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03.06.2017

08:49 Uhr

China

Safer Sex heizt die Kondom-Industrie an

In China ist eine sexuelle Revolution im Gange. Selbst die Präsidenten-Gattin wirbt für Safer Sex – und das mit Erfolg. Die heimische Kondom-Industrie erfreut sich nun an der steigenden Beliebtheit des Verhütungsmittels.

Trotz des Kondom-Hypes werden in China meistens die Spirale und die Sterilisation der Frau als Verhütungsmethode genutzt. dpa

Beliebtes Verhütungsmittel

Trotz des Kondom-Hypes werden in China meistens die Spirale und die Sterilisation der Frau als Verhütungsmethode genutzt.

SchanghaiApril Zhang ist 21 Jahre alt und Studentin in Schanghai. Sie steht für eine neue Generation von Chinesen, die ohne Scham über Sex spricht – und damit über ein Thema, das im Reich der Mitte lange ein Tabu war. „Mit Sicherheit ändert sich die Einstellung. Wir sind zunehmend offen“, sagt Zhang. Eines ist ihr und ihrem Freundeskreis dabei besonders wichtig: der Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten.

Das befeuert in China die Kondom-Industrie, die derzeit so schnell wächst wie kaum in einem anderen Land. Erst in der vergangenen Woche übernahm ein chinesisches Konsortium für 600 Millionen Dollar das weltweit zweitgrößte Kondomgeschäft vom australischen Gesundheitskonzern Ansell mit Top-Marken wie „Jissbon“, das auf Mandarin wie „James Bond“ klingt.

Kampf gegen Aids - eine Chronologie

1959

Ende der 1950er Jahre entnehmen Ärzte einem Mann im Kongo eine Blutprobe. Jahrzehnte später wird festgestellt, dass sich darin HIV-Antikörper befinden.

1981

Die US-Gesundheitsbehörden melden, dass immer mehr Homosexuelle unter bis dahin seltenen Infektionen und Hauttumoren leiden. Die Erkrankten sollen Sex mit vielen verschiedenen Menschen gehabt haben.

1982

Krankheitsfälle treten auch bei Drogenabhängigen und Blutern auf. Die Krankheit bekommt den Namen Aids (Acquired Immune Deficiency Syndrome, Erworbenes Immunschwäche-Syndrom). Erste Aids-Diagnose in Deutschland.

1983

Luc Montagnier und seinen Kollegen vom Pasteur-Institut in Paris gelingt es, das Aids-Virus zu isolieren. Montagnier erhält dafür später den Nobelpreis.

1984

Der US-Forscher Robert Gallo entwickelt ein Zellkultursystem und schafft damit die Voraussetzung für die Entwicklung erster Aids-Tests.

1985

Die erste internationale Aids-Konferenz tagt. 27 Millionen deutsche Haushalte bekommen Informationsbroschüren zugeschickt.

1986

Experten bezeichnen den Aids-Erreger einheitlich als HIV (Human Immunodeficiency Virus, Humanes Immunschwächevirus).

1987

Das erste Aids-Medikament AZT wird in den USA und wenig später auch in Deutschland zugelassen. Es kann die Virus-Vermehrung etwas bremsen, Aids aber nicht heilen.

1991

Die rote Schleife (Red Ribbon) wird zum internationalen Aids-Symbol. Queen-Sänger Freddie Mercury stirbt an Aids.

1993

Tom Hanks spielt in dem Film „Philadelphia“ einen homosexuellen und HIV-positiven Rechtsanwalt – und bekommt dafür ein Jahr später den Oscar.

1994

Ein jahrelanger Streit zwischen Frankreich und den USA um die Entdeckung von HIV und die Aufteilung der Gewinne aus dem Verkauf von Aids-Tests wird beendet.

1996

Für Aufsehen sorgt die Entdeckung, dass einige Menschen eine genetisch bedingte, wenn auch nicht vollständige HIV-Resistenz haben.

1999

Schweizer Ärzte haben außergewöhnlichen Erfolg mit der Hochdosis-Kombinationstherapie aus mehreren Aids-Medikamenten (HAART), in der Folge wird diese Strategie zur Standardbehandlung.

2002

Der Globale Fonds gegen Aids, Tuberkulose und Malaria wird zur Finanzierung nationaler Maßnahmen gegen diese Krankheiten gegründet.

2003

Mit dem Fusionshemmer Enfuvirtid (Handelsname Fuzeon) kommt in den USA und der EU eine vierte Klasse von Aids-Medikamenten auf den Markt, nach den sogenannten Nukleosiden, Protease-Hemmern und Transkriptase-Hemmern.

2008

Luc Montagnier wird gemeinsam mit Françoise Barré-Sinoussi für die Entdeckung von HIV der Medizin-Nobelpreis verliehen.

2010

Barack Obama hebt das in den USA seit 1987 geltende Einreiseverbot für HIV-Positive auf.

2014

Bei dem als geheilt geltenden „Mississippi-Baby“ entdecken Ärzte erneut das HI-Virus. Das Mädchen war kurz nach der Geburt mit drei Medikamenten behandelt worden, nach einem halben Jahr entzog es die Mutter einer weiteren Therapie. Monate später war das Kind dennoch virenfrei gewesen.

Sexshops breiten sich in vielen chinesischen Städten aus. In den Metropolen liegen Kondom-Packungen inzwischen für jedermann sichtbar in den Regalen. Bekannte westliche Marken wie Durex haben Millionen von Followern auf ihren chinesischen Social-Media-Plattformen. „Das ist ein sehr wichtiges Produkt, wenn es nur einmal schiefgeht, sind die Folgen hart“, sagt Zhang.

Zwar ist die Werbung für Kondome insgesamt noch deutlich zurückhaltender als in anderen asiatischen Märkten, aber das Thema Safer Sex nimmt an Fahrt auf. Nach Einschätzung des Marktforschungsinstituts Transparency Market Research wird die chinesische Kondom-Industrie bis 2024 um etwa zwölf Prozent pro Jahr wachsen. Der jährliche Umsatz läge dann bei rund fünf Milliarden Dollar.

Auch die Regierung trägt zur neuen Offenheit bei: Sie unterstützt Kampagnen zur Aids-Aufklärung – Peng Liyuan, die beliebte Ehefrau von Präsident Xi Jinping schaltet sich sogar persönlich ein. All das wäre vor zwei Jahrzehnten undenkbar gewesen. Trotz des Kondom-Hypes sind Spirale und die Sterilisation der Frau immer noch die gängigsten Verhütungsmethoden in China. Wang Xiaoshuang, Gründer der Aufklärungsfirma Greenxxoo, sagt, der Wandel brauche Zeit. Immerhin sei vorehelicher Geschlechtsverkehr – vor 20 Jahren ein Tabu – inzwischen weitgehend akzeptiert.

Erst kürzlich verursachte eine Lehrerin „weiblicher Tugenden“ einen Sturm in den sozialen Netzwerken, weil sie erklärt hatte, dass Frauen keine kurzen Kleider tragen und sich für ihre Ehemänner aufsparen sollten. Auch Studentin Zhang erinnert sich, dass sich ihre Eltern mit dem Thema Sex schwer taten: „Als ich jünger war, sprachen meine Eltern mit mir über Verhütung und über einige grundlegende Dinge wie sexuell übertragbare Krankheiten. Alles andere musste ich selbst herausfinden.“

Von

rtr

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