Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.01.2014

15:06 Uhr

Betrug beim ADAC

Der scheinheilige Gelbe Engel

VonLukas Bay

Der ADAC hat die Abstimmung zum Autopreis „Gelber Engel“ manipuliert. Dem guten Ruf des Automobilclubs droht ein Totalschaden. Trotz einer Entschuldigung ist das Vertrauen der Mitglieder erschüttert.

Skandal bei den "Gelben Engeln"

ADAC verspricht in Zukunft „hohe Transparenzansprüche“

Skandal bei den "Gelben Engeln": ADAC verspricht in Zukunft „hohe Transparenzansprüche“

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

DüsseldorfEs war eine Majestätsbeleidigung: Die Wahl zum „Gelben Engel“ sei gefälscht, ADAC-Kommunikationsdirektor Michael Ramstetter habe die Stimmzahlen bei der Leserwahl zum „Lieblingsauto der Deutschen“ persönlich nach oben korrigiert, hatte die Süddeutsche Zeitung wenige Tage vor der Vergabe des Autopreises berichtet. Vor 400 geladenen Gästen, darunter alle Granden der deutschen Autoindustrie, wurden die Journalisten in bayrischer Deftigkeit abgewatscht. „Blanker Unsinn“, polterte ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair.

Nur wenige Tage später ist die Selbstherrlichkeit passé. Nachdem bei einer internen Prüfung Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Aussagen aufgekommen waren, gestand Kommunikationsdirektor Ramstetter am Freitag seine Manipulation und musste kurz darauf seinen Hut nehmen. Ja, er habe die Zahlen frisiert – offenbar über Jahre. Die niedrigen Teilnehmerzahlen seien ihm peinlich gewesen. Obermair, der ihn vor wenigen Tagen noch verteidigt hatte, greift ihn dafür nun scharf an. Ramsteller habe die Abstimmungszahlen „in einer unglaublich dreisten Art und Weise“ nach oben verändert, erklärt er öffentlich. „Dieser Vorgang tut uns leid, er trifft den ADAC ins Mark, weil wir als eine der vertrauenswürdigsten und seriösesten Organisationen galten“, sagte Obermair. „Dieser Ruf ist jetzt angeschlagen.“

Der „Gelbe Engel“ bangt um sein Image. Denn wie relevant ist ein Preis, über den wenige tausend Menschen entscheiden? Dem beliebtesten Auto der Deutschen, dem VW Golf sollen rund 3.400 Stimmen zum Sieg gereicht haben, im Büro von Ramstetter sollen daraus 34.299 Stimmen geworden sein. Bei so wenig Stimmen ist der Manipulation Tür und Tor geöffnet. Um den laut Eigenwerbung „wichtigsten deutschen Autopreis“ zu gewinnen, hätten die Stimmen von 0,6 Prozent aller VW-Mitarbeiter gereicht.

Mitgliederstärkste Vereine in Deutschland (2012)

27 Millionen Mitglieder

Deutscher Olympischer Sportbund (in 90.000 Turn- und Sportvereinen)

18,4 Millionen Mitglieder

ADAC Allgemein Deutscher Automobil-Club e.V.

6,3 Millionen Mitglieder

Deutscher Fußballbund (DFB) (in 26.000 Mitgliedsvereinen)

5,1 Millionen Mitglieder

Landessportbund Nordrhein-Westfalen (in 20.000 Vereinen)

5 Millionen Mitglieder

Deutscher Turner-Bund (DTB)

4,5 Millionen Mitglieder

Deutsches Rotes Kreuz e.V. (DRK)

4,2 Millionen Mitglieder

Bayerischer Landes-Sportverband e.V.

3,75 Millionen Mitglieder

Landessportverband Baden-Württemberg e.V.

1,7 Millionen Mitglieder

Deutscher Tennis Bund (DTB)

1,5 Millionen Mitglieder

Westdeutscher Fußball- und Leichtathletikverband e. V. (WFLV)

Quelle

Verbaende.com / eigene Recherche

Offiziell betont der ADAC, dass sich die Rangfolge durch die Manipulation nicht verändert habe. Für die vergangenen zwei Jahre deckt sich diese Aussage mit den Recherchen der Süddeutschen Zeitung. Ob die Reihenfolge bei vorangegangen Auszeichnungen verändert worden sei, will der ADAC noch nicht beantworten. Das müsse nun die interne Revision klären. Doch die gesamte Branche muss sich nach dem Skandal unangenehmen Fragen stellen.

Wirft man einen Blick auf die Sieger der vergangenen Jahre, sind tatsächlich viele deutsche Hersteller darunter. Der Golf, die A-Klasse, der Audi TT. Nicht immer sind diese Sieger auch die Sieger in der Zulassungsstatistik. Auch dieses Jahr gehören dennoch Volkswagen, BMW und Daimler zu den großen Gewinnern. Für die Hersteller ist die Erklärung einfach: „Viele träumen von einem Autos, das sie sich nicht leisten können“, sagte ein VW-Sprecher gegenüber Handelsblatt Online.

Kommentare (20)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

20.01.2014, 14:09 Uhr

Wie der Artikel hier schon richtig andeutet: Mitnichten wurde und wird nur beim ADAC manipuliert, zugunsten des einen oder anderen v.a. deutschen Fabrikats. Auch die Vorstände der deutschen Automobilhersteller sind in der Pflicht, ihr Marketing gegenüber der Motorpresse allgemein zu überdenken und auf mehr Objektivität in der Bewertung zu setzen.
Beim ADAC steht aber nicht nur der Gelbe Engel steht zur Debatte. Auch die jährliche Pannenstatistik, Reifentests usw. sind hinsichtlich ihrer Bewerungskriterien zu überprüfen und öffentlich nachvollziehbar darzustellen.
Allein schon aus der Tatsache, dass Dienstwagenfahrer die ADAC-Pannenhilfe in der Regel, da meist Leasingfahrzeuge, gar nicht in Anspruch nehmen, verzerrt das Bild erheblich.
Das Vertrauen in objektiver Bewertung seitens des ADAC ist weg. Die Zeitschrift des ADAC überflüssig. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass es einer tiefgreifenden Umstrukturierung, auch in personeller Hinsicht in den oberen Etagen bedarf, um Vertrauen mittelfristig wieder aufzubauen, um den Sinn und der durchaus richtigen Satzung des ADAC wieder gerecht zu werden. Dazu bedarf es aber vor allem Transparenz in Aussagen, Tests und Statistiken. Dass sich hier aber was ändert, ist zur Zeit nicht erkennbar. Die Ankündigung, den Gelben Engel künftig notariell begleiten zu wollen, ist Augenauswischerei.

Nebukadnezar

20.01.2014, 14:45 Uhr

Max Schmidinger
"Dem Image des Automobilclubs droht nach dem Skandal ein Totalschaden "
Dieser Behauptung kann ich absolut nicht zustimmen !
Der Zweck und das Ziel des ADAC besteht doch im Wesentlichen darin,seine Mitglieder in sämtlichen nur denkbaren---Not---Situationen im In-und Ausland zu unterstützen,von den anderen Leistungen ganz abgesehen.

zitrone73

20.01.2014, 15:05 Uhr

Zitat: "weil wir als eine der vertrauenswürdigsten und seriösesten Organisationen galten"

Wirklich? Ist es ein seriöses Geschäftsmodell, liegen gebliebenen Noch-Nicht-Mitgliedern einen Aufnahmeantrag in die Hand zu drücken mit dem Argument, der Jahresbeitrag sei geringer als die ansonsten zu zahlenden Reparaturkosten?

Ausnutzen einer Notsituation nennt man das. Nur gut, dass diesem Lobbyverein jetzt mal hoffentlich der Zahn gezogen wird.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×