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14.07.2015

17:02 Uhr

Boykottaufruf gegen Deutschland

„Das ist nur eine lärmende Minderheit“

VonMartin Tofern

Durchs Internet schwappt mal wieder eine Empörungswelle: Unter dem Hashtag #boycottgermany rufen Twitter-Nutzer zum Boykott deutscher Waren auf. Die Wirtschaft gibt sich allerdings gelassen – und hat guten Grund dazu.

Viele Twitter-Nutzer sehen in Deutschland den Drahtzieher hinter den harten Sparauflagen für Griechenland. Reuters

Proteste am 3. Juli in Barcelona

Viele Twitter-Nutzer sehen in Deutschland den Drahtzieher hinter den harten Sparauflagen für Griechenland.

DüsseldorfFür viele Internetnutzer ist allein Deutschland schuld daran, dass die Verhandlungen am vergangenen Wochenende in Brüssel zu für Griechenland harten Ergebnissen geführt haben. Da die Empörungsbereitschaft im Netz ja immer recht groß ist, war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Aufruf wie #boycottGermany durchs Netz wabert.

„Wir nehmen das nicht so ernst, das ist doch nur eine lärmende Minderheit“, sagt ein Sprecher des Bundesverbands des Groß- und Außenhandels. Das helfe Griechenland auch überhaupt nicht weiter. Es seien doch zum Beispiel die deutschen Discounter Aldi und Lidl, die kräftig dabei geholfen hätten, die Lebenshaltungshaltungskosten in Griechenland zu drücken. Da das Handelsvolumen mit Griechenland aber relativ niedrig ist, hätte ein Boykott ohnehin keine allzu großen Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft.

Twitter-Hashtag #BoycottGermany: „Kauft keine deutschen Produkte!“

Twitter-Hashtag #BoycottGermany

„Kauft keine deutschen Produkte!“

Wer ist Schuld an der europäischen Krise? Zumindest für viele Nutzer auf Twitter ist klar: Deutschland. Sie rufen jetzt zum Boykott deutscher Produkte auf. Und auch der griechische Verteidigungsminister macht mit.

In den vergangenen fünf Jahren sind die deutschen Exporte nach Griechenland bereits deutlich zurückgegangen: Von 8 Milliarden Euro im Jahr 2008 auf nur noch 4,7 Milliarden Euro im Jahr 2013. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts fiel Griechenland in der Liste der deutschen Haupthandelspartner als Exportziel von Platz 34 im Jahr 2010 auf Platz 38 im Jahr 2014 und damit hinter Luxemburg und Irland zurück.

Für Griechenland wiederum sind die Importe aus Deutschland sehr wichtig: Von den Waren des täglichen Bedarfs über Maschinen und mechanische Geräte bis hin zu Premiumfahrzeugen von BMW, Mercedes oder Audi liefert die deutsche Wirtschaft alles, was die Griechen brauchen. Auch das gesamte Telefonnetz des Landes wurde dereinst von einer deutschen Firma errichtet, nämlich von Siemens.

Sieben Wahrheiten über den Griechenland-Deal

1. Der IWF soll weiter an Bord bleiben

Wäre es nach Alexis Tsipras gegangen, dann hätte der Euro-Rettungsfonds ESM das dritte Hilfspaket allein gestemmt. Mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) wollte Tsipras partout nichts mehr zu tun haben. Fast die ganze Nacht wehrte sich der Grieche. Doch Merkel bestand darauf – und setzte sich durch. Die Vereinbarung sagt klar, dass der IWF nicht nur überwachen, sondern sich auch finanziell beteiligen soll. Allerdings ist das trotz Gipfelbeschlusses nicht gesichert. Das liegt nicht an Athen, sondern an Washington. Das IWF-Programm läuft noch bis März 2016. Um die verfügbaren 16 Milliarden Euro zu bekommen, muss Griechenland zunächst seine Zahlungsrückstände begleichen. Ob es dann frisches Geld gibt, ist ungewiss. Der IWF will sich noch nicht festlegen.

2. Reformen sind sofort  umzusetzen

Mit Reformversprechen der griechischen Regierung allein findet sich die Euro-Zone inzwischen nicht mehr ab. Die europäischen Partner wollen Taten sehen, bevor sie Hellas Geld leihen. Deshalb steht die Regierung in Athen jetzt unter großem Zeitdruck. Bis Mittwoch soll sie gleich mehrere Reformen und Kürzungen durch das Parlament bringen. Bei der Mehrwertsteuer sollen Befreiungen und ermäßigte Sätze entfallen. Sofort beschlossen werden sollen auch Teile der Rentenreform und eine gestraffte, effiziente Zivilgerichtsbarkeit. Solche Veränderungen hatte die Regierung vorher lange verweigert. Nun soll Athen sogar strengere Reformvorgaben erfüllen als ursprünglich geplant. Ob Premier Alexis Tsipras dieser Verpflichtung am Ende wirklich nachkommt, bleibt abzuwarten.

3. Ein deutlich höherer  Finanzbedarf

Die Euro-Zone hat Griechenland schon Kredite von insgesamt 184 Milliarden ausgezahlt. Nun soll ein drittes Hilfspaket mit einem Umfang von bis zu 86 Milliarden Euro dazukommen. Der Betrag fällt deutlich höher aus als noch vor wenigen Monaten erwartet. Denn mit Griechenland geht es bergab, seitdem Tsipras regiert: Das Wirtschaftswachstum brach ein, und die Banken befinden sich in einem desolaten Zustand. Allein für die Sanierung und Rekapitalisierung der Geldhäuser benötige man in den nächsten Jahren bis zu 25 Milliarden Euro, davon zehn Milliarden relativ kurzfristig, heißt es in der Gipfel-Erklärung.
Dass Athen nun zum dritten Mal Hilfe benötigt und dann auch noch ein solches Volumen, ist für andere Regierungschefs sehr unangenehm. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird es nicht leichtfallen, ihre eigene CDU/CSU-Fraktion von der Notwendigkeit dieser Hilfe zu überzeugen. Auch in anderen Ländern, etwa Finnland oder den Niederlanden, gibt es inzwischen viel Kritik an der Athen-Hilfe.

4. Privatisierungen beschleunigen

Das Programm hat nie richtig funktioniert. Statt der erwarteten 50 Milliarden Euro brachte der Verkauf von Staatsbetrieben bisher nur zwei Milliarden Euro ein. Nun will die Euro-Zone die Privatisierungen beschleunigen. Dabei helfen soll ein unabhängiger Privatisierungsfonds. Premier Tsipras wurde verpflichtet, staatliche Vermögenswerte von 50 Milliarden in diesen professionell gemanagten Fonds einzubringen, damit sie möglichst gewinnbringend verkauft werden können. Welche staatlichen Unternehmen davon am Ende betroffen sein werden, ist allerdings noch unklar. Über die Auswahl dürfte es mit Griechenland noch viel Streit geben – zumal Tsipras den Investitionsfonds nur höchst widerwillig akzeptierte.

5. Die verhasste Troika kehrt nach Athen zurück

Es war eine der ersten Amtshandlungen der Regierung Tsipras: Sie erteilte der verhassten Troika Hausverbot in den Athener Regierungsgebäuden. Die Vertreter der Institutionen EU-Kommission, EZB und IWF sind seither gezwungen, in Brüssel mit griechischen Regierungsbeamten zu verhandeln – was mehr schlecht als recht funktioniert. Nun kehrt man zum alten Verfahren zurück: Die drei Institutionen sollen den Reformprozess wieder vor Ort in der griechischen Hauptstadt überwachen und dort falls nötig für eine bessere Umsetzung der Reformen sorgen, heißt es in der Abschlusserklärung des Euro-Gipfels. Dabei helfen sollen Fachbeamte aus den anderen Euro-Staaten.

6. Umfang des Hilfsprogramms

Die Geldgeber-Institutionen schätzen Griechenlands Finanzbedarf in den kommenden drei Jahren auf 82 bis 86 Milliarden Euro. Der höhere Wert stammt vom vorsichtiger kalkulierenden IWF. Einen Teil der Kosten könnte nach Berechnungen der Experten durch Zinsgewinne gedeckt werden, welche die EZB mit Griechenland-Anleihen erzielt. Das sind 7,7 Milliarden Euro. Somit müsste das Rettungsprogramm zwischen 74 und 78 Milliarden Euro umfassen. Dass der Bedarf überhaupt so hoch ist, liegt an der Unsicherheit durch Tsipras. Wegen der Bankenschließungen wird das Land dieses Jahr wohl wieder in die Rezession rutschen. Zudem brauchen die Banken 25 Milliarden Euro frisches Kapital.

7. Einen Schuldenschnitt wird es nicht geben

Nach ihrem Wahlsieg verwendeten Tsipras und sein Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis ihre politische Energie vor allem auf eines: Sie wollten unbedingt durchsetzen, dass die Euro-Zone Griechenland einen Teil der Schulden erlässt. Beifall dafür gab es allerdings nur vom IWF. Die Euro-Zone ließ Tsipras am Montag früh endgültig abblitzen. Ein nominaler Schuldenschnitt komme nicht infrage, heißt es in der Gipfel-Erklärung. Nur beim Schuldendienst seien Erleichterungen denkbar. Eventuell wird die durchschnittliche Kreditlaufzeit von derzeit 32 auf 40 oder 50 Jahre erhöht. Diese Streckung führt in Wahrheit auch zu einem Schuldenschnitt – zwar nicht nominal aber sehr wohl real.

Ein Boykott deutscher Waren wäre also sozusagen ein Schuss ins Knie. Und er fände in Griechenland wohl nur bei wenigen Menschen Unterstützung. Der Unternehmer Grigoris Tekos etwa hält bestimmt nichts von solchen Aufrufen. Er ist Geschäftsführer des Fensterherstellers Synco in Thessaloniki, der seine Rohstoffe, Materialien und Maschinen ausschließlich aus Deutschland bezieht. Die fertigen Fenster verkauft er hauptsächlich nach Deutschland. Wörtlich sagte Tekos dem Handelsblatt: „Wir sind nicht sauer auf die Deutschen. Wir sind sauer auf die Politiker, die uns diese Scheiße eingebrockt haben!“

Kommentare (10)

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Herr Marc Otto

14.07.2015, 17:19 Uhr

1/2 Jahr haben uns die GR beschimpft, gedemütigt und haben uns belogen. Aber iwa wendet sich das Blatt und die dt. Regierung hat wohl die Zeit genutrzt, um das Paket: "ESM + Treuhand" zu schnüren.

super Job, Herr Schäuble, das ist eine Meisterleistung und wir sind stolz auf sie.

Herr Jens Müller

14.07.2015, 17:35 Uhr

Der Euro - das Friedensprojekt.
Bleibt nur die Frage, ob wir diesen totalen Frieden wollen, oder nicht. Aber wir wissen ja: totaler Friede ist kürzester Friede...

Herr Josef Hirsepp

14.07.2015, 17:44 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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