachtzugverkehr in Deutschland weiterführen. Anders als die Deutschen machen sie mit ihren Nachtreisezügen seit Jahren so gute Geschäfte, dass sie jetzt sogar den Ausbau vorantreiben - mit zusätzlichen aufgemöbelten oder ganz neu gestalteten Schlaf- und Liegewagen.

„Für den Nachtzug ist noch nicht aller Tage Abend“, frohlockt der Grünen-Bahnpolitiker Matthias Gastel. Er hat aus vertraulichen Quellen eine vorläufige Aufstellung der Nachtzugverbindungen im kommenden Jahr erhalten. Demnach haben die ÖBB täglich Trassen reserviert für die Strecken Düsseldorf-Frankfurt-München-Innsbruck, Hamburg-Berlin-Frankfurt-Basel und Hamburg-München-Innsbruck.

Was die Fernreise kostet

Neue Angebote ab August

Die Deutsche Bahn setzt in den Sommerferien ihre Preisschlacht gegen Fernbusse und Billigflieger fort. Die Strategie zeigt bei den Kunden offenbar Wirkung – für das erste Halbjahr 2016 meldete die Bahn am Mittwoch einen neuen Fahrgastrekord im Fernverkehr mit 66,7 Millionen Fahrgästen. Allerdings wird für Bahnfahrer mancher Service ab August auch teurer.

Sparpreis-Rabatt auch bei Bahncard50

Auch Kunden mit einer BahnCard 50 bekommen ab 1. August dauerhaft einen Rabatt von 25 Prozent auf Sparpreise im Fernverkehr. Dies war bisher regulär Inhabern einer BahnCard 25 vorbehalten.

Sparpreise für 19 Euro noch bis Ferienende

Eigentlich fangen die Sparpreise bei der Deutschen Bahn bei 29 Euro an. Sie lockt aber immer wieder für einen begrenzten Zeitraum mit 19-Euro-Angeboten. Diese Aktion wird nun noch einmal verlängert: 19-Euro-Sparpreise gibt es auf Fernstrecken noch bis zum 12. September, also bis zum Ende der Sommerferien.

Keine Sparpreis-Erstattung am Reisetag

Sparpreis-Tickets können ab August nur noch bis zum Tag vor der Abfahrt umgetauscht oder erstattet werden. Bisher war dies auch am Tag der Reise noch möglich. Allerdings führte diese Regelung dazu, dass gerade am Reisetag viele Tickets zurückgegeben wurden. Dem schiebt die Bahn nun einen Riegel vor.

Höherer Zuschlag für Ticketkauf im Zug

Wer erst im Zug ein Ticket kauft, muss ab August einen Bordzuschlag von 12,50 Euro zahlen – fünf Euro mehr als bisher. Damit will die Deutsche Bahn den Fahrkartenverkauf per Smartphone ankurbeln, der quasi bis wenige Sekunden vor Abfahrt möglich ist. Zudem soll das Bordpersonal mehr Zeit für Service bekommen. Allerdings kauft nach Angaben des Unternehmens ohnehin nur etwa ein Prozent der Kunden die Fahrkarte erst im Zug.

Teurere Reservierungen in der ersten Klasse

Beim Kauf einer Fahrkarte für die erste Klasse bleibt die Sitzplatzreservierung inklusive; Besitzer der BahnCard100 für die erste Klasse bekommen hundert Freireservierungen. Doch wer nur reserviert, ohne ein Ticket zu kaufen, muss dafür ab August 5,90 Euro statt bisher 4,50 Euro zahlen. Damit will die Bahn unterbinden, dass reservierte Sitzplätze am Ende nicht in Anspruch genommen werden.

Auf mindestens sechs weiteren Linien mit Teilabschnitten in Deutschland fahren die ÖBB wie bisher, möglicherweise kommen noch Nachtzüge von München nach Italien hinzu. Die Deutsche Bahn steuerte bisher Mailand, Venedig und Rom an. Bahnexperte Gastel hofft, dass die ÖBB „einen hochwertigen Service im Zug anbieten“. Das Know-how im Nachtzuggeschäft hätten sie jedenfalls.

Samstagmorgen, Zug CNL 471 hält um 7 Uhr in Basel, die Türen öffnen sich. Die Kinder wirken ausgeschlafen, manche haben noch Reste des Marmeladenbrötchens im Gesicht. Einige Erwachsene wirken erholt, es sind die Stammkunden. Die anderen gähnen hemmungslos. Der Blick in ihr Gesicht verrät: Es könnte ihre letzte Fahrt in einem Nachtzug gewesen sein.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×