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02.09.2013

18:08 Uhr

Betriebsrenten werden gekappt

Lufthansa steht nächster Krach ins Haus

Die Lufthansa kappt die Betriebsrenten. Durch das niedrige Zinsniveau wird das Loch in der Rentenkasse der Airline immer größer. Tarifverträge sollen neu verhandelt werden – die Gewerkschaften gehen auf die Barrikaden.

Streik der Flugbegleiter im August 2012: Der Lufthansa steht ein Streit mit den Arbeitnehmern über die Betriebsrenten bevor. dpa

Streik der Flugbegleiter im August 2012: Der Lufthansa steht ein Streit mit den Arbeitnehmern über die Betriebsrenten bevor.

FrankfurtDie 60.000 Lufthansa-Angestellten in Deutschland müssen sich auf niedrigere Betriebsrenten einstellen. Damit forciert die unter Druck von Billiganbietern stehende Fluggesellschaft ihren Sparkurs. Das derzeitige Niveau der betrieblichen Altersversorgung und der Übergangsleistungen für Mitarbeiter, die bereits vor dem Rentenalter ausscheiden, sei so nicht mehr finanzierbar, sagte Peter Gerber, Personalvorstand des Lufthansa-Passagiergeschäfts, am Montag.

Problematisch sei die insgesamt steigende Lebenserwartung und das niedrige Zinsniveau. Vor allem letzteres sei schmerzhaft, da die Lufthansa-Rentenkasse damit nicht mehr genug Rendite erwirtschafte, um die Überweisungen an die Ruheständler zu decken. Die Lücke, die allein 2012 bei 260 Millionen Euro lag, müsse vom Konzern selbst gestopft werden. „Es gibt aus unserer Sicht Handlungsbedarf, wir müssen die Versorgung modernisieren.“ Ungefähr 60 Prozent der Dax-Unternehmen hätten eine solche Umstellung schon hinter sich, betonte der Manager. Die Aufwendungen bei der Lufthansa seien zwei bis drei Mal so hoch wie im Schnitt der Dax-Konzerne.

Konkret heißt das: Die Fluggesellschaft kündigt die entsprechenden Tarifverträge mit Wirkung Ende des Jahres und verhandelt dann mit den Arbeitnehmervertretern von Piloten, Kabinen- und Bodenpersonal, denn sie will ihren Inlands-Mitarbeitern keine feste Zinsen bei der Betriebsrente mehr garantieren. Beim bestehenden Tarifvertrag aus dem Jahr 1994 wurde ein Satz zwischen sechs und sieben Prozent zugrunde gelegt.

Fakten zur Umstellung von Lufthansa auf Germanwings

Diese Strecken werden umgestellt

Stuttgart wurde bereits im vergangenen Jahr umgestellt; seit Ende März läuft die Umstellung auch in Hamburg. Berlin und Düsseldorf sollen noch folgen. Bis Herbst 2014 sollen fast alle Lufthansalinien innerhalb Deutschlands und Europas von Germanwings übernommen werden. Nur München und Frankfurt werden dann noch von der Lufthansa bedient.

Das ändert sich bei Germanwings

Germanwings bekommt einen neuen Markenauftritt: Der bisherige Brombeer-Farbton bleibt erhalten, allerdings wird der Schriftzug der Lufthansa angepasst. Auch die Crew bekommt neue Uniformen.

Der Preisunterschied

33 Euro kostet ein Ticket im "Basic"-Tarif, 20 Euro teurer ist ein Ticket der Mittelklasse. Deutlich teurer ist die Premium-Variante, in der bis zu 259 Euro pro Strecke fällig werden.

Die Unterschiede zwischen den Klassen

Kunden des "Best"-Tarif haben unter anderem einen großzügigem Sitzabstand von 81,2 Zentimetern und einem freien Mittelsitz. Außerdem soll ein Bord-Menü à la Carte im Preis enthalten sein. Im "Smart"-Tarif, der Mittelklasse, sitzt man mit genauso viel Beinfreiheit wie im "Best"-Tarif. Servicemäßig sind 23 Kilo Freigepäck enthalten, ein kostenloser Snack und alkoholfreie Getränke. Nur in der Holzklasse ist dies nicht enthalten - hier zählt es nur so billig wie möglich zu reisen.

Warum Businesskunden Germanwings nutzen sollen

Germanwings bekommt nicht nur ein neues Markenkonzept, sondern auch eine neue Tarifstruktur: Die Linie soll dann Passagiere mit unterschiedlichen Ansprüchen bedienen und nicht nur für Billigflieger attraktiv bleiben. Dazu wird es drei Arten von Tickets geben.

Die Gültigkeit der neuen Tarifstruktur

Ab 1. Juli gelten die neuen Tarife, die allerdings schon seit Mitte April gebucht werden können. Die Tickets behalten auch seine Gültigkeit, wenn ein Flug der Lufthansa von Germanwings durchgeführt wird. Er wird automatisch umgebucht.

Das Bonusprogramm

Die Meilenprogramme von Lufthansa und Germanwings bleiben erhalten. Die einzige Neuerung: Kunden können in Zukunft entscheiden, in welchem Programm sie ihre Meilen gutschreiben lassen wollen.

Die Lounges

Business-Vielflieger im "HON-Circle" und Vielflieger mit Senator-Status können auch mit Germanwings-Bordkarte die Senator- und Business Lounges der Lufthansa aufsuchen. Der ursprüngliche Plan war, dass sich sogenannte "Frequent Traveller" einen Zugang zur Business-Lounges für 25 Euro kaufen können - dagegen regte sich Widerstand. Nun hat diese Gruppe auch Zugang zu den Business Lounges und den Miles&More-Partnerlounges.

Positiv für alle bereits Angestellten: „Wenn wir uns mit den Gewerkschaften nicht einigen, ändert sich wegen der Nachwirkung der alten Tarifregeln gar nichts“, betonte Gerber. Neue Mitarbeiter erhalten in dem Fall allerdings keine Betriebsrente mehr. Die Lufthansa-Zusatzrente war bislang auskömmlich: Langjährige Flugbegleiter konnten mit bis zu 1000 Euro Zusatzrente pro Monat rechnen, Kapitäne sogar mit mehr als 4000 Euro.

Der Gewerkschaften missfällt der Schritt massiv. „Da geht es ans Eingemachte, da sind keine Kompromisse möglich“, sagte Nicoley Baublies, Chef der Flugbegleiter Gewerkschaft Ufo. Die Gewerkschaft und die Arbeitnehmer seien der Lufthansa-Führung, die derzeit ein Riesensparprogramm vorantreibt, in vielen Bereichen entgegen gekommen, doch nun sei das Ende der Fahnenstange erreicht. Die Kürzung der Alterversorgung beträfe rund 20.000 Flugbegleiter. „Wir werden uns nicht mehr durch die Mangel drehen lassen“, betonte der Gewerkschaftsführer, der Europas größter Fluggesellschaft vor einem Jahr einen spektakulären Streik lieferte. Ein erneuter Arbeitskampf steht derzeit nicht bevor. „Wir werden erst mal den Druck herausnehmen und Experten einschalten, die die Berechnungen der Lufthansa durchleuchten werden“.

Sauer sind auch die Piloten. „Die Lufthansa will sich aus der Verantwortung stehlen“, sagte ein Sprecher der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC). VC vertritt 5000 Lufthansa-Piloten. Verdi zufolge kommt der Schritt zur Unzeit. Angesichts des laufenden Umbauprogramms bei der Lufthansa ist das ein schlechtes Signal, das bei den Mitarbeiter zusätzliche Unruhe schüre, sagte eine Sprecherin der Großgewerkschaft.

Kommentare (4)

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JAJA

02.09.2013, 18:43 Uhr

Und weiter gehts bergab.
Betriebsrenten, Lebensversicherungen und Rentensparpläne.
Nicht zu vergessen die gesetzliche Rente.
Ein Drittel der Bevölkerung ist schon aller Chancen beraubt.
Jetzt wird weiter oben abkassiert.
Solange sich der sogn. Mittelstand als Elite fühlen darf, solange wird diesem das Fell über die Ohren gezogen.

Account gelöscht!

02.09.2013, 19:28 Uhr

Die Betriebsrentner bzw. Betriebsrentenanschpruchsberechigten der Lufthansa solten ihren verständlichen und zu 100% berechtigten Unmut nicht gegen die Geschäftsleitung des Unternehmens richten, sondern gegen Herrn Draghi, Frau Merkel, Herrn Schäuble und alle diejenigen Bundestagsabgeordneten, die den Eurorettungsgesetzen zugestimmt haben.

Die Politiker alle sind nämlich wegen ihrer verhängnisvollen Euro-Rettungspolitik direkt verantwortlich für die künstlich nach unten manipulierten Zinsen und damit für die Probleme der Rentenversicherungen (und auch der Lebensversicherungen).

Die Rentner werden zur Kasse gebeten für die heilige "alternativlose" Kuh der Eurorettung.

Wenn aber die Geschädigten etwas dagegen unternehmen wollen, dass sie als Melkkühle für eine verfehlte Politik herhalten müssen, sollten sie am 22.9. keine der Euro-Rettungsparteien mehr wählen. Es gibt eine Alternative.

Account gelöscht!

03.09.2013, 12:06 Uhr

3.9.13 Der Raubeinkapitalismus schlägt wieder zu. Lufthansa ohne Not will Betriebsrenten kürzen. Doch,solange ein Unternehmen nicht akut vor der Insolvenz gerettet werden muss, besteht Bestandsschutz für bestehende Betriebsrenten. Hierzu gibt es Grundsatzurteile. Noch sind die Menschen über unser Rechtssystem vor dieser Spielart des Raubeinkapitalismus geschützt. Und, solange Aktionäre und Gesellschafter kräftig Dividende kassieren, sollte man sowieso nicht ans Fell altgedienter Beschäftigter. Verlässlichkeit in die Zukunft und Vertrauen auf Vertragstreue sind höchstes Gut in der Demokratie. Sei hinzugefügt, dass Betriebsrenten zwar unter niedrigen Zinsen leiden, im Gegenzug sonnen sich die Betriebe aber zugleich an entsprechend niedrigen Kreditzinsen. Aufkommender Neid ist sowieso der falsche Weg. Wolfgang Werkmeister, Buchautor, Eschborn

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