Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.01.2005

08:39 Uhr

Bei der Übernahme der LSE gewinnt nicht unbedingt derjenige, der das meiste Geld auf den Tisch legt

Fallstricke bedrohen Seiferts Vision

VonF. Drost (C. Potthoff, F. Schönauer, Handelsblatt)

Die geplante Übernahme der London Stock Exchange (LSE) durch die Deutsche Börse gerät zunehmend in den politischen Fokus. Der mittelstandspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hartmut Schauerte, will Börsenchef Werner Seifert im Bundestagsausschuss für Wirtschaft und Arbeit befragen. .„Das ist dringend erforderlich. Ich bin mir nicht ganz sicher, was die Deutsche Börse konkret plant“, sagte Schauerte dem Handelsblatt.

Werner Seifert, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse.

Werner Seifert, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse.

HB FRANKFRUT/LONDON.Seiner Meinung nach hätte der Kauf der LSE erhebliche Auswirkungen auf den Finanzplatz Deutschland. „Von der Ausgestaltung einer möglichen Übernahme hängt es ab, ob wir in Deutschland noch eine funktionierende Börse haben werden und der Finanzplatz Perspektive hat.“ Seifert solle sich möglichst bald öffentlich festlegen, zu welchen Zugeständnissen er gegenüber London bereit ist. „Ich habe Zweifel, ob Herr Seifert bei seinen bisherigen Positionen bleiben kann, wenn der Übernahmeversuch kurz vor dem Abschluss steht“, sagte Schauerte. Offiziell hat sich die Börse bisher nicht zu Details der Fusionspläne geäußert. Finanzkreise gehen davon aus, dass die Börse zwar nicht ihren Sitz, wohl aber das Management des Aktienhandels und der Terminbörse Eurex nach London verlagern will, um die Zustimmung der LSE zu einer Fusion zu erreichen.

Schauerte steht mit seinen Sorgen nicht allein. Auch der Chef des Deutschen Aktieninstituts (DAI), Rüdiger von Rosen, fordert, dass die Kernfunktionen der Börse in Frankfurt bleiben müssen (siehe „Nachgefragt“). Ähnlich äußerte sich Bundesbankvorstand Hans Reckers. Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller dagegen befürwortet die Expansion der Börse.

Während in Deutschland und in London lautstark das Für und Wider einer Übernahme der LSE diskutiert wird, hält sich der zweite Interessent, die französisch dominierte Euronext, mit öffentlichen Äußerungen weitgehend bedeckt. Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass Euronext ebenfalls für die LSE bieten will. Das bislang einzige – nur indikative – Gebot legte die Deutsche Börse im Dezember vor. Die Offerte, die die LSE mit rund 1,9 Mrd. Euro bewertet, wurde an der Themse postwendend als zu gering zurückgewiesen. Mittlerweile haben sich Börsenchef Werner Seifert und LSE-Chefin Clara Furse mehrmals zu Verhandlungen getroffen. Ziel Seiferts ist es, dass sich das LSE-Management für eine – noch zu konkretisierende – Übernahmeofferte der Börse ausspricht. Sollten die Gespräche ergebnislos bleiben, könnte Seifert nach Meinung einiger Beobachter eine feindliche Offerte lancieren.

Spätestens dann dürfte sich Euronext in den Bieterwettstreit einschalten. Der Grund ist vor allem strategischer Natur. Die Deutsche Börse und Euronext sind heute – gemessen am eigenen Börsenwert – weitaus mächtiger als die LSE, die seit langem als Übernahmekandidat gilt. Deren Charme macht die Tatsache aus, dass London das größte Finanzzentrum Europas ist und an der LSE weitaus mehr Aktien umgesetzt werden als an den kontinentaleuropäischen Plätzen. Zudem hat der Erwerber der Londoner Börse auf einen Schlag einen großen Vorsprung vor anderen Börsen und er darf darauf hoffen, dass sich ihm andere Handelsplätze anschließen.

In Finanzkreisen gilt die Deutsche Börse als Favorit, weil sie über höhere Finanzkraft verfügt als die Euronext. Allerdings glauben viele Beobachter auch, dass die finanzielle Stärke zwar ein wichtiges, nicht aber das einzige Argument in dem wahrscheinlichen Bieterwettstreit sein wird. Die großen Investmentbanken, die in London einiges Gewicht haben, hadern beispielsweise an Problemen mit dem Geschäftsmodell der Börse, die außer dem Handel auch die Abwicklung der Börsengeschäfte anbietet. Die Regulatoren äußern sich vorsichtig: Erst gestern mahnten der Chairman der US-Finanzaufsicht, William Donaldson, und der frühere Chef der FSA, Howard Davies, dass der Gewinner „regulatorische Erfordernisse“ einhält.

Zudem geraten alle Beteiligten allmählich unter Zeitdruck. Die Aktionäre mahnten zuletzt häufiger mehr Transparenz an. Gestern forderte die US-Fondsgesellschaft State Street mehr Informationen. Im Unterschied zu anderen Investoren steht State Street, die mit zwei Prozent an der LSE und mit 1,6 Prozent an der Deutschen Börse beteiligt ist, einer Offerte positiv gegenüber. „Dann kommen alle Fakten auf den Tisch“, sagte Richard Lacaille, Chief Investment Officer in Europa. Dagegen haben sich einige Minderheitsaktionäre gegen eine Offerte der Deutschen Börse gewandt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×