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29.03.2012

18:09 Uhr

Betriebsrat

Schlecker-Beschäftigte drohen mit Klagen

Erst die Meldung der Insolvenz, dann die gescheiterte Finanzierung der Transfergesellschaften. Für die Schlecker-Beschäftigten hagelt es Enttäuschungen. Geht es nach der Gewerkschaft, werden sie vor Gericht ziehen.

Schlecker-Streit: Alle auf die FDP

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StuttgartNach dem endgültigen Aus von Schlecker-Hilfen hat der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz die Kündigungsschreiben an rund 10.000 Mitarbeiter verschickt. Insgesamt müssen etwa 11.200 Mitarbeiter gehen, der Rest habe bereits von sich aus gekündigt, sagte ein Sprecher des Insolvenzverwalters.

Die Schlecker-Beschäftigten sind von der Absage der Politik an eine Transferlösung enttäuscht. „Das ist für uns überhaupt nicht nachvollziehbar. Bayern hat sich komplett ausgeklemmt und das, was die FDP gemacht hat, war ein Armutszeugnis“, sagte Schlecker-Gesamtbetriebsrätin Christel Hoffmann am Donnerstag. Zuvor waren Gespräche der Bundesländer über Transfergesellschaften, die die Beschäftigten aufgefangen hätten, gescheitert.

„Der Tag hat uns gezeigt, welche Wertstellung Frauenarbeit in Deutschland hat. Das ist bitter.“ Knapp 10 000 Mitarbeiter erhalten die Kündigung. Nun werde der Einsatz für die verbleibenden Mitarbeiterinnen der insolventen Drogeriekette aus Ehingen weitergehen. Dazu seien in den nächsten Tagen Gespräche mit der Gewerkschaft geplant. „Trotz allem und vielleicht auch gerade deswegen: Wir werden es schaffen“, sagte Hoffmann.

Schlecker-Mitarbeiter auf einer Demonstration Mitte März in Berlin. Reuters

Schlecker-Mitarbeiter auf einer Demonstration Mitte März in Berlin.

Die Fraktionschefin der Grünen, Renate Künast forderte eine koordinierte Aktion der Arbeitsagenturen, um den vor der Entlassung stehenden beschäftigten zu helfen. Das Bundesministerien für Wirtschaft und Arbeit müsse „eine zentrale Aktion der Jobcenter organisieren“, verlangte die Grünen-Politikerin. In einer konzertierten Aktion sollte ein Internet-Portal aufgemacht werden, um festzustellen, wo welche Stellen für die betroffenen Frauen frei und welche Qualifizierungen nötig seien. In Nordrhein-Westfalen kündigte die Arbeitsagentur bereits die Gründung eines Spezialisten-Teams für die Schlecker-Beschäftigten an. Spezielle Beratungsfachkräfte seien dafür vorgesehen.

FAQ Wie es bei Schlecker weitergeht

Was bringt den Mitarbeitern ein Gang vor Gericht?

Wer Kündigungsschutzklage einreichen will, muss dies innerhalb von drei Wochen nach Eingang der Kündigung beim zuständigen Arbeitsgericht tun. Arbeitsrechtler verweisen darauf, dass die Sozialauswahl der entlassenen Mitarbeiter sehr schnell getroffen werden musste - und deshalb viele Angriffspunkte für Klagen bieten könnte. Hat eine Klage Erfolg, kann die Kündigung sogar für unwirksam erklärt werden. Im Fall Schlecker rechnen Experten mit einer Klagewelle.

Was bringt der Sozialplan den gekündigten Mitarbeitern?

Der vereinbarte Sozialplan ist zunächst einmal gesetzlich vorgeschrieben. Er könnte den Mitarbeitern etwa Abfindungen ermöglichen. Bei einer Insolvenz sind diese aber Teil der Insolvenzmasse, und diese wird erst am Ende des Verfahrens festgesetzt. Das bedeutet: Die Beschäftigten müssten möglicherweise monate- oder gar jahrelang auf die Abfindung warten. Experten zufolge dürften die Abfindungen dann aber auch nicht allzu hoch ausfallen - das hängt auch davon ab, wie groß die Insolvenzmasse ist.

Was hätte eine Transfergesellschaft den Mitarbeitern gebracht?

Sie hätte die Beschäftigten vor dem unmittelbaren Sturz in die Arbeitslosigkeit bewahrt. In der Transfergesellschaft hätten sie ein halbes Jahr lang 80 Prozent ihres letzten Nettogehalts bekommen. Außerdem hätten die Gesellschaften den ehemaligen Schlecker-Mitarbeitern geholfen, möglichst schnell einen neuen Job zu finden - unter anderem durch Qualifizierungsmaßnahmen. Skeptiker sind allerdings überzeugt, dass die Arbeitsagentur das genauso gut kann wie eine Transfergesellschaft.

Was müssen die ungekündigten Mitarbeiter befürchten?

Zunächst einmal würde ein Investor auch alle bestehenden Verträge übernehmen, wie sie sind. Es können allerdings auch Änderungsverträge abgeschlossen werden, die niedrigere Gehälter für die Beschäftigten bedeuten könnten. Darüber wird laut Verdi noch verhandelt. Ein Gutacht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) sieht allerdings die Perspektiven für ein Überleben der Kette äußerst skeptisch.

Welche Folgen hat das für das Unternehmen?

Die Aussicht auf zahlreiche Klagen und langwierige Gerichtsverfahren könnten potenzielle Investoren abschrecken. Sollten Kündigungen gar zurückgezogen werden, müsste der Investor auch diese Mitarbeiter übernehmen. Da der mögliche Käufer aber bei Geschäftsabschluss nicht absehen kann, wie viele der bisher gekündigten Mitarbeiter er übernehmen müsste, könnte es den Deal unattraktiv machen - im schlimmsten Fall hat er mehr Personalkosten als geplant. „Kein Kaufinteressent wäre bereit, das Risiko mit der Übernahme einzugehen“, sagt das Vorstandsmitglied des Deutschen Anwaltvereins, Michael Eckert, aus Heidelberg.

Welche Möglichkeiten haben die betroffenen Schlecker-Beschäftigten?

Vielen bleibt wohl nur der Gang zur Arbeitsagentur. Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, wer Voraussetzungen wie die Anwartschaftszeit erfüllt. Das ist in der Regel dann der Fall, wenn man in den letzten zwei Jahren mindestens ein Jahr versicherungspflichtig beschäftigt war. Wie gut die Job-Chancen für die Betroffenen sind, wird unterschiedlich beurteilt. Gewerkschafter sind pessimistisch, die Bundesagentur für Arbeit sieht gute Chancen. Derzeit gebe es bundesweit 25.000 offene Stellen für Verkäuferinnen. Allerdings sind viele der bei Schlecker beschäftigten Frauen gering qualifiziert.

Die Gewerkschaft Verdi warnte die Drogeriekette Schlecker vor einer Welle an Kündigungsschutzklagen. „Wir werden die betroffenen Frauen und Männer rechtlich an die Hand nehmen“, sagte Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. Es sei davon auszugehen, dass viele ihre Kündigung prüfen lassen werden. „Potenzielle Investoren werden mit unkalkulierbaren Risiken rechnen müssen.“ Zuvor waren Gespräche der Bundesländer über Transfergesellschaften, die die Beschäftigten aufgefangen hätten, gescheitert.

Schleckers Aufstieg und Fall

Drogerieriese und Familiengeschichte

Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:

1944

Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren

1965

Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.

1974

Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.

1975

Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.

1977

Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.

1984

Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.

1987

Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich

Dezember 1987

Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück

1990er

Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.

1994

Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.

2007

Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"

1998

Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.

2008

Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz

2010

Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.

November 2010

Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium

2011

Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)

2012

Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

„Für die Frauen ist das eine Katastrophe und aus meiner Sicht ein Skandal“, sagte Nutzenberger. Den Landesregierungen von Niedersachsen, Bayern und Sachsen hätten sich aus „durchsichtigen ideologischen Gründen vor der sozialen und gesellschaftlichen Verantwortung für die betroffenen Frauen“ gedrückt, kritisierte die Gewerkschafterin.

Kommentare (22)

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Harlemjump

29.03.2012, 18:24 Uhr

"Die Gewerkschaft Verdi warnte die Drogeriekette Schlecker vor einer Welle an Kündigungsschutzklagen. „Wir werden die betroffenen Frauen und Männer rechtlich an die Hand nehmen“, sagte Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger."
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hahahaha!
Die Erfahrungen eigen, dass die gewerkschaftlich gestützten Klagen vor den Arbeitsgerichten stets eine Lachnummer sind, das die von dort gestellten Anwälte i.d.R. aufgrund fehlender Honorare völlig unmotiviert sind und versierten Anwälten auf der Arbeitgeberseite rein gar nichts entgegen zu setzen haben.

Klaus

29.03.2012, 18:34 Uhr

Herzlichen Glückwunsch Verdi.

Klagt und fahrt Schlecker an die Wand. Die noch verbliebenen Frauen werden sich freuen und Verdi dankbar sein.

Mir tun die gekündigten Frauen leid.
Aber warum soll der Staat für große Firmen einspringen, aber die kleinen können ohne Interesse der Gewerkschaften und Co vor die Hunde gehen. Diese Beschäftigen sind doch für die Gewerkschaften nur Ballast, deren Beiträge man gerne annimmt, für die aber wenig getan wird.

Account gelöscht!

29.03.2012, 18:40 Uhr

„Potenzielle Investoren werden mit unkalkulierbaren Risiken rechnen müssen“ (wenn Verdi die Gekündigten an die Hand nimmt).

Hört sich so an, als ob sich Verdi freut, wenn potentielle Investoren für Schlecker abgeschreckt werden.

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