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23.04.2016

17:00 Uhr

Craft Beer und Mikrobrauereien

Braukunst für die Nische

VonAlexander Möthe

Bier ist Massenprodukt. Beim in Kleinmengen gebrauten Craft Beer steht Abwechslung im Vordergrund – und der kreative Umgang mit dem Reinheitsgebot. Wirtschaftlich zu holen gibt es bei dem Trend bisher aber noch wenig.

Craft Beer will nicht lange gelagert sein. Reuters

Frisch gezapft

Craft Beer will nicht lange gelagert sein.

DüsseldorfDeutschland trinkt weniger Bier. Auch wenn der Pro-Kopf-Verbrauch 2014 gegen den Langzeittrend wieder leicht von 106,6 Liter auf 106,9 Liter jährlich gestiegen ist, so das Statistische Bundesamt, auf zehn Jahre gesehen nehmen Absatz und Verbrauch kontinuierlich ab. Inzwischen haben die einstigen Bierweltmeister, also die Deutschen, einen jährlichen Rückstand von rund 30 Liter pro Kopf auf den Spitzenreiter Tschechien.

Dass das Bier ausgerechnet in Deutschland schwächelt, ist eine Überraschung. Denn galt deutsches Bier sehr, sehr lange Zeit als höchster Qualitätsmaßstab. Zu verdanken ist das maßgeblich dem Reinheitsgebot, was am 23. April offiziell 500 Jahre alt wird. Hopfen, Malz, Hefe, Wasser – mehr darf laut Bayerischer Landesordnung von 1516 nicht drin sein im Gebräu. Doch während in kleinen Brauereien um diese Zutaten überraschen vielfältige Rezepturen kreisen, herrscht in den Supermarktregalen die Massenproduktion vor. Das schmeckt vielen, aber nicht allen, Tendenz fallend.

Kleine Craft-Beer-Kunde

Herkunft

Der Begriff „Craft Beer“ kommt aus dem Amerikanischen und bedeutet „handwerklich gebrautes Bier“. Craftbier werde in den USA als Gegenpol zu oft geschmacksarmen Konzernbieren gesehen, sagt Nina Klotz vom Szenemagazin „Hopfenhelden“. Vor sechs Jahren schwappte das Phänomen dann nach Deutschland. Pioniere wie Timm Schnigula von der Münchner Craft-Brauerei Crew Republic hatten die aromatischen Biere im Ausland entdeckt - und zunächst oft ohne Brauererfahrung versucht, sie nachzubrauen.

Szene

Craftbier verbreitete sich zunächst in Großstädten wie Berlin, München oder Hamburg. Mittlerweile fasse der Trend auch in ländlichen Gebieten Fuß, sagt Klotz. Die Brauer-Szene beschreibt sie als jung und innovativ: „Es wird ständig an neuen Rezepten gefeilt.“

Geschmack

Als „Biere mit Ecken und Kanten“ bezeichnet Sandra Ganzenmüller vom Verband der Diplom-Biersommeliers die Produkte. Viele spielten mit Extremen: Über besonders starke Hopfenbeigaben oder Malznoten können unterschiedlichste Geschmacksrichtungen erreicht werden. Ein Klassiker ist das India Pale Ale (IPA), welches sehr intensiv gehopft ist. Aber auch Schoko- oder Kaffeenoten können allein über bestimmte Mälzvorgänge erreicht werden.

Zutaten

Der Deutsche Brauer-Bund betont, dass sich knapp 98 Prozent der deutschen Craft-Brauer an das Reinheitsgebot von 1516 halten. Demnach dürfen in Bier nur Hopfen, Malz, Hefe und Wasser enthalten sein. Zutaten wie Kürbispüree, Ahornsirup oder Aromazusätze, wie man sie in manchen Craftbieren findet, sind da eher die Ausnahme. „Das Spannende ist doch, dass man alleine über Hopfen und Malz so viele unterschiedliche Nuancen herausarbeiten kann“, sagt Brauer Schnigula.

Bedeutung

Craftbier ist ein Nischenprodukt mit einem winzigen Marktanteil. Die Bedeutung der Bewegung sei eine andere: „Bier bekommt in letzter Zeit eine neue Wertigkeit, es geht in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr nur um den Bierpreis und das Oktoberfest“, meint Biersommelière Ganzenmüller erfreut. Es werden Verkostungen angeboten, spezielle Biergläser entworfen, Craftbier-Bars entstehen. Das begrüßt auch der Brauer-Bund: „Craft gibt den Brauereien die Chance, Braukunst, Braukultur und Biervielfalt wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken.“

Tradition

Wie stehen alteingesessene Brauer zum neuen Trend? Mathias Trum, Geschäftsführer der Brauerei Schlenkerla in Bamberg, betont: „Die Biervielfalt, die da jetzt gekommen ist, hatten wir in Franken doch schon immer.“ Seine Brauerei, 1405 erstmals urkundlich erwähnt, produziert das berühmte Bamberger Rauchbier. Auch wenn er die Entwicklung hin zur höheren Wertigkeit von Bier gut findet, glaubt er nicht, dass Craftbier langfristig zum Erhalt der Vielfalt nötig ist. „Da wird sich über außergewöhnlichen Geschmack definiert. Aber wenn alle ein IPA anbieten, was ist da denn noch besonders?“

Leichtbiere und Mixprodukte scheiterten als Heilsbringer der Brauereikonzerne. Die erhofften Zielgruppen, junge Menschen und Frauen, weigerten sich, die Erwartungen zu erfüllen. Gerade für die Großbrauereien geht es darum, den Absatz hochzuhalten und die Preise möglichst stabil. Die Kombination aus steigenden Rohstoff- und Produktionskosten sowie schwindenden Durst hat sich zur Herausforderung für die Branche entwickelt.

Die beiden weltgrößten Produzenten, AB Inbev und SAB Miller, feierten Ende vergangenen Jahres eine Elefantenhochzeit, die dem Konglomerat mit Marken wie Beck’s, Pilsener Urquell, Corona oder dem WM-Bier Brahma die Marktmacht sichern würde. Es ist keine Liebeshochzeit, Miller versuchte sich der Übernahme zu entziehen und sucht seinerseits, Heineken zu schlucken. Am Ende flossen über 100 Milliarden Dollar von Inbev in Richtung SAB. Größe um jeden Preis, Ein Beweis dafür, wie gesättigt der Getränkemarkt mit populären Biersorten ist.

Doch im Schatten der absatzstarken Brauereien blüht eine eigene, kleinere Bierbrauerszene. Eine Szene, die meist  unter dem Etikett „Craft Beer“ zusammengefasst wird, auch wenn es bei weitem nicht allen Definitionen und Herstellungsweisen gerecht wird. Der buchstäblich kleinste gemeinsame Nenner: der Begriff Mikrobrauerei. Und selbst der trifft gerade in Deutschland nicht immer zu.

Es geh um in verhältnismäßig kleinen Chargen hergestelltes, qualitativ und preislich hochklassiges Bier. Und es erobert zusehends Marktanteile. In den USA, wo es inzwischen tausende der zumeist kleinen Brauereien gibt, hat Craft Beer inzwischen einen Anteil von gut elf Prozent.

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