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29.07.2011

12:54 Uhr

Billigläden in der Krise

Wenn Geiz nicht mehr geil ist

Der deutsche Einzelhandel boomt wie lange nicht, aber ausgerechnet Preisbrecher wie Praktiker oder Media Markt stecken in einer tiefen Krise. Billig sein kann eben nicht jeder.

Saturn-Werbung mit dem Slogan "Geiz ist geil". Quelle: Pressefoto Saturn

Saturn-Werbung mit dem Slogan "Geiz ist geil".

DüsseldorfWie passt das zusammen? Am Freitag meldet das Statistische Bundesamt rekordverdächtige Zahlen vom deutschen Einzelhandel: Bereinigt um saisonale Schwankungen hatten die Ladenbetreiber 6,1 Prozent mehr in der Kasse als im Mai -  das stärkste Umsatzplus seit 1994. In der gleichen Woche aber mussten kurz hintereinander zwei große Händler schmerzhafte Quartalsverluste beichten, die Baumarktkette Praktiker und Europas größter Elektronikhändler Media-Saturn. Letzterer kündigte daraufhin an, Tausende Stellen zu streichen.

Was paradox klingt, lässt sich erklären: Es geraten vor allem die Einzelhändler immer mehr in Schieflage, die alles auf die Preiskarte gesetzt haben. Billig zu sein, sagt Tim Brzoska von der Beratungsfirma Simon Kucher, reicht beim Kampf um die Kunden längst nicht mehr aus. "Nur wenn sie auch die entsprechenden Kostenstrukturen besitzen, haben Billiganbieter noch eine Überlebenschance."

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Das mussten zuletzt nicht nur Kleinpreis-Kaufhäuser wie Woolworth oder Mäc-Geiz erfahren. Sie rutschten in die Insolvenz, weil mit den kalkulierten Handelsspannen am Ende die hohen Standortmieten nicht mehr zu bezahlen waren. Rote Zahlen gibt es längst auch bei anderen großen Discountanbietern.

"Wir machen seit drei Jahren Verlust", offenbarte vergangenen Monat Lars Schlecker, der in dem Drogerieimperium seines Vaters eine Führungsrolle übernommen hat. Europas Nummer eins bei Zahnpasta, Duschgel und Deorollern hatte sich Marktanteile gesichert, indem sie an entlegenen Standorten Läden eröffnete. Weil dort aber kaum Umsatz zu machen war, wuchsen dem schwäbischen Händler die Kosten - vor allem für das Personal - über den Kopf.

Kommentare (8)

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POPPER

29.07.2011, 13:23 Uhr

Es rächt sich jetzt, dass "Geiz ist geil" nicht nachhaltig ist. Ein Geschäftsmodell, das auf dem schmalen Geldbeutel der Leute aufbaut, ist zum Scheitern verurteilt, wenn der Geldbeutel aufgrund von Billiglöhnen, sinkenden Sozialtransfers und einer Verarmung der Binnenkonjunktur schmaler geworden ist. Das ganze Modell deutscher Wirtschaftspolitik ist auf Außenhandel aufgebaut. Die Kassen der Exportunternehmen sind brechend voll, bewirken aber keine Investitionen im Inland, das zu gut bezahlten Vollzeitarbeitsplätzen führt. Wir leisten uns seit Jahren eine Verelendung des Arbeitsmarktes und des Sozialstaates, weil unsere Politiker einer neoliberalen Chimäre aufgesessen sind und aus der Finanzkrise immer noch nichts gelernt haben. Man glaubt die Akkumulation des Geldes in den Händen einer Minderheit, sei der Garant wirtschaftlichen Erfolgs und übersieht dabei, dass die Politik ihre verfassungsrechtlichen Aufgabe, für das Wohl der Menschen und des Landes da zu sein nicht mehr gerecht wird. Seit 30 Jahren zerstören die westlichen Industrieländer das, was ihre arbeitenden Menschen nach dem Krieg aufgebaut haben. Und das nicht durch eine Ausweitung des Sozialstaates, sondern durch dessen Zerstörung und einer Politik der Verteilung von unten nach oben. Trotzdem können die "Ackermänner" dieses Landes den Politikern weiterhin einflüstern, Investmentbanken, seien dazu da in die das Gemeinwesen zu investieren und verschleiern, dass diese Investitionen nichts anderes sind als Spekulationen auf den Niedergang einzelner Volkswirtschaften. Und, wenn es darum geht, Banken an ihren Fehlkalkulationen zu beteiligen, dann führe n diese der versammelten Welt vor, was es heißt: GEIZ IST GEIL.

wopa

29.07.2011, 13:26 Uhr

Der Kunde ist doch nicht blöd! Schlechte Beratung und die Preise sind nur vordergründig billig.
Bei Praktiker muss man aufpassen, was die Artikel vor der 20% Aktion gekostet haben. Viele billige Artikel sind auch minderwertig. Viele gehen nur noch gezielt nach Praktiker, wenn es 20 % gibt.
Im Media-Markt sind viele als günstig beworbene Artikel "Auslaufmodelle" etc. Aktuelle Sachen kosten so viel wie überall!
Dagegen "funktioniert" Aldi immer noch! Gute Qualität zu akzeptablen Preisen. Nur sind inzwischen die einzelnen Produkt-Märkte gesättigt (ich brauche nicht alle paar Wochen ein neues Fernsehen oder jedes Jahr den Spargelkochtopf, denn die Sachen halten lange). Auch ist die Konkurrenz größer geworden. Ein leichter Umsatzrückgang ist noch lange keine existenzbedrohende Krise!

Account gelöscht!

29.07.2011, 15:01 Uhr

@popper

Einer der besten Beiträge die ich in letzter Zeit hier gesele habe. Auf den Punkt gebracht und ins Schwarze getroffen.

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