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14.02.2016

14:21 Uhr

Bauern in Neuseeland

Mit Hobbits durch die Milchkrise

Neuseeland ist das wichtigste Milch-Exportland der Welt. Doch der Einbruch der Preise lässt viele Bauern mit Verlust arbeiten. Immer mehr Farmer satteln daher auf den blühenden Hobbit-Tourismus um.

Neuseeland ist der wichtigste Milchexporteur der Welt. Reuters

Kuh auf einer Weide bei Auckland

Neuseeland ist der wichtigste Milchexporteur der Welt.

AucklandDer neuseeländische Bauer Ian Diprose hatte früher der Milchwirtschaft einen Großteil seiner Einnahmen zu verdanken. Heute stützt er sich auf den Tourismus.

Fallende Milchpreise treiben die Viehhöfe in die roten Zahlen und ziehen ländliche Betriebe in Mitleidenschaft. Doch Diprose und seine Frau Joy verdienen mittlerweile mehr Geld mit Touristen als andere Farmer mit ihren Kühen. Das liegt daran, dass ihr Weideland in Waikato, dem Kerngebiet der neuseeländischen Milchwirtschaft, etwa 16 Kilometer von Hobbingen entfernt liegt - dem Nachbau des Hobbit-Dorfes von Bilbo Beutlin im Auenland, das für die beiden Filmtrilogien „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ von Peter Jackson nachgebaut wurde.

„Viele Leute, die hier durchreisen, sind Hobbit-besessen“, sagt der 73-jährige Diprose. In seiner De Preaux Lodge in Matamata bietet er den Besuchern ein Zimmer, Frühstück, eine Mahlzeit und das authentische Erlebnis einer neuseeländischen Farm für 175 Neuseeland-Dollar, umgerechnet knapp 103 Euro, pro Nacht. „In unserem Städtchen gibt es etwa 30 Cafés und Gastronomiebetriebe, weil die Touristen vorbeikommen.“

Die verrücktesten Übernachtungsmöglichkeiten

Gefängnis

Im ehemaligen Untersuchungsgefängnis in Kassel konnten Gäste bis Ende 2012 ihre Nächte verbringen. Draußen auf den Mauern windet sich Stacheldraht, drinnen reiht sich auf den mit Linoleum ausgelegten Gängen eine Zelle an die nächste: eng, mit brüchigen Fliesenböden und Neonröhrenbeleuchtung. Duschen gibt es nur auf dem Flur. „Die Leute nehmen das super gut an", sagt Betreiber Gotthard Fels. „Und über 90 Prozent sagen hinterher: Das war eine tolle Erfahrung."

Indoor-Camping

Auf Natur kommt es den Gästen des Indoor-Campingplatzes in Berlin-Neukölln gerade nicht an. Der „Hüttenpalast" ist in die rustikalen Gemäuer einer ehemaligen Möbelfabrik gebaut. Jeweils drei individuell gestaltete Wohnwagen und -hütten stehen in dem lichtdurchfluteten Raum im Halbkreis beieinander. Die Einrichtung wurde im Mai 2011 eröffnet. Auf dem Gelände solle vor allem das Gefühl von Geborgenheit und Zusammenhalt, wie es dies auch auf anderen Campingplätzen gibt, vermittelt werden, sagte Gründerin und Inhaberin Sabine Lorenzen. Eine Nacht im Wohnwagen kostet 65 Euro für zwei Personen.

Amtsgericht

In den Zellen des alten Amtsgerichts im nordrhein-westfälischen Petershagen übernachten pro Saison bis zu 700 Gäste. Stilecht wird dort in metallenen Doppelstockbetten geschlafen und wer will, kann sich sogar einen gestreiften Sträflingsanzug leihen. Die Nacht kostet 25 Euro pro Person.

Eisenbahnwaggons

Auch in Brandenburg können Gäste an ungewöhnliche Orten schlafen. So verbringen Touristen in einem ehemaligen Hafengelände nahe Groß Neuendorf ihre Nächte in umgebauten Eisenbahnwaggons.

Hausboot

In Brandenburg sind auch schwimmende Ferienhäuser auf der Havel oder in der künstlichen Seenlandschaft der Lausitz gefragt.

Kanalrohr

Doch es gibt noch einfachere Schlafstellen: Wer schon immer mal in einem Kanalisationsrohr träumen wollte, kann dies in Bottrop erleben. Das Parkhotel bietet seit 2011 Schlafplätze in fünf Rohren, die auf dem ehemaligen Gelände einer Kläranlage aufgestellt sind. „Anfänglich hatten wir gedacht, dass vor allem Radfahrer kommen würden, die eine günstige Übernachtungsmöglichkeit suchen", sagt Gregor Evers, der für das Hotel der Arbeitsförderungsgesellschaft Gafög zuständig ist. Doch es habe sich herausgestellt, dass der Kreis der Interessenten viel größer sei.

Die Schlafplätze werden von Besuchern aller Altersklassen gebucht. Auch Rentner hätten schon in den Kanalrohren genächtigt. „Sie haben sich Klappstühle mitgebracht, sich abends vor ihre Rohre gesetzt und einen Wein getrunken", berichtet „Hotel-Chef" Evers.

Weinfass

Auch im übrigen Deutschland gibt es zahlreiche außergewöhnliche Betten. In der Nähe des hessischen Rüdesheim, im Hotel „Lindenwirt“, können Touristen bereits seit Anfang der 1970er Jahre in Weinfässern schlafen. Die Innenausstattung ist spartanisch, immerhin hat das Doppelzimmer sogar Dusche und WC. Der Preis ist mit 39 Euro die Nacht in der Hochsaison überschaubar. Ob die Weinprobe inklusive ist?

Ziegenstall

Mit Schlafstätten mitten in der Natur bietet der Wildwald „Vosswinkel“ nahe Menden im Sauerland außergewöhnliche Übernachtungsorte an. Dazu gehört ein Ziegenstall, in dem bis zu 15 Personen Platz finden – samt Zicklein. Wer's luftiger mag, kann die Nacht in einem Hochsitz verbringen.

Baumhaus

In Deutschlands erstem Baumhaushotel in Neißeaue, Deutschlands östlichster Gemeinde direkt an der Grenze zu Polen können die Besucher zwischen acht Baumhäusern als Übernachtungsmöglichkeit wählen. Das Herz des Hotels ist eine Feierplattform, von wo aus die Wipfelstege zu den Baumhäusern führen.

Die „Kulturinsel Einsiedel“ verspricht einen wunderschönen Blick über das Neißetal bis über die polnische Grenze hinaus, den man auch beim morgendlichen Besuch der Höhendusche inklusive Freilufttrocknung genießen könne. Im Baumstammlokal gibt es morgens ein Frühstücksbüffet.

Die Diproses sind vor fünf Jahren ins Beherbergungsgeschäft eingestiegen. Damals war es nur ein Hobby, um die Pensionsvieh-Einnahmen aufzubessern – doch mittlerweile ist es ihr Hauptgeschäft. Vier von fünf Milchviehbauern in Neuseeland, dem größten Milchexportland der Welt, werden nach Angaben der Zentralbank in dieser Saison mit einem Verlust arbeiten, während der weltweite Einbruch der Milchpreise ins dritte Jahr geht. Das dämpft die Ausgabefreude der Farmer und das Wirtschaftswachstum insgesamt, auch wenn der florierende Tourismus den Schock etwas abmildert.

„Ich habe den Weidepreis für eine Kundin ziemlich drastisch gesenkt, weil ich weiß, dass sie eine junge Landwirtin ist und dass sie zu kämpfen hat“, sagt Diprose, der zwei Söhne in der Milchwirtschaft hat. „Die Auswirkungen auf sie sind gravierend. Die Finanzlage der Milchviehhalter lastet mir jeden Tag auf dem Herzen.“

Während die Landwirte ihren Gürtel enger schnallen, nimmt die Nachfrage nach Düngemitteln, Maschinen und tierärztlichen Diensten ab. Auch die Einzelhändler in den ländlichen Gebieten bekommen das zu spüren. Der Umsatz der Firma Giltrap Agrizone, die Heuballenpressen und Traktoren verkauft, ging nach Aussage von Geschäftsführer Andrew Giltrap auf Jahressicht um 30 Prozent zurück. „Wir fahren Achterbahn und müssen das einfach aussitzen“, sagt er.

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