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11.01.2010

13:40 Uhr

Billig-Strategie

Lufthansa setzt ihren Ruf als Premium-Fluglinie aufs Spiel

VonMatthias Eberle, Jens Koenen

Die Lufthansa macht Minus, das Personal bangt um Jobs. Denn die Manager der größten deutschen Fluggesellschaft ziehen das nächste Sparprogramm durch - womit sie einen gefährlichen Spagat wagen. Sie kopieren Billiganbieter wie Air Berlin. Ruf als First-Class-Fluglinie ist in Gefahr.

Ein Airbus A320 der Lufthansa bei der Landung in Berlin-Tegel. Das deutsche Traditionsunternehmen kopiert die Billigkonkurrenten und setzt damit seinen Premium-Ruf aufs Spiel. Quelle: dpa

Ein Airbus A320 der Lufthansa bei der Landung in Berlin-Tegel. Das deutsche Traditionsunternehmen kopiert die Billigkonkurrenten und setzt damit seinen Premium-Ruf aufs Spiel.

NEW YORK/FRANKFURT. Thorsten Schmidt steckt das Telefon weg, er kann nicht glauben, was er gerade gehört hat.

Frankfurt am Main. Der genaue Ort und Schmidts richtiger Name sollen geheim bleiben. Schmidt fürchtet Konsequenzen, in seiner Firma geht es hoch her. Gerade hat er mit einem Kollegen telefoniert. Einige Männer, Piloten wie er, sind entlassen. "Die waren noch in der Probezeit, okay", sagt Schmidt. "Aber dabei wird es nicht bleiben." Die Chefs der Lufthansa, seiner Lufthansa, haben angedeutet, dass allein bei der Billigtochter Eurowings bis zu 200 der 450 Piloten bangen müssen.

"Pilot in der Lufthansa-Gruppe, das war mal eine Beschäftigung auf Lebenszeit." Immer noch murmelt Schmidt, ungläubig. Dabei hatte er geahnt, was kommen würde, und er war nicht der Einzige. Die ersten Kollegen haben schon bei Air Berlin angefragt, ob sie gebraucht würden.

Ausgerechnet. Der große Konkurrent der Lufthansa, die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft, sucht fliegendes Personal. Und dass Männer wie Schmidt, 42 Jahre alt, ausgebildet bei der Lufthansa, überzeugt von der Lufthansa, stolz auf sie, sich überhaupt vorstellen können, die Lufthansa zu verlassen und dann auch noch zur lange Zeit eher belächelten Konkurrenz überzulaufen, ist ein weiteres Indiz: Die Lufthansa ist Europas größte Fluglinie, die Nummer eins, aber nicht mehr automatisch erste Wahl. Viel zu lange wurde die billigere Konkurrenz aufmerksam verfolgt und analysiert, dann aber doch unterschätzt.

Air Berlin attackiert Lufthansa-Monopol auf Hausstrecke Hamburg-Frankfurt

Vor allem Air Berlin. Noch vor gut einem Jahr galt das Unternehmen des hemdsärmeligen Joachim Hunold als schwer angeschlagen. In atemberaubendem Tempo hatte Hunold Fluglinien eingekauft - nicht sehr erfolgreich. DBA hat den Flugbetrieb inzwischen eingestellt, die Langstrecke der LTU würde Hunold lieber heute als morgen loswerden. Was wirklich wuchs, waren die Schulden: 762 Millionen Euro Finanzschulden abzüglich der Barmittel, im Geschäftsjahr 2008. Oder: sechseinhalbmal so viel Schulden wie Umsatz vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen. Immer wieder musste das Management dementieren, dass Air Berlin kurz vor der Pleite stand.

Hunold hat den Kurs geändert - schrumpfen statt wachsen -, hat Langstrecken gestrichen oder ausgedünnt, Kapital aufgetrieben. Als er Ende des dritten Quartals 2009 die jüngsten Zahlen bekannt gab, hatte er die Nettofinanzverschuldung auf 638 Millionen Euro gedrückt, um 124 Millionen binnen weniger Monate.

Die Lufthansa-Führung registriert Hunolds Überlebenstrieb, sein Tempo und seine Härte nicht mehr bloß, sie bekommt sie nun sehr schmerzhaft zu spüren. Denn vor wenigen Wochen hat Air Berlin damit begonnen, das lukrative Monopol der Lufthansa auf ihrer Hausstrecke Hamburg-Frankfurt mit Billigtickets zu knacken.

"Frontalangriff", klagt das Lufthansa-Management. "Wir haben gerätselt, wie das passieren konnte. Das tut uns so richtig weh", sagt ein Insider. Sie hatten den Konkurrenten für zu schwach gehalten, einen solchen Vorstoß zu unternehmen, der erst einmal viel Geld kostet.

Kommentare (15)

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Passagier

11.01.2010, 16:42 Uhr

Da wünschen wir LH viel Spaß beim Sparen...

... und fliegen aus Kostengründen entweder gleich das "Orignal" = Ryan Air oder Air berlin oder
... fliegen wirklich Premium, was zumindest nach Asien mit Cathay oder Singapur Airlines zu vergleichbaren Preisen möglich ist.

Als reger Nutzer des LH "Services" kann ich jedenfalls schon heute den Premiumanspruch nicht nachvollziehen.

Und da will man noch weiter Sparen? Noch mehr defekte und abgewetzte Sitze in der businessclass? Die Sitze waren schon bei der Einführung Sub-Standard. Noch engere Sitze in der Eco? Noch schlechteres Essen? Und die heute schon nicht gerade gerühmte Freundlichkeit des Kabinenpersonals wird sicher nicht besser, wenn man es schlechter bezahlt.

LH wirbt mit dem Spruch "There is no better way to fly" - das ist lachhaft! Das einzige, womit LH noch punkten kann ist das Vielfliegerprogramm und vieleicht noch Sicherheit- das wars dann auch...

Wolfhard Weese

11.01.2010, 16:48 Uhr

Herr Franz ist auf einem guten Weg und er wird das Sparpotenzial bei LH schon noch heben. Es gibt jetzt schon viel Peronal, was nur 10 - 12 Tage im Monat arbeitet, in der Luft und auch bei der Abfertigung. Die Personalkosten sind es, die horrend hoch sind und da "drückt der Schuh"!!!

Chris

11.01.2010, 17:55 Uhr

Spannender Artikel!
Eine Anmerkung, die Stelle "762 Millionen Euro Finanzschulden abzüglich der barmittel, im Geschäftsjahr 2008. Oder: sechseinhalbmal so viel Schulden wie Umsatz vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen." sollte bitte korrigiert werden ;)

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