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21.06.2015

13:58 Uhr

Boom der Flusskreuzfahrten

Würzburg ist das neue Venedig

VonAxel Höpner, Christoph Schlautmann

Flusskreuzfahrten in Deutschland erleben einen überraschenden Boom. Während Reisen auf dem Nil ausfallen und Don, Wolga und Dnjepr zu riskant sind, bieten Main und Donau starken Ersatz. Vor allem US-Touristen kommen.

Flusskreuzfahrten erleben derzeit einen überraschenden Boom. PR

Hotelschiff „Viking Sun“

Flusskreuzfahrten erleben derzeit einen überraschenden Boom.

München/DüsseldorfDen Boom erlebt Peter Oettinger jeden Tag, wenn er aus dem Fenster blickt. Direkt auf den Main blickt der Würzburger Tourismus-Direktor von seinem Schreibtisch aus. Jeden Tag zieht eine Reihe von Flusskreuzfahrtschiffen vorbei und schippert zahlungskräftige Touristen in die beschauliche fränkische Stadt. „Das ist ein Sprung von Null auf Tausend“, sagt er. Anfang des Jahrtausends habe es das Phänomen praktisch noch gar nicht gegeben. Im vergangenen Jahr legten bereits 919 Flusskreuzfahrtschiffe in Würzburg an, in diesem Jahr soll es eine vierstellige Zahl werden.

Vor allem amerikanische und australische Touristen bereisen Deutschland derzeit auf den Flüssen. Laut einer Studie des Branchenverbands IG River Cruise legte die deutsche Flusskreuzfahrt im vergangenen Jahr um 16,5 Prozent zu. Europaweit stieg die Zahl der Reisenden sogar um ein Drittel auf 1,1 Millionen.

„Die eine oder andere Stadt fühlt sich von der Situation fast schon überfordert“, berichtet Joachim Zimmermann, Chef der staatlichen Bayernhafen-Gruppe, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Ein Phänomen, das im größeren Stil vor allem aus Venedig bekannt ist.

Deutsche mögen Kreuzfahrten

Kreuzfahrtpassagiere in Deutschland

Kreuzfahrten werden in Deutschland immer beliebter: Nach Großbritannien und Irland (werden zusammen geführt) belegt Deutschland im europäischen Passagierranking den zweiten Platz. Etwa 2,4 Prozent der Deutschen sind Kreuzfahrtpassagiere – das macht sich auch beim Umsatz auf diesem Markt bemerkbar: 2014 wurde mit einem Erlös von knapp 3,1 Milliarden Euro der Rekord aus dem Jahr 2012 eingestellt. Zum Vergleich: 1993 waren es noch 537 Millionen Euro, 2001 ziemlich genau eine Milliarde.
Quelle: Statista

Hochseekreuzfahrten sind gefragter

Hochseekreuzfahrten sind dabei deutlich beliebter als Flusskreuzfahrten. 2,7 der knapp 3,1 Milliarden Euro Umsatz entfielen 2014 auf Reisen über die Weltmeere. Dabei lohnt sich die Fahrerei sogar aus Konsumentensicht: Der durchschnittliche Reisepreis ist in den vergangenen Jahren nämlich kontinuierlich gesunken. 2007 kostete eine Hochseekreuzfahrt im Durchschnitt noch 1885 Euro, 2014 durchschnittlich nur noch 1530 Euro.

Flusskreuzfahrten lange mäßig beliebt

Flusskreuzfahrten sind deutlich günstiger – 2014 betrug der durchschnittliche Preis 952 Euro. Die Anbieter beobachteten in der Vergangenheit schwankende Passagierzahlen, in den vergangenen Jahren waren sie rückläufig: Fast 416.000 Menschen machten 2014 eine Flusskreuzfahrt. Im Jahr 2011 waren es noch 462.000. Immerhin kehrte sich der Trend im vergangenen Jahr um.

Die stärksten deutschen Kreuzfahrtunternehmen

Aida-Kreuzfahrten haben in der Branche einen guten Ruf. Das spiegelt sich in den zuletzt rasant steigenden Umsatzzahlen wieder. 2014 setzte Aida Cruises 1,3 Milliarden Euro um – fast vier Mal so viel wie noch neun Jahre zuvor. Im Gesamtranking der führenden Reiseveranstalter ist Aida Cruises Sechster. Ebenfalls steigenden Umsatz verbuchte die Tui AG mit ihren Kreuzfahrten (2008: 186,5 Millionen Euro – 2014: 281 Millionen Euro). Umsatzeinbußen gab es hingegen bei Phoenix Reisen (2008: 296,4 Millionen Euro – 2014: 280,5 Millionen Euro).

Die wichtigsten Häfen in Nordeuropa

Der Hamburger Hafen ist der größte Seehafen Deutschlands – und einer der wichtigsten Nordeuropas. Mit einem Passagieraufkommen von 552.000 Menschen im Jahr 2013 belegt Hamburg hinter Lissabon (558.000) und Kopenhagen (800.000) den vierten Platz. Einsamer Spitzenreiter ist allerdings der Port of Southampton mit einem Passagieraufkommen von fast 1,7 Millionen Menschen.

Dabei hatten Tourismusexperten der Flusskreuzfahrt bereit den Totenschein ausgestellt. Zu verstaubt, zu teuer und zu sehr von Überkapazitäten geplagt sei sie, bemängelten viele. Das Wasser abgegraben hatte ihr die Seekreuzfahrt, die mit frischen Spaßkonzepten wie „Aida“ junge Kunden begeisterte, während man auf den Flüssen lange Zeit kaum Reisende unter 70 Jahren sah. Auch die Kosten bekamen die Flusskreuzer nicht in den Griff. Schließlich lassen sich Ozeanriesen mit mehr als 4.000 Passagieren weitaus wirtschaftlicher betreiben als die vergleichsweise kleinen Flussschiffe.

Hinzu kam wegen der hohen Überkapazitäten eine für die Anbieter fatale Rabattschlacht. Kaum einer der Veranstalter schrieb schwarze Zahlen, Anbieter wie Tui oder die Deutsche Seereederei (DSR) stiegen aus dem Markt aus, andere – wie zuletzt Nicko Cruises – meldeten Insolvenz an.

Doch gleich zwei Faktoren beleben nun überraschend das einst siechende Geschäft. Zum einen sorgen die Spannungen in Ägypten, Russland und der Ukraine dafür. Während Reisen auf dem Nil ausfallen, und auch Don, Wolga und Dnjepr vielen Veranstaltern als zu riskant erscheinen, bietet sich reichlich Ersatz in Deutschland. Neben Mosel und Rhein profitiert davon vor allem die Donau.

Helge Grammerstorf, Geschäftsführer des Branchenverbands IG River Cruise, verweist aber noch auf einen anderen Grund: „Der Boom in Deutschland wird ausgelöst durch die vielen Reisenden aus den USA.“ Dort ist die Nachfrage nach „Old Germany“ derzeit so hoch, dass der Flusskreuzfahrt-Veranstalter Viking in den letzten Jahren 42 neue Schiffe bestellt hat. Den Vertrieb hat das Unternehmen inzwischen allein auf Amerika konzentriert.

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