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17.10.2015

14:05 Uhr

Besuch auf der Ostpro

„Herrlich, was wir für einen Scheiß hatten!“

VonMiriam Schröder

Auf der Ostpro-Messe können Besucher DDR-Produkte erwerben und in „Ostalgie“ schwärmen. Es kommen vor allem Rentner, viele sind Stammgäste. Gemeinsam gehegte Vorurteile gehören auch 25 Jahre nach dem Mauerfall dazu.

BerlinStellen Sie sich mal vor, unser Land würde verschwinden. Nicht der Boden und nicht die Menschen. Aber alles drumherum. Ihre Boss-Anzüge wären auf einmal mega-out, Ihr BMW peinlich. Es gäbe keine Kanzlerin mehr und keine Coca-Cola, keinen Euro und kein Aspirin. Unsere Kinder würden die Raupe Nimmersatt nicht mehr kennenlernen und keine Panini-Bildchen. Von heute auf übermorgen wäre das alles weg und eine neue, andersfarbige und anders riechende Welt würde uns umschließen. Vielleicht würden wir sie ja lieben, diese Welt, und unseren Platz in ihr finden. Vielleicht käme aber auch der Tag, an dem uns der Geruch von Persil zu Tränen rühren würde. Weil er uns daran erinnerte, wie wir früher waren, als uns unser Land und unser Leben noch selbstverständlich schienen.

Anders ist die Menschen-Schlange nicht zu erklären, die sich schon am Freitagmorgen um neun Uhr gebildet hat, eine Stunde vor Öffnung der Ostpro, eine Messe für Ost-Produkte in Berlin. Es sind hauptsächlich Rentner gekommen, die meisten von ihnen Stammgäste. Wenn sie gehen, tragen sie in ihren Plastiktüten das Knäckebrot Filinchen, die Kinderbücher mit dem Maulwurf, das Mehl der Marke Kathi, Rondo-Kaffee und Herzgut-Käse, den Kurz-Koch-Reis Kuko oder die Tiefkühlklöße von Oderfrucht („Ohne Kloß nichts los“) nach Hause.

So verschieden sind Ost und West

Wirtschaft

„Blühende Landschaften“ gibt es im Osten eher wenige. Die Wirtschaftskraft liegt ein Drittel unter dem Niveau der westdeutschen Länder. Und: Die Lücke schließt sich seit einiger Zeit kaum noch. (Quelle: dpa)

Verdienst

Ostdeutsche verdienen viel weniger. So betrug der mittlere Bruttomonatslohn im Westen zuletzt 3094 Euro, im Osten nur 2317 Euro.

Arbeitslose

Die Kluft zwischen Ost und West wird immer kleiner. In Ostdeutschland ist die Arbeitslosenquote auf dem tiefsten Stand seit 1991. Trotzdem beträgt sie noch 9,1 Prozent, im Westen 5,8 Prozent.

Rente

Wegen des früheren Berufseinstiegs in der DDR sind Renten im Osten meist höher. Zuletzt bekamen Männer im Schnitt 1096 Euro, Frauen 755 Euro. Im Westen: Männer 1003 Euro, Frauen 512 Euro.

Vermögen

Ostdeutsche besitzen nicht einmal halb so viel. Während Erwachsene im Westen im Schnitt über 94 000 Euro verfügen, sind es im Osten nur 41 000 Euro. Der Durchschnittswert selbst genutzter Immobilien liegt im Westen bei 151 000, im Osten bei 88 000 Euro.

Kinderwunsch

In Westdeutschland ist der Kinderwunsch deutlich ausgeprägter. Nach einer Forsa-Umfrage möchten 63 Prozent der jungen Erwachsenen hier auf jeden Fall Kinder, im Osten nur 47 Prozent.

Kinderbetreuung

In der DDR gehörte die Krippe zum Alltag, das wirkt bis heute nach. 2013 war die Betreuungsquote im Osten mit 49,8 Prozent noch mehr als doppelt so hoch wie in den westdeutschen Ländern mit 24,2 Prozent.

Verkehrstote

Ostdeutsche Straßen sind gefährlicher - und besonders gefährlich sind die in Brandenburg. Bei Verkehrsunfällen starben 2013 dort 69 Menschen pro eine Million Einwohner, in Sachsen-Anhalt 61. Im Bundesdurchschnitt waren es gerade mal 41.

Musik

Ob Helene Fischer oder Tim Bendzko: Musik mit deutschem Text ist im ganzen Land beliebt, nach einer Umfrage im Osten (84 Prozent) aber noch deutlich stärker als im Westen (74 Prozent).

Sterbehilfe

Rund 82 Prozent der Ostdeutschen wünschen sich einer Forsa-Umfrage zufolge bei einer schweren Erkrankung Sterbehilfe. In Westdeutschland sind es nur 67 Prozent.

Studenten

Sie können sich im Osten wegen niedrigerer Mieten mehr leisten. Laut Umfrage zahlt jeder zweite weniger als 300 Euro Miete, im Westen nur jeder dritte. Für Ausgehen oder Hobbys geben Studenten im Osten im Schnitt 178 Euro aus, 16 Euro mehr als die Kommilitonen im Westen.

Kirche

Die historisch gewachsene Kluft bleibt groß: 2011 waren noch 25 Prozent der Menschen im Osten Mitglied der katholischen oder evangelischen Kirche, im Westen 70 Prozent.

Stimmung

Nach einer Umfrage von Infratest dimap bewerten etwa 75 Prozent der Ostdeutschen die Wiedervereinigung positiv. In Westdeutschland sieht dagegen nur rund die Hälfte der Befragten (48 Prozent) mehr Vor- als Nachteile.

Eine Frau kauft 20 Packungen Kekse am Stand von Wikana. Dass die traditionsreiche Keksfabrik aus der Lutherstadt Wittenberg heute auch „Fair Trade“ und mit Quinoa produziert, was die Gesundheitsbewussten jetzt überall in Deutschland essen, stört sie überhaupt nicht. Es ist die Marke, an der ihr Herz hängt, Wikana, so hieß er eben, der Keks ihrer Kindheit. „Ist ja bald Weihnachten“, sagt sie, als sie die übervollen Tüten entgegennimmt, und das ist nicht zu übersehen. Gemessen an der Anzahl der Stände auf der Ostpro scheinen Christstollen und Kerzen aus dem Osten besonders wettbewerbsfähig gewesen zu sein.

Viele Produkte aus dem Osten haben die Wende nicht überlebt. Ihre Produktion war zu teuer oder die Qualität nicht massentauglich. Die schmutzabweisenden und bügelfreien Tischdecken aus Polyester zum Beispiel, „die bekommen Sie nur noch bei mir“, sagt der Verkäufer. Im Westen hätten sich die Osttischdecken nie durchgesetzt, „die West-Frauen arbeiten ja nicht und bügeln gern.“ Eine Kundin nickt zustimmend. Nichts eint so sehr wie ein gemeinsames Vorurteil, geteilt bei Schwarzbier und Schmalzstulle.

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