Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.11.2016

17:34 Uhr

Bochumer Verein

Chinesische Investorengruppe kauft Bahnspezialisten

VonMartin Wocher

Eine bislang unbekannte Investorengruppe aus dem Reich der Mitte kauft den traditionsreichen Bahnspezialisten Bochumer Verein. Für das Unternehmen ist es die Chance, Anteile auf dem chinesischen Markt zurückzugewinnen.

Schon seit 175 Jahren produzierte der Bochumer Verein Stahlguss-Teile für die Industrie. dpa

Lange Tradition

Schon seit 175 Jahren produzierte der Bochumer Verein Stahlguss-Teile für die Industrie.

DüsseldorfDas Unternehmen hat Tradition: Seit fast 175 Jahren fertigt der Bochumer Verein hochspezialisierte Stahlguss-Teile für die Industrie und hat sich über die Zeit zu einem der weltweit führenden Hersteller für Eisenbahnräder und -achsen entwickelt. Das Spitzenprodukt der Firma im Besitz der Georgsmarienhütte Holding (GMH) des früheren RWE-Chefs Jürgen Großmann sind Radsätze für Hochgeschwindigkeitszüge. Diese liefern sie an das Who's who der weltweiten Hersteller von Schienenfahrzeugen wie Siemens, Bombardier oder Alstom.

Produkte und Kunden, die auch anderswo großes Interesse auslösen: So erwirbt jetzt eine bislang unbekannte chinesische Investorengruppe die Bahntechnik-Gruppe mit ihren drei Standorten in Deutschland und einer brasilianischen Tochter. Knapp 800 Mitarbeiter beschäftigt die Bochumer Verein Verkehrstechnik GmbH (BVV); im Jahr 2015 wies sie gut 200 Millionen Euro Umsatz aus. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart.

„Die Verhandlungen über den Verkauf sind abgeschlossen“, teilte die GMH am Mittwoch mit. „Die Anmeldeverfahren beim chinesischen Kartellamt sowie bei der Behörde für Außenwirtschaft sind eingeleitet worden.“ Beide Partner gehen davon aus, dass der Verkauf bis Ende des Jahres abgeschlossen sein wird. Die Holding bestätigte damit einen entsprechenden Bericht des Handelsblatts vor einem Monat.

Allerdings machte nicht wie damals berichtet eine Tochter des Schienenfahrzeug-Giganten China Railway Rolling Stock Corporation (CRRC) das Rennen, sondern eine Full Hill Enterprise Limited mit Sitz in Hongkong. Pikant dabei: Diese Firma war erst im August und eigens für den Kauf des deutschen Bahnspezialisten gegründet worden. Nach Angaben der GMH stecken zwei private Investoren sowie eine weitere Investorengruppe hinter der Full Hill Enterprise. Einem der Investoren gehört den Angaben zufolge eine Zulieferfirma für die Bahnindustrie – allerdings für die Innenausstattung der Waggons.

Von der neuen Eigentümergruppe versprechen sich beide Seiten Vorteile vor allem im Vertrieb: Der Bochumer Verein erhofft sich einen besseren Zugang zum chinesischen Markt. Schließlich investiert das Reich der Mitte jährlich rund 100 Milliarden Euro in den Ausbau der Bahninfrastruktur und ist längst zum wichtigsten Eisenbahnmarkt der Welt geworden.

In den vergangenen zwei, drei Jahren war es für die Bochumer Spezialisten aber zunehmend schwieriger geworden, ihre Produkte dort zu verkaufen: Lokale Anbieter machten ihnen mit Kampfpreisen das Leben schwer, zugleich zieht die Regierung in Peking heimische Produzenten vor. Die neuen Eigentümer wollen im Gegenzug die Vertriebskanäle des Bochumer Vereins nutzen, um ihre Produkte auf dem Weltmarkt unterzubringen. „Die Synergien liegen im Vertriebsweg“, sagte Karlheinz Springer, Geschäftsführer der GMH-Bahntechnik dem Handelsblatt.

Diese deutschen Firmen gehören jetzt Chinesen

Putzmeister

Der Betonpumpen-Weltmarktführer Sany Heavy Industry übernimmt im Januar 2012 das schwäbische Unternehmen für gut 320 Millionen Euro.

Kiekert

Der Pekinger Automobilzulieferer Lingyun übernimmt 2012 den Weltmarktführer für Pkw-Schließsysteme aus Heiligenhaus (NRW).

Schwing

Die Xuzhou Construction Machinery Group (XCMG) wird im April 2012 Mehrheitseigener des westfälischen Betonpumpenherstellers. Der Verkaufspreis des Herner Unternehmens soll bei rund 300 Millionen Euro liegen.

Kion

2012 steigt der chinesische Nutzfahrzeugproduzent Weichai Power beim Gabelstaplerhersteller Kion ein. Die Chinesen kaufen zunächst für 467 Millionen Euro 25 Prozent an Kion und steigern 2015 ihren Anteil auf 38,25 Prozent. Außerdem erhält der Investor für 271 Millionen Euro eine Mehrheitsbeteiligung von 70 Prozent an der Hydrauliksparte Kions.

Solibro

Das insolvente Solarunternehmen Q-Cells vereinbart im Juni 2012 den Verkauf seiner Tochterfirma mit Sitz in Bitterfeld-Wolfen an die Pekinger Hanergy Holding Group.

Sunways

Der Konstanzer Photovoltaik-Konzern ging 2012 zum Schnäppchenpreis an den chinesischen Solarriesen LDK Solar. Doch 2013 und 2014 reichte Sunways jeweils einen Insolvenzantrag ein. Teile des Unternehmens wurden in der Folge an den chinesischen Solarkonzerns Shunfeng verkauft.

Tailored Blanks

Der Industriegüterkonzern Thyssen-Krupp schließt 2013 den Verkauf seiner Tochter an den chinesischen Stahlkonzern Wuhan Iron and Steel (Wisco) ab. Zum Preis machen beide Seiten keine Angaben.

Koki Technik Transmission Systems

Das chinesische Unternehmen Avic Electromechanical Systems (Avicem) – eine Tochter der staatlichen Unternehmensgruppe Aviation Industry Corporation of China (Avic) – übernimmt 2014 den sächsischen Autozulieferer. Ein Kaufpreis wird nicht genannt.

Hilite

Avic übernimmt 2014 für 473 Millionen Euro den deutschen Autozulieferer.

Krauss-Maffei

Im Januar 2016 verkauft Onex den Münchener Spezialmaschinenbauer Krauss-Maffei an ein Konsortium um die staatliche National Chemical Corporation (Chemchina). Der größte Chemiekonzern des Landes zahlt 925 Millionen Euro für den traditionsreichen Hersteller von Spritzgießmaschinen für die Kunststoff- und Gummi-Verarbeitung.

EEW

Die chinesische Holding Beijing Enterprises kauft im Februar 2016 den Abfallkonzern EEW Energy from Waste aus Helmstedt für 1,438 Milliarden Euro. Verkäufer ist der schwedische Investor EQT. EEW hat nach eigenen Angaben 1050 Mitarbeiter. Die 18 Anlagen der Gruppe können jährlich rund 4,7 Millionen Tonnen Abfall zu Energie machen und umweltschonend beseitigen. Die Fabriken erzeugen Prozessdampf für Industriebetriebe, Fernwärme für Wohngebiete und Strom für umgerechnet rund 700.000 Haushalte.

Manz

Die Shanghai Electric Group steigt im Frühjahr mit Anteilen von etwa 20 Prozent bei dem angeschlagenen Maschinenbauer ein.

Kuka

Das Augsburger Unternehmen Kuka baut nicht nur Roboter, sondern ist auch Systemanbieter rund um die digital vernetzte Industrie. Der chinesische Midea-Konzern hat Kuka ein Übernahmeangebot im Umfang von 4,5 Milliarden Euro gemacht und mit dessen Hilfe knapp 95 Prozent der Kuka-Anteile übernommen.

Die Eisenbahntechnik zählt – wie auch die Luftfahrt und der Maschinenbau – zu den von der Regierung in Peking definierten Schlüsselmärkten. In diesen Sektoren sollen chinesische Konzerne künftig weltweit eine größere Rolle spielen. Firmenzukäufe in Deutschland sollen neue Märkte öffnen und vor allem den Zugang zu modernem Know-how verschaffen, um die Expansion schneller voranzutreiben.

Der Vorstoß der chinesischen Investorengruppe passt in eine Reihe von Übernahmen deutscher Spezialfirmen durch chinesische Konzerne.  Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft EY ist Deutschland derzeit das beliebteste Ziel chinesischer Firmenkäufer in Europa. Im ersten Halbjahr gaben sie für 37 deutsche Firmen knapp zehn Milliarden Euro aus. Das ist fast so viel wie im gesamten Jahr 2014. Allerdings sorgte zuletzt das Veto des Bundeswirtschaftsministeriums gegen einen Verkauf des Spezialmaschinenbauers Aixtron für erhebliche Missstimmung zwischen Berlin und Peking. Auch prüft das Ministerium derzeit den geplanten Verkauf der Osram-Lampensparte Ledvance nach China.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×