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11.07.2017

07:37 Uhr

Balsam für Fluggäste

Sicherheit in der Luftfahrt auf Rekordkurs

Millionen Touristen sind auch in diesem Sommer wieder per Flugzeug unterwegs. Die Sicherheit der Luftfahrt nimmt stetig zu - so steht es in den Statistiken. Doch es gibt neue Herausforderungen.

Auch wenn viele Leute mit einem mulmigen Gefühl in den Flieger steigen, kommerzielle Linienflüge gelten als außerordentlich sicher. dpa

Luftfahrt stellt neue Sicherheits-Rekorde auf

Auch wenn viele Leute mit einem mulmigen Gefühl in den Flieger steigen, kommerzielle Linienflüge gelten als außerordentlich sicher.

HannoverDie Zahlen zur Sicherheit der Luftfahrt wirken zur Haupturlaubszeit wie ein Tropfen Balsam für jeden mit Flugangst. Keinen einzigen Toten gab es im ersten Halbjahr 2017 an Bord kommerzieller Linienflüge zu beklagen. Zwar zählten Unfallforscher des sogenannten JACDEC-Büros („Jet Airliner Crash Data Evaluation Centre“) in Hamburg weltweit 16 Todesfälle, doch sie starben bei Fracht-, Demonstrations- oder Bedarfsflügen. „Sensationell“, jubelt daher JACDEC-Gründer Jan-Arwed Richter, der bei der Vorlage seiner Halbjahresstatistik der weltweiten Flugunfälle von einer neuen Bestmarke spricht. Die Vergleichzahl des Vorjahrs lag noch bei 175 Toten.

Dabei ist der Boom in der zivilen Weltluftfahrt ungebrochen. Auf 31,4 Milliarden Dollar (27,9 Milliarden Euro) schätzt der internationale Airlineverband IATA seinen Gewinn in diesem Jahr. Damit einher geht ein spürbares Wachstum beim Passagieraufkommen, das im Vorjahr bei immerhin schon 3,7 Milliarden Passagieren lag.

Airlines rund um den Globus spüren trotz diverser Unwägbarkeiten weiter Aufwind. Die deutschen Fluggesellschaften investieren nach Angaben des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) in den nächsten Jahren in 214 verbrauchsärmere Flugzeuge. Listenpreis: 37 Milliarden Euro. Doch ist damit schon das Maximum an Flugsicherheit erreicht in der kommerziellen Luftfahrt?

„Die Statistik zeigt in der Tat, was wir schon seit langem wissen: dass das Fliegen sicher ist“, sagt Markus Wahl von der Pilotenvereinigung Cockpit. Der Flugzeugführer spricht aber von einer Momentaufnahme, die nicht das Gesamtbild abbildet. „In der Statistik werden ja nur die Unfälle aufgelistet, das spiegelt einfach nicht das Sicherheitslevel der gesamten Industrie wider“, sagt er.

Dazu zählt er etwa den von Airline zu Airline sehr unterschiedlichen Umgang mit Fehlern oder Irrtümern. „Es gibt Airlines, die ihre Piloten da gehörig unter Druck setzen, um nicht über Fehler zu reden - das ist für die Sicherheitskultur nicht gerade förderlich“, sagt der Pilot. Auch der Hamburger Luftfahrtexperte Cord Schellenberg warnt davor, sich angesichts der Zahlen auszuruhen. „Das Motto der Luftfahrt ist immer, sich zu verbessern - und es gibt ja stets irgendwelche Vorfälle, die zwar nicht zu Katastrophen führen, aus denen man aber lernen kann.“ Für die Flugzeughersteller wie die Fluggesellschaften bleibe das eine permanente Herausforderung.

Was verdient ein Pilot?

Grundgehalt

Lufthansa-Piloten gehören zu den bestbezahlten Angestellten in Deutschland. Nach Unternehmensangaben steigen junge Flugoffiziere nach der zweijährigen, teils selbstbezahlten Flugschule mit einem Brutto-Grundgehalt von 55.500 Euro ein, das inklusive Zulagen für Schichtdienst und Flugstunden über das vereinbarte Maß hinaus ein realistisches Anfangsgehalt von rund 73.000 Euro ergibt.

Das „Senioritätsprinzip“

Nahezu jedes Jahr folgt nun nach dem „Senioritätsprinzip“ die nächste Gehaltsstufe. Nach derzeit 23 Schritten ist die oberste Kapitänsstufe mit einem Grundgehalt von 193.000 Euro erreicht, inklusive Zulagen können das pro Jahr mehr als 255.000 Euro brutto werden.

Im europäischen Vergleich

Ähnliche Gehälter werden bei europäischen Ex-Staatsfluglinien wie der Air France-KLM auch bezahlt. Etwas unter diesem Niveau liegen nach einer Aufstellung der Website Airliners.de die British Airways und Easjet, die von der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) in der Vergangenheit schon als Messlatte für einen möglichen Low-Cost-Tarifvertrag im Lufthansa-Konzern genannt worden ist.

Zulagen-Modell

Das untere Marktende markieren kleinere Gesellschaften wie die Air-Berlin-Tochter Niki, bei der ein Kapitän laut dem Portal Pilotjobsnetwork bis zu 74.000 Euro im Jahr verdienen kann. Allerdings locken hier vergleichsweise hohe Zulagen für tatsächlich geleistete Flugstunden.

Vorwurf Sozialdumping

Der irische Billigflieger Ryanair wehrt sich gegen den Vorwurf des Sozialdumpings. Bei der Airline könnten Kapitäne bis zu 170.000 Euro verdienen, erklärte noch am Donnerstag ein Unternehmensvertreter. In Branchenvergleichen ist hingegen von 85.000 Euro Höchstgehalt und 25.000 Euro Einstiegssalär die Rede.

Andere warnen vor Risikofeldern wie den immer zahlreicher werdenden Drohnen. Die Deutsche Flugsicherung etwa schätzt, dass dieses Jahr 600 000 neue unbemannte Fluggeräte den Himmel über Deutschland bevölkern werden. Pilot Wahl sagt: „Statistisch ist es nur eine Frage der Zeit, wann es da zur ersten Kollision mit einem Verkehrsflugzeug kommt.“ Bei der neuen Drohnen-Verordnung müsse sich erst einmal zeigen, wie sie umgesetzt wird. Es hapere auch bei der Cyber-Sicherheit im Cockpit - trotz beschwichtigender Beteuerungen seitens der Industrie.

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Das ZDF geht in einem Bericht mit Deutschlands größter Airline hart ins Gericht. Die Lufthansa vernachlässige die Sicherheit an Bord und behandele Mitarbeiter schlecht, um Kosten zu senken. Was ist dran an den Vorwürfen?

„Einen Schutz vor Manipulationen gibt es kaum - vor allem bei älteren Flugzeugen wurde da ja noch gar nicht dran gedacht“, sagt Wahl. Die elektronische Sicherheit im Cockpit sei bestenfalls rudimentär. Daher seien auch Spekulationen über die Zukunft des vollautomatischen, autonomen Fliegens ohne Cockpit-Besatzung aktuell kaum realistisch - selbst wenn es technisch als machbar gilt, Jets ohne Besatzung auf den Weg von A nach B zu schicken. Bemannte Flugdrohnen-Taxen, wie sie in Dubai demnächst ihren Betrieb aufnehmen sollen, würde der Käpt'n trotz aller Faszination für die Technik daher schmähen: „Bei einem Funkabriss gäbe es keine Möglichkeit, so ein Gerät noch zu steuern.“

Von

dpa

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