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16.10.2015

15:57 Uhr

Billigflaggen in der Schifffahrt

Fahne, günstig abzugeben

VonChristoph Schlautmann

2730 deutsche Handelsschiffe fahren schon unter fremdem Hoheitsabzeichen. Jetzt treibt sogar ein deutscher Anwalt Handel mit Billig-Flaggen. Den Niedergang von Schwarz-Rot-Gold will die Bundeskanzlerin am Montag stoppen.

Billig-Flaggen liegen im Trend: Nur noch 350 der 3.100 deutschen Handelsschiffe fahren deshalb unter Schwarz-Rot-Gold zur See. picture-alliance

Flagge zeigen

Billig-Flaggen liegen im Trend: Nur noch 350 der 3.100 deutschen Handelsschiffe fahren deshalb unter Schwarz-Rot-Gold zur See.

HamburgZum Vizekönig von Indien ernannte ihn Portugals Herrscherhaus, weil Vasco da Gama die Flagge des Landes in die damals bekannte Welt trug. Sogar ganze Städte erhielt der Seefahrer zum Dank. Albrecht Gundermann ist da bescheidener: Pro portugiesischem Hoheitsabzeichen, das er seit knapp zwei Jahren auf den Weltmeeren kreuzen lässt, kassiert er weniger als 11.000 Euro jährlich.

Für ihn und den Staat, dem Gundermanns Agentur Euromar als Konzessionär dient, dennoch ein lohnendes Geschäft. An 170 Ozeanriesen hat er es seither befestigen können. „Reedereien brauchen Heimatstaaten mit Stabilität und maritimer Erfahrung“, wirbt der 47-jährige Rechtsanwalt für das kleine Land in Südeuropa, das nun wieder an glorreichere Seefahrerzeiten anknüpfen möchte.

Und dessen Landessprache Gundermann nicht einmal beherrscht. Wozu auch? Das Geburtsland Magellans und Heinrichs des Seefahrers hat sich entschieden, die Eroberung der Weltmeere von einem unscheinbaren Hamburger Eckgebäude aus steuern zu lassen, einem Bürohaus an der Klopstockstraße im Stadtteil Altona. Von dessen zweiter Etage aus fahndet der Jurist gemeinsam mit dem Kapitän Jörg Molzahn, seinem Kompagnon, nach wechselwilligen Reedern. Ihnen bietet Euromar neue Nationalfarben, die nicht von einem Offshore-Register aus der Südsee stammen, sondern aus der Europäischen Union.

Früher einmal verkaufte Gundermann die liberianische Flagge, für kurze Zeit und ohne Erfolg auch die rumänische. Nur die Flagge seiner eigenen Heimat hatte der Hamburger noch nie im Angebot. Und das nicht nur, weil die deutschen Seefahrtsbehörden auf die professionelle Vertriebskraft privater Agenturen verzichten.

„Es gibt wenige Gründe, die deutsche Flagge zu führen“, klagt etwa Nils Aden von der Hamburger Charterreederei E. R. Schiffahrt. Sie sei nicht nur teuer und bürokratisch, inzwischen fehle es ihr auch an internationalem Ansehen. Wohl wahr. In dem soeben veröffentlichten Sicherheitsbericht der US Coast Guard für 2014 prangt das deutsche Banner überraschend auf der „Schwarzen Liste“ – neben Billigflaggen wie Antigua, Belize oder Ägypten.

Nur noch 370 der 3.100 deutschen Handelsschiffe, rechnet Ralf Nagel vom Verband Deutscher Reeder (VDR) vor, fahren unter Schwarz-Rot-Gold zur See. Fast genauso viele Schiffe trügen die Billigflagge von Antigua & Barbuda. Spitzenreiter aber bleibt Liberia, unter dessen Flagge annähernd die halbe deutsche Flotte operiert.

Das Wirrwarr der Schiffsbeflaggung ist Außenstehenden kaum begreiflich. Da fahren Frachter unter den Farben der Marshall Inseln, obwohl sie deren Häfen in der Südsee nie zu Gesicht bekommen. Reedereien wie Hapag-Lloyd hissen weiterhin das deutsche Banner am Heck von Containerriesen, deren Schwesterschiffe etwa unter US-amerikanischer Flagge in See stechen. Rostocker Kreuzfahrtschiffe der „Aida“-Klasse, die zum US-amerikanischen Carnival-Konzern gehören, werben unter italienischen Farben Touristen für Ausflüge in die Karibik. Öltanker dagegen bevorzugen das Hoheitsabzeichen von Liberia, einem westafrikanischen Staat ohne Ölvorkommen. Erwerben müssen sie es in Washington – von Yoram Cohen, einem Flaggenverkäufer aus Israel.

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