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10.07.2014

15:13 Uhr

Billigpläne

Gewerkschaften wollen mit Lufthansa reden

Die Lufthansa will ihren Billigsektor ausbauen, die Gewerkschaften reagieren abwartend auf die Pläne des neuen Chefs Carsten Spohr. Sie wollen am Wachstum teilhaben, aber soziale Standards nicht aufgeben.

Die Lufthansa stellt neue Pläne für ein erweitertes Billig-Angebot vor. Die Gewerkschaften reagieren abwartend - und sind skeptisch. AFP

Die Lufthansa stellt neue Pläne für ein erweitertes Billig-Angebot vor. Die Gewerkschaften reagieren abwartend - und sind skeptisch.

FrankfurtBei der Lufthansa wollen die starken Gewerkschaften über die gerade vorgestellten Billigpläne des Vorstands verhandeln. Es sei vernünftig, die Kernmarke Lufthansa aufzuwerten und mit der Wings-Familie auf eine Zweitmarkenstrategie zu setzen, wenn dabei prekäre Arbeitsverhältnisse vermieden werden, sagte der Chef der Kabinengewerkschaft UFO, Nicoley Baublies, der Nachrichtenagentur dpa am Donnerstag. Auch Vertreter der Vereinigung Cockpit und Verdi hielten sich mit Kritik an den Plänen zurück, die der neue Lufthansa-Chef Carsten Spohr am Mittwoch vorgestellt hatte.

Es sei unabdingbar, dass die Kabinencrews der Billigtöchter in Deutschland oder den anderen Heimatmärkten des Konzerns stationiert werden und hiesigem Tarifrecht unterliegen, verlangte Baublies. So habe er kein Problem damit, wenn künftig Eurowings-Maschinen in Basel eingesetzt werden und die Beschäftigten dann nach Schweizer Recht arbeiten. Es gehe aber nicht an, mit der Sunexpress aus der Türkei und zu dortigen Tarifbedingungen Langstrecken von deutschen Flughäfen anzubieten. Die Flieger müssten in Deutschland stationiert werden. „Das ist eine rote Linie für das Gesamtpaket“, sagte Baublies.

Lufthansa hatte am Donnerstag bekräftigt, Sunexpress als Gemeinschaftsunternehmen mit der Turkish Airlines für künftige Billigangebote auf der Langstrecke nutzen zu wollen. Darüber gebe es bereits fortgeschrittene Gespräche, hatte Spohr versichert, was auch Sunexpress-Chef Paul Schwaiger dem Fachmagazin fvw bestätigte. Es stehe auch bereits fest, dass die Flieger in Deutschland beheimatet sein sollten. Das Dementi der Turkish vom Vorabend bezog sich danach auf die Gründung eines neuen Unternehmens. Den Ferienflieger Sunexpress hatten Turkish und Lufthansa 1989 ins Leben gerufen. Im Jahr 2013 beförderte die Gesellschaft nach eigenen Angaben rund 7 Millionen Fluggäste zwischen Deutschland und der Türkei.

UFO werde die Beschäftigten im Gesamtkonzern im Blick halten, sagte Baublies. „Wir haben die Konzernbrille auf.“ Es gehe daher auch nicht an, dass die Tarifbedingungen bei der für den Europaverkehr vorgesehenen Eurowings dauerhaft unter denen bei Germanwings liegen. Wenn man dem Konzern tariflich entgegenkomme, werde das eher in einer umfassenden Regelung für alle geschehen und müsse zudem mit Gewinnbeteiligungen für den Erfolgsfall verbunden sein.

Das soll sich bei der Lufthansa verändern

Umbau gegen Angriff auf zwei Fronten

Mit einem ganzen Bündel an Vorhaben will sich die Lufthansa zukunftsfähig machen und sich vor allem gegen die Konkurrenz der europäischen Billigflieger und der mit Staatsgeld gepolsterten Golf-Airlines stemmen. Nach noch nicht einmal drei Monaten im Amt stellte der neue Konzernchef Carsten Spohr am 10. Juli seine Pläne vor. Er setzt demnach auf mehr Billig-Angebote, mehr Luxus und eine effizientere Organisation. Die Pläne im Einzelnen.

Mehr Billigflieger (1)

Die Lufthansa-Tochter Germanwings hat das Konzept mit den günstigen Flügen vorgegeben, nun sollen weitere folgen: Der Konzern plant eine ganze „Wings-Familie“ mit Billig-Marken zu initiieren, wie Vorstandschef Carsten Spohr beschrieb. Für den Europa-Verkehr soll die Tochter-Gesellschaft Eurowings ab kommenden Frühjahr als zweiter konzerneigener Low-Cost-Anbieter neben Germanwings in Aktion treten. Germanwings bietet schon heute außerhalb der Drehkreuze Frankfurt am Main und München günstige europäische Direktflüge an. Die dafür genutzte Flotte soll bis Frühjahr 2015 auf 60 Flugzeuge angewachsen sein. Eurowings soll dann seine Strecken mit bis zu 27 Flugzeugen bedienen.

Mehr Billigflieger (2)

Erstmals will der Konzern außerdem auch auf der Langstrecke mit einer Billig-Marke Passagiere locken. Unklar ist Konzernangaben zufolge noch, ob die Lufthansa diese Plattform alleine oder mit einem Partner-Unternehmen aufbaut. Ab Ende 2015 könnten dann schrittweise bis zu sieben Flugzeuge zu Einsatz kommen. Sie sollen Passagiere zu günstigen Preisen in Städte fliegen, die für die Lufthansa-Marke weniger interessant sind, sowie zu beliebten Touristenorte in Übersee, sogenannten „Warmwasserzielen“, wie Spohr sich ausdrückte.

Mehr Luxus

Der Lufthansa-Marke verordnete die Konzernführung ein größeres Maß an Luxus. Lufthansa wolle die erste Fünf-Sterne-Airline der westlichen Hemisphäre werden, versprach Spohr. Vorgesehen seien dazu unter anderem ein besseres Catering in der Business-Klasse, ein verbesserter Premium-Check-In an den großen Flughäfen in Frankfurt am Main und München und ein persönlicher Service an Bord. Insgesamt plane der Konzern eine groß angelegte Qualitätsoffensive.

Mehr Innovationen

In technischen Angelegenheiten und im Bereich der Digitalisierung will die Lufthansa ganz vorne dabei sein. Deshalb kündigte Spohr an, sich auf Vorstandsebene persönlich um das Thema Innovationen zu kümmern. Bis 2020 sollen insgesamt 500 Millionen Euro in die Zukunftsarbeit fließen. In Berlin will der Konzern außerdem eine „Innovation Hub“-GmbH gründen, „um näher an die Welt der Start-ups und an die digitale Technologieszene heranzurücken“, wie Spohr erklärte. Daneben solle es seinen „Innovationsfonds“ geben, um gute Ideen schneller voranzubringen.

Mehr Effizienz

Was 2012 im Umbauprogramm „Score“ begonnen wurde, soll künftig Alltagsgeschäft bei der Lufthansa werden: Die Idee, kontinuierlich die Profitabilität des Unternehmens zu verbessern, solle über das Ende von „Score“ hinaus „in einen Dauerprozess überführt“ werden, sagte der Lufthansa-Chef. Effizienter soll das Unternehmen den Plänen zufolge auch bei der Entscheidungsfindung werden. „Ich möchte mindestens eine Hierarchieebene herausnehmen“, kündigte Spohr Veränderungen im internen Konzernaufbau an. Ziel sei eine dynamischere und schlankere Organisation der Kranich-Airline.

Verdi begrüßte, dass es bei Lufthansa nicht mehr ausschließlich um Kostensenkungen gehe. Vom Wachstum müssten aber alle Konzernbereiche profitieren können. Ein Sprecher verlangte, dass den Billigtöchtern künftig vorgeschrieben werde, dass sie bestimmte Dienstleistungen etwa zu Catering, Wartung oder Bodenabfertigung innerhalb des Konzerns bestellen müssten. Verdi sei bereit, darüber einen Tarifvertrag abzuschließen.

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) will sich die Pläne des Managements zunächst im Detail erläutern lassen, sagte ein Sprecher. Knackpunkt ist insbesondere die so genannte „Bereederung“: Lufthansa-Flüge dürfen nur von Lufthansa-Piloten zu den Bedingungen des Konzerntarifvertrags geflogen werden. „Lufthansa kennt diese Grenzen auch“, sagte der Sprecher.

Von

dpa

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