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04.05.2015

16:22 Uhr

Bahnstreik

„Das Management hat Millionen verbraten“

VonFrank Specht

Claus Weselsky inszeniert sich als letzten aufrechten Gewerkschafter Deutschlands. Der Oberlokführer der Gewerkschaft GDL gibt dem Bahnvorstand die Schuld am Streik – und sich selbst siegessicher.

GDL-Chef Weselsky

„Fahrgäste sind Spielball der Bahn-Interessen“

GDL-Chef Weselsky: „Fahrgäste sind Spielball der Bahn-Interessen“

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BerlinGroßer Bahnhof in der Zentrale des Beamtenbundes in der Berliner Friedrichstraße. Doch der Andrang gilt nicht allein dem Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky. Im Foyer tagen die Spitzen der deutschen Sicherheitsbehörden und des Verfassungsschutzes. Es gibt noch wichtigere Themen als den Arbeitskampf auf Schienen, auch wenn Weselsky drei Etagen weiter oben bekräftigt, dass er am längsten Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn (DB) festhält.

Von Montag 15 Uhr an stehen die Räder im Güterverkehr still, ab Dienstagmorgen zwei Uhr wird auch der Personenverkehr bestreikt. 127 Stunden später, am Sonntag um neun Uhr, soll der Spuk dann zu Ende sein.

Bahnstreik: Weselsky legt sich mit Gabriel an

Bahnstreik

Weselsky legt sich mit Gabriel an

Der neue Bahnstreik erzürnt die Bundesregierung. Die Minister Gabriel und Dobrindt stellen die Verhältnismäßigkeit infrage. GDL-Chef Weselsky ficht das nicht an – obwohl der Streik eine halbe Milliarde kosten könnte.

„Es geht um unser Grundrecht, unsere Mitglieder zu tarifieren“, sagt der Oberlokführer aus Sachsen. Davon werde sich seine Gewerkschaft nicht abbringen lassen.

Rechtfertigt der Streik den enormen volkswirtschaftlichen Schaden für Deutschland? „Stellen Sie die Frage einem Management, das 200 Millionen Euro verbraten hat und weitere 100 Millionen Euro in den Raum stellt und durch die Esse gehen lässt.“ Die Esse, von althochdeutsch essa, „Herd des Metallarbeiters“, bezeichnet eine offene Feuerstelle mit Abzug und zusätzlicher Luftzuführung.

Die Bahn verbrennt Geld, nichts anderes sagt Weselsky also. Er ist überzeugt, dass sich mit dem Geld sämtliche Forderungen der GDL hätten finanzieren lassen. Doch das letzte schriftlich fixierte Zwischenergebnis der seit Sommer 2014 laufenden Tarifrunde datiert vom 23. Februar. Seither sei man in den Verhandlungsrunden keinen Schritt vorangekommen.

Was ist mit Politikern wie Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) oder Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), die die neue Streikankündigung scharf verurteilt haben? Die Politik habe doch 1993 entschieden, die Bahn zu privatisieren, sagt der GDL-Chef, dann müsse sie jetzt eben auch die Konsequenzen tragen. Und außerdem gelte ja auch bei der Bahn, die sich noch zu 100 Prozent in Staatsbesitz befindet, der Grundsatz „Eigentum verpflichtet“. Wenn die Bundesregierung als Eigentümer diese Verantwortung ernst nehme, solle sie endlich das Management der Bahn zu einem Abschluss drängen und nicht der GDL Vorschriften machen.

Wäre es nicht wenigstens einen Versuch wert, die vom Konzern angebotene Schlichtung anzustreben? Nein, sagt Weselsky, denn über Grundrechte könne man nicht schlichten, basta!

Seit im Juni vergangenen Jahres ein Kooperationsvertrag zwischen der GDL und der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ausgelaufen ist, streiten beide Gewerkschaften untereinander und mit dem Unternehmen, wer Tarifverträge für welche Berufsgruppen abschließen darf. Die GDL will nicht länger nur für die Lokführer zuständig sein, sondern auch für ihre Mitglieder unter den Zugbegleitern, Bordgastronomen, Lokrangierführern, Trainern und Disponenten, die bisher von der EVG vertreten wurden.

Kommentare (41)

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Gustav Godorzky

04.05.2015, 13:28 Uhr

Ich habe vollstes Verständnis für den Streik. Man sollte doch meinen: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Da es verbeamtete und nicht-verbeamtete Lokführer gibt, ist das nicht der Fall. Es sollte uns allen mal bewusst werden, für wie wenig Geld in der Privatwirtschaft gearbeitet wird. Die Löhne driften immer weiter auseinander. Eine Gleichstellung, wie es vor Jahrzehnten zwischen "Arbeitern" und "Angestellten" gab, ist zwischen "Beamten" und "Nichtbeamten" überfällig. Die entsprechende Ausarbeitung hierfür wäre eine wichtige politische Aufgabe und für ganz Europa dringend erforderlich. Darum sollte sich Herr Gabriel mal kümmern - aber das sind nur Träume, denn schließlich wird die Politik von einem riesigen Beamtenapparat gemacht.

Herr Thomas Albers

04.05.2015, 13:39 Uhr

"Es geht um unser Grundrecht"

Ja, das ist Weselskys Mantra. Er reduziert oft Detailfragen auf Grundsätzliches und erklärt etwa ein Nichteinlenken auf Maximalforderungen zum Verfassungsbruch. So kommt er tatsächlich nicht weiter. Wenn die Bahn AG sagt, sie kann sich keine 50 Tarifverträge für Lokführer leisten, dann hat das nichts mit dem Grundrecht auf Streik oder Tarifierung zu tun, sondern ist der Praxis geschuldet. Nur weil man das Recht hat, die Straße zu überqueren, muss ich mich als Fußgänger nicht vor ein fahrendes Auto werfen. Dann habe ich zwar recht behalten, aber mich dumm angestellt.

Herr Fred Meisenkaiser

04.05.2015, 13:44 Uhr

Es wäre doch schön, wenn das HB mal berichten würde, um welche Summen es bei den MA der Bahn geht. Was verdient ein verbeamteter Lokführer - was ein Angestellter? Wie sieht es mit Altersvorsorge aus?

So gut wie es unserer Wirtschaft geht, müssten die Einkommen der Lokführer nun doch kräftig getiegen sein. Die Vorstände haben doch auch mächtig zugelangt. Gleiches sollte doch bei den MA möglich sein.

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