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21.08.2014

08:02 Uhr

Berggruen gibt Fehler zu

„Das Geld war nicht das Problem von Karstadt“

In einem Interview gesteht der Ex-Investor der Warenhausgruppe Fehler ein. Man hätte „frühzeitiger“ sanieren müssen, so Berggruen. Doch ganz auf sich will er die Schuld nicht nehmen.

Der Investor Nicolas Berggruen hat in einem Gespräch mit der „SZ“ Fehler eingestanden. AFP

Der Investor Nicolas Berggruen hat in einem Gespräch mit der „SZ“ Fehler eingestanden.

Düsseldorf„Das ist auch mein Fehler“: Der Investor Nicolas Berggruen übt nach seinem Rückzug bei Karstadt auch Selbstkritik. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ (Donnerstagsausgabe) gibt er zu, den deutschen Markt unterschätzt zu haben. „Andere Handelsunternehmen aus dem englischsprachigen Raum, etwa Wal-Mart, haben uns gewarnt“. sagt der Ex-Karstadt-Besitzer in dem Gespräch. Doch man habe gedacht, man würde es schaffen. „Aber sie hatten recht: Deutschland ist ein sehr spezieller Markt – das haben wir schmerzlich lernen müssen.“

In dem Interview sagt er auch, dass der Fehler gewesen sei, „ dass wir nicht frühzeitiger und entschiedener bei der Sanierung vorgegangen sind“. Doch die Bedingungen seien schwierig gewesen, so Berggruen. Man habe zugesagt, keine Standorte zu schließen, und dieses Versprechen auch eingehalten. „Aber das hat uns ab 2013 in eine sehr schwierige Situation gebracht“, erklärt Berggruen. Bei einer Sanierung sei es so, dass es am Anfang weh tue, „aber langfristig hilft es“.

Karstadts Krisen-Chronik (Teil 1)

Keine Wende

Mit seinem früheren Mutterkonzern Arcandor war Karstadt 2009 in die Insolvenz gerutscht. Im Juni 2010 stieg Investor Nicolas Berggruen ein. Von seinem Einspringen wurde die Wende erhofft. Die Chronik der Krise.

1. September 2009

Für die wichtigsten Arcandor-Gesellschaften - darunter die Karstadt Warenhaus GmbH - wird das Insolvenzverfahren eröffnet.

1. Dezember

Zehn Karstadt-Standorte mit teils mehreren Häusern sollen nach Angaben der Insolvenzverwaltung geschlossen werden. Etwa 1200 Mitarbeiter sind betroffen.

15. März 2010

Beim Essener Amtsgericht wird ein Insolvenzplan vorgelegt. Am 12. April stimmen die Gläubiger dem Plan zu.

1. Juni

Von bundesweit 94 Kommunen haben bis auf drei alle einem Verzicht auf Gewerbesteuer zugestimmt. Die im Insolvenzplan geforderte Zustimmungsquote von 98 Prozent gilt damit als sicher.

7. Juni

Die vom Privatinvestor Nicolas Berggruen gesteuerte Berggruen Holding erhält vom Gläubigerausschuss den Zuschlag zur Übernahme. Einen Tag später unterschreibt Berggruen den Kaufvertrag unter Vorbehalt. Berggruen fordert vom Karstadt-Standortvermieter Highstreet deutliche Mietsenkungen.

14. Juni

Eine erste Verhandlungsrunde zu den künftigen Mieten endet ohne Ergebnis. Am 20. Juni lehnt Berggruen ein Angebot von Highstreet über Mietsenkungen von mehr als 400 Millionen Euro ab.

26. August

Berggruen hat sich mit der Essener Valovis-Bank geeinigt. Die Bank hatte Highstreet ein Darlehen über 850 Millionen Euro gewährt und dafür im Gegenzug 53 Waren-, Sport- und Parkhäuser als Sicherheit erhalten. Man habe sich unter anderem darauf verständigt, dass Berggruen dieses Darlehen bis 2014 ablösen könne, heißt es.

2. September

Die Highstreet-Gläubiger stimmen den von Investor Berggruen geforderten Mietsenkungen zu.

30. September

Das Essener Amtsgericht hebt das Insolvenzverfahren auf. Damit erhält Berggruen zum 1. Oktober die Schlüsselgewalt für die Karstadt Warenhaus GmbH. 40.000 Gläubiger verzichten auf zwei Milliarden Euro. Die Belegschaft verzichtet auf 150 Millionen Euro.

Berggruen hatte die insolvente Warenhauskette im Jahr 2010 übernommen. In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass er seine Anteile an den österreichischen Investor René Benko verkauft. Berggruen war oft vorgeworfen worden, er habe nicht genug in die Warenhauskette investiert. Im Gespräch mit der „SZ“ geht er auf diesen Vorwurf ein. „Das Geld war nicht das Problem von Karstadt“, so Berggruen. „Mehr Geld von mir hätte deshalb auch nichts geändert.“ Er macht strukturelle Probleme als Grund für Karstadts Krise aus: Die Häuser, die man saniert habe, hätten sich nicht besser entwickelt als Häuser, die man nicht saniert habe.

Karstadts Krisen-Chronik

Lange Leidensgeschichte

Die Krisengeschichte der angeschlagenen Warenhauskette Karstadt ist lang, 2009 begann das Insolvenzverfahren. Eine Übersicht über sechs Jahre Überlebenskampf.

1. September 2009

Nach Jahren des Überlebenskampfes wird für die Karstadt Warenhaus GmbH das Insolvenzverfahren eröffnet.

7. Juni 2010

Die Berggruen Holding des Privatinvestors Nicolas Berggruen bekommt den Zuschlag zur Übernahme.

20. September 2010

Das Amtsgericht Essen hebt das Insolvenzverfahren auf. 40.000 Gläubiger verzichten auf zwei Milliarden Euro, die Belegschaft auf 150 Millionen Euro.

23. November 2010

Der frühere Woolworth-Manager Andrew Jennings wird zum neuen Karstadt-Chef bestellt und beginnt Anfang Januar 2011.

6. Juli 2011

Jennings legt das Konzept „Karstadt 2015“ vor: Modernisierung der Warenhäuser, stärkeres Online-Geschäft und Expansion der Sporthäuser sind der Kern.

16. Juli 2012

Karstadt kündigt die Streichung von 2000 Stellen an.

13. April 2013

Karstadt kündigt eine „Tarifpause“ für die Beschäftigten an. Die Belegschaft protestiert.

16. September 2013

75,1 Prozent der Premium-Kaufhäuser und der Sporthäuser gehen an den Karstadt-Vermieter Signa. Dafür sollen die Österreicher 300 Millionen Euro in die Modernisierung investieren.

7. Juli 2014

Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt, die dem Ende 2013 augeschiedenen Jennings folgte, verlässt das Unternehmen wieder. Sie sehe keine Basis mehr für die von ihr angestrebten Sanierung, sagt die Ex-Ikea-Managerin.

15. August 2014

Berggruen verkauft die Karstadt Warenhaus GmbH für einen Euro an den österreichischen Immobilieninvestor René Benko.

23. Oktober 2014

Die Warenhauskette kündigt tiefe Einschnitte an. Sechs Häuser sollen geschlossen werden.

22. Februar 2015

Nach monatelangen Verhandlungen zur Sanierung einigen sich Konzern und Betriebsrat. So wurden Altersteilzeit- und Vorruhestandsregelungen vereinbart. Rund 1400 Jobs sollen wegfallen.

2. April 2015

Dank sozialverträglicher Maßnahmen schrumpft die Zahl der Kündigungen auf 960. Außerdem zahlt Karstadt 2,5 Millionen Euro in einen Fonds für die Betroffenen.

10. April 2015

Teileinigung bei den Tarifverhandlungen: KaDeWe in Berlin, Alsterhaus in Hamburg und Oberpollinger in München kehren in die Tarifbindung zurück. Verhandlungen für die „normalen“ Karstadt-Warenhäuser und die Sporthäuser bleiben ohne Einigung.

12. Mai 2015

Weitere fünf Warenhäuser sollen geschlossen werden.

Ganz auf sich will Berggruen die Schuld daher auch nicht nehmen. Er habe sich mehr als Investor verstanden, sagt er in dem Interview. „Die operative Verantwortung lag beim Management von Karstadt“, erklärt der Deutsch-Amerikaner. Dafür engagiere man Fachleute.

Die Zukunft von Karstadt bewertet Berggruen zweigespalten. Zwar sagt er klar: „Karstadt lebt.“ Doch er stellt auch die Frage, ob es in Zukunft in fast allen deutschen Städten ein Warenhaus geben könne. Die Frage beantwortet er gleich selbst: „Ich habe da inzwischen meine Zweifel.“

Verdi fordert Zukunftskonzept

Karstadts Zukunft mit neuem Eigner ungewiss

Verdi fordert Zukunftskonzept: Karstadts Zukunft mit neuem Eigner ungewiss

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lih

Kommentare (3)

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Herr Wolfgang Trantow

21.08.2014, 09:12 Uhr

Feld war also nicht das Problem! Warum also die massiven Kürzungen der Mitarbeitergehälter? Wieder waren also die Manager vorsätzlich Schuld!!!

Herr Delete User Delete User

21.08.2014, 09:13 Uhr

Das Problem von Karstadt war Berggruen selbst.

In dem Artikel wird deutlich, dass er bei Fehlannahmen immer von "man habe..." spricht. Richtigerweise sollte er so formulieren, dass es heißt "Ich habe...". Damit würde er dann auch die verbale Verantwortung für das heutige Ergebnis übernehmen. Die Schuld auf das operative Management ist obendrein billig. Als Investor wäre er verpflichtet gewesen, Karstadt umzukrempeln und auf ein solides Fundament zu stellen. Es darf bezweifelt werden, ob dies jemals sein Ziel gewesen ist. Mittel- bis langfristig wird Karstadt nicht überleben!

Berggruen war da nur eine Zwischenetappe. Allerdings hätte er einen Turnaround einleiten können. Hier hat er kläglich versagt. Leid können einem schon heute die Unternehmen tun, bei denen er künftig einsteigen wird.

Vielleicht ist es aber auch eine Warnung an die Aktionäre solcher Unternehmen, Verhandlungen mit einem Berggruen abzulehnen!

Herr J.-Fr. Pella

21.08.2014, 12:28 Uhr

Herr Berggruen hat persönlich keinen finanziellen Schaden genommen. Seine Investitionen erfolgten erst nach d. Verkauf von einigen "Filet-Filialen".
Dieses Geld wurde aber auch nur teilweise eingesetzt.
Schlimm, schlimm, aber die Gewerkschaft hat wieder einmal nur Löcher in d. Luft geguckt und stellt jetzt Forderungen und lamentiert.
Hatten wir schon alles unter Middelhoff.
Also wurden nochmals auf beiden Seiten unternehmerische
Fehler weiter geführt.
Die eigentlichen Verlierer sind die korrekten Mitarbeiter
und die Sozialkassen, die wieder einmal mehr bezahlen müssen ohne Jemanden in Regress nehmen zu können.

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