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18.09.2012

16:35 Uhr

Brand in Pakistan

Katastrophen-Fabrik belieferte Textildiscounter Kik

Mehr als 250 Beschäftigte kamen in der vergangenen Woche bei einem Feuer in einer pakistanischen Textilfabrik ums Leben. Nun wurde bekannt, dass die Firma auch nach Deutschland liefert – an den Discounter Kik.

Der Textildiscounter Kik wurde möglicherweise von Ali Enterprises beliefert. dapd

Der Textildiscounter Kik wurde möglicherweise von Ali Enterprises beliefert.

Islamabad/BönenDie Fabrik in Pakistan, in der vor einer Woche mehr als 250 Menschen verbrannten, hat auch für den deutschen Textildiscounter Kik produziert. Unter anderem lieferte das Unternehmen Jeanswaren nach Deutschland. Die Tengelmann-Tochter aus dem westfälischen Bönen räumte am Dienstag ein, seit Jahren Waren aus der Unglücksfabrik zu beziehen. Bei dem Brand vor einer Woche in Karachi kamen auch deshalb so viele Menschen um, weil der Arbeitsschutz nicht eingehalten wurde. Ob auch andere deutsche Unternehmen betroffen sind, war unklar.

Kik teilte mit, dass ein unabhängiges Unternehmen im Auftrag von Kik die Arbeitsbedingungen und den Brandschutz kontrolliert habe. Nach Hinweisen auf Mängel im Jahr 2007 habe es Nachbesserungen gegeben. Ein Prüfbericht vom 30. Dezember 2011 habe die Einhaltung bestätigt. Die pakistanische Regierung will nach Kik-Angaben dazu einen Untersuchungsbericht vorlegen. In der Fabrik gab es keine Notausgänge, und die Fenster waren vergittert.

Kerzen für die Opfer in der Textilfabrik von Ali Enterprises. AFP

Kerzen für die Opfer in der Textilfabrik von Ali Enterprises.

Der Vorsitzende des pakistanischen Unternehmerverbandes PRGMEA, Shehzad Saleem, sagte der Nachrichtenagentur dpa, Ali Enterprises habe mit mindestens einem deutschen Partner zusammengearbeitet. Er nannte Kik. Ein Polizeisprecher in Karachi bestätigte Geschäftskontakte der Fabrik nach Deutschland.

Kik äußerte sich wegen der vielen Opfer betroffen und will zusammen mit weiteren Unternehmen, die von Ali Enterprises Ware erhielten, einen Hilfsfonds aufbauen. Kik gab den Hinweis, dass es sich um internationale Unternehmen handle. Der Discounter selbst hatte sich erst nach Hinweisen aus Pakistan zu erkennen gegeben.

Warum die Kontrollen, die Kik nach eigener Darstellung in Auftrag gegeben hatte, ins Leere liefen, will der Discounter prüfen. In einem ersten Nachhaltigkeitsbericht im Jahr 2010 hatte Kik noch auf 90 Seiten auf die hohe Verantwortung der Auftraggeber gegenüber den Lieferanten hingewiesen. Neben vernünftigen Arbeitsbedingungen, Arbeitsschutz, Sozialstandards und Löhnen werden darin auch Produktstandards bis hin zu Umweltmaßnahmen festgelegt. Kik lässt auch in Bangladesch und China produzieren.

Wer Textilien nach Deutschland liefert

Pakistan

Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 0,46

Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 37 %

Rumänien

Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 0,48

Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 5,3 %

Vietnam

Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 0,54

Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 26,7 %

Indonesien

Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 0,57

Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 19,8 %

Niederlande

Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 0,75

Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 14,1 %

Italien

Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 0,98

Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 1,6 %

Indien

Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 1,23

Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 16,1 %

Bangladesch

Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 2,64

Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 32,3 %

Türkei

Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 2,98

Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 6,3 %

China

Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 8,33

Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 9,1 %

Quellen

Statistisches Bundesamt, German Fashion

Die Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) hatte sich in diesem Jahr in einer Studie Aldi, Lidl und Kik gewidmet und kommt zu dem Schluss, dass die Unternehmen zu großen Druck auf ihre Lieferanten ausüben. „Sie verlangen gute Qualität, schnelle Lieferung und zahlen schlecht“, sagte Lars Stubbe von CCC der dpa. Hilfe leisteten die Staaten, die mit niedrigen Mindestlöhnen Werbung für ihren Standort machten. Die Folge seien oftmals katastrophale Arbeitsbedingungen. Für Überprüfungen würden Fabriken herausgeputzt und Arbeiter instruiert. CCC fordert vor allem die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften, die aber oftmals vor Ort verhindert würden. Sie könnten kontrollieren, ob die Arbeitsbedingungen eingehalten würden, sagte Stubbe.

Kik war in der Vergangenheit selbst wegen Billiglöhnen und einem Datenschutzskandal ins Gerede gekommen. Daraufhin hatte die Tengelmann-Tochter Mindestlöhne eingeführt und einen Nachhaltigkeitsbericht aufgelegt. Das Unternehmen hatte zuletzt mit 20 000 Beschäftigten in mehr als 3000 europäischen Filialen 1,66 Milliarden Euro umgesetzt.

Von

dpa

Kommentare (12)

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Account gelöscht!

18.09.2012, 14:27 Uhr

Entschudigung, wer eine Jeans für 6,90 auf den Markt wirft und wer diese Jeans kauft - der interresiert sich einen Dreck dafür, wo sie herkommt und unter welchen Umständen sie produziert wurde. Ganz zu Schweigen von den verarbeiteten und enthaltenen Giftstoffen.
Billich will ich.

Account gelöscht!

18.09.2012, 14:41 Uhr

Stimmt. Aber es gibt ein Problem dabei - und damit beginnt wieder die Heuchelei:
Das Wirtschaftssystem ist so.
Es ändert sich rein gar nichts für die Beschäftigten in Pakistan, Bangladesh oder Indien, wenn ich für dieselbe Jeans - nur weil einer Armani oder Boss darauf gestickt hat, 115 EUR bezahle!!!
Oder?
Fairness & Nachhaltigkeit geht (theoretisch) eben nur im Sozialismus.
Nur musste ich im real existierenden dann die Wisent-Jeans kaufen, hart wie Karton, hässlich, unmodern. Das will eben auch keiner.
UNLÖSBAR!

erst_nachdenken

18.09.2012, 14:57 Uhr

Hintergrund dieser Meldung ist wohl wieder mal, dass ein paar Journalisten versuchen, die Verantwortlichkeiten auf den Kopf zu stellen.

Die Verantwortung für mangelhafte Arbeits- oder Sicherheitsstandards trägt in allererster Linie das Unternehmen vor Ort, dann der Gesetzgeber des Landes, der Arbeits- und Sicherheitsbedingungen festlegt und die Aufsichtsbehörden, die für deren Einhaltung zuständig sind. Hält sich ein Unternehmen an die Gesetze des jeweiligen Landes, dann haben die Kunden wie kik wenn überhaupt, dann nur in sehr geringen Umfang eine Verantwortung für Unglücke wie diese.

Aber durch die permanente Spiegel-, Monitor-, Panorama-, ZDF-Report etc. Skandalberichterstattung nach Schema F haben wir offenbar das klare Denken schon längst verlernt. Dafür sind wir im Fremdschämen ganz ganz groß....

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