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25.01.2006

13:04 Uhr

Börsengang

Zweifel am Bahn-Gutachten

Auf das Gutachten zu Varianten eines Bahn-Börsengangs fällt ein Verdacht, der Bahnchef Hartmut Mehdorn gar nicht gefallen dürfte: Sein Lieblingsmodell einer Privatisierung mit Schienennetz wäre bei der Untersuchung nach Recherchen der „WirtschaftsWoche“ Schlusslicht geworden, wäre die Variante nicht schön gerechnet worden.

ICE auf dem Gleisnetz des Frankfurter Hauptbahnhofs. Foto: dpa

ICE auf dem Gleisnetz des Frankfurter Hauptbahnhofs. Foto: dpa

HB BERLIN. Wie das Magazin in seiner am Donnerstag erscheinenden Ausgabe berichtet, wandte die Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton bei der Erstellung der Privatisierungsvarianten eine Rechenmethode an, die das Mehdorn-Modell in einem günstigeren Licht erscheinen lässt. Dafür gesorgt habe die US-Investmentbank Morgan Stanley, die an der Erstellung des Gutachtens im Auftrag des Bundestags beteiligt war. Sie habe in doppelter Hinsicht Interesse an einer Privatisierung mit Netz: Zum einen berate die Bank die Bahn etwa bei der Aufnahme einer Anleihe oder beim Verkauf der Reederei Scandlines, sei also Auftragnehmer von Bahnchef Mehdorn. Zum anderen habe die Bank den Kapitalmarkt im Blick: Ein integrierter Schienenkonzern stelle für Anleger ein geringeres Risiko dar als ein Anbieter ohne eigenes Netz.

Die vermeintliche Chancengleichheit für das Mehdorn-Modell wurde nach „WirtschaftsWoche“-Recherchen dadurch hergestellt, dass Booz Allen Hamilton erwarteten Dividendenzahlungen und die Einsparungen an Zuschüssen, die der Bund nach einer teilweisen Privatisierung der Bahn erwarten kann, mit einem einheitlichen Zins diskontierte, den Privatinvestoren ihren wirtschaftlichen Engagements zu Grunde legen. Diese Methode ist unter Volkswirten jedoch sehr umstritten. Hätten die Gutachter dagegen die Dividenden mit dem Zinssatz für privatwirtschaftliche Investitionen und die erwarteten Einsparungen bei den staatlichen Zuschüssen an die Bahn mit dem Zinssatz öffentlicher Anleihen abgezinst, würde nach Berechnungen der „WirtschaftsWoche“ die Privatisierung der Bahn ohne das Schienennetz am besten abschneiden.

Booz Allen Hamilton hatte in seinem Gutachten keiner Privatisierungsvariante den Vorzug gegeben. Alle untersuchten Alternativen hätten Vorzüge und Nachteile, hieß es bei der Vorstellung des Gutachtens. Die Beratungsfirma hatte die beiden „reinen“ Varianten - also Börsengang mit Schienennetz oder ohne - sowie weitere Mischformen untersucht. Zum Zeitpunkt eines Börsengangs heißt es in dem Papier, die von Bahnchef Mehdorn angestrebte Privatisierung der Bahn in ihrer jetzigen Form sei ab 2007 denkbar. Bei allen anderen Modellen könne Kapitalmarktfähigkeit nicht vor 2009 erreicht werden.

Noch vor Bekanntwerden des „WirtschaftsWoche“-Berichts über die Schönrechnerei hatten sich die Grünen darauf festgelegt, für eine Abtrennung des 35000 Kilometer langen Schienennetzes einzutreten. Fraktionschef Fritz Kuhn sagte, die Mehdorn-Variante würde den Wettbewerb behindern und nicht dazu führen, dass mehr Verkehr auf die Schiene verlagert würde. Über Maß und Ausgestaltung einer Trennung müsse diskutiert werden, sagten Kuhn und der verkehrspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Winfried Hermann. Dabei dürften die erwarteten Erlöse für den Bund als Bahn-Eigentümer nicht absolut gesetzt werden.

Scharf kritisierten die Grünen Drohungen der Bahn-Gewerkschaften, aus Protest gegen eine „Zerschlagung“ des Konzerns notfalls auch während der Fußball-WM im Sommer zu Streiks aufzurufen. Die Politik werde zeigen, dass sie souveräne Entscheidungen treffe, sagte Kuhn.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband sprach sich ebenfalls für eine Teilung des Konzerns aus. „Wer mehr Wettbewerb und damit mehr Verkehr und bessere Qualität zu günstigeren Preisen will, muss das Bahnnetz in öffentlicher Hand belassen“, sagte Vorstand Edda Müller.

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