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27.07.2014

15:48 Uhr

Craftbeer in Deutschland

Wenn das Bier zum Hopfenwein wird

VonLukas Bay

Die Amerikaner haben es vorgemacht, nun setzen auch große deutsche Brauereien auf den Trend zum Craftbeer. Nicht nur die Flaschen, auch das Vokabular erinnert an die Aromenlyrik der Weinexperten.

Prost: Der US-Craftbrauer Greg Koch (Mitte) will mit seiner Brauerei „Stone Brewing Co.“ nach Berlin kommen. ap

Prost: Der US-Craftbrauer Greg Koch (Mitte) will mit seiner Brauerei „Stone Brewing Co.“ nach Berlin kommen.

DüsseldorfAmerika, war das nicht das Land der langweiligen Lagerbiere? Und nun will ausgerechnet ein Amerikaner den Berlinern erklären, was ein gutes Bier ist? Den Deutschen, denen das Bier als Nationalgetränk gilt?

Er sei schon belächelt worden, wenn er seinen Freunden von seinen Plänen berichtet habe, verrät Greg Koch den anwesenden Journalisten. Im ehemaligen Gaswerk Mariendorf, einem roten Klinkerbau im Zentrum Berlins, will der amerikanische Brauer eine deutsche Dependance seiner Kultbrauerei „Stone Brewing“ errichten – die erste ihrer Art in Europa.

Bis 2016 soll in dem ehemaligen Industriekomplex ein gastronomischer Erlebnispalast entstehen: Biergarten, Restaurant, Merchandising-Shop – und Brauerei. 25 Millionen Dollar will Koch dafür in die Hand nehmen.

Sein Selbstbewusstsein kommt nicht von ungefähr: Denn wer bei amerikanischem Bier nur an wässriges Lagerbier denkt, sollte seine Vorurteile überprüfen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich – lange weitgehend unbemerkt – eine Brauszene in Amerika entwickelt, die kreativer ist als jede andere in der Welt.

Greg Koch gehört zu den Vorreitern dieser Szene. Mit „Stone Brewing“ begann er einst in einer Garage, rührte noch eigenhändig die Biere in einem Suppentopf an.

Heute gehören ausgefallene Sorten wie das Rauchbier „Smoked Porter“, oder das starkgehopfte „Arrogant Bastard Ale“ zu seinen Klassikern und machen die Brauerei zu einer der größten des Landes. So genanntes Craftbeer boomt.

Die größten Craftbeer-Brauer in den USA

Platz 10

Stone Brewing Company (Escondido, Kalifornien)

Nein, wirklich freundlich haben die Kalifornier ihre Biere nicht getauft. Sorten wie „Stone Arrogant Bastard Ale“ und „Stone Lucky Bastard“ werden unter einem Teufelslogo verkauft. Doch das böse Image schadet den Verkäufen nicht. Besonders das Stone Pale Ale macht die Brauerei zur größten in Südkalifornien.

Platz 9

Brooklyn Brewery (Brooklyn, New York)

In Deutschland werden die Biere der New Yorker ebenfalls in den Kühlschränken von Braufactum verkauft. In den USA hat sie bereits ihren Siegeszug hinter sich. Seit ihrer Gründung im Jahr 1996 sind ausgefallene Sorten wie ein Black Chocolate Stout oder ein Kürbisbier entstanden.

Platz 8

Duvel Moortgat (Kansas City, Missouri/Cooperstown, New York)

Eigentlich gehören die Belgier mit ihren Trappisten-Bieren zu den ganz alten Brauereien Europas. Dass sie auch in der vergleichsweise jungen US-Craftbeer-Szene mitmischen, haben sie einer Übernahme aus dem Jahr 2013 zu verdanken. Damals übernahmen Sie die Mehrheit an der Boulevard Brewing Company aus Kansas City.

Platz 7

Bell's Brewery (Galesburg, Michigan)

Einst rührte Unternehmensgründer Larry Bell sein Bier noch persönlich in Suppenkesseln an und deckte diese mit Plastikfolie zum Fermentieren ab. Mittlerweile ist seine Brauerei einer der größten des Landes. Eine der vielen Erfolgsgeschichte der Craftbeer-Branche.

Platz 6

Deschutes Brewery (Bend, Oregon)

Als Gary Fish im Jahr 1988 seine kleinen Braukneipe „Deschutes River“ in Bend eröffnete, hätte er sich wohl selbst nicht träumen lassen, dass daraus die zwölfgrößte Brauerei in den USA werden könnte. Zum Portfolio gehören besondere India Pale Ales wie das Chainbreaker White oder das Twilight Summer Ale.

Platz 5

Lagunitas Brewing (Petaluma, Kalifornien)

Die Flaschenbeschriftungen der Kalifornier sind so ausschweifend, dass sie mittlerweile schon zur Legende geworden sind. Der Name kommt vom Gründungsort Lagunitas. Doch weil seine Brauerei seit 1993 so massiv gewachsen ist, musste sie nach Petaluma umziehen.

Platz 4

Gambrinus (San Antonio, Texas)

Benannt ist die texanische Craftbeer-Riese nach dem niederländischen König, der angeblich das Bier erfunden haben soll. Anfangs verdiente Gründer Carlos Alvarez sein Geld aber vor allem mit dem Import mexikanischer Biere wie Corona. Mittlerweile verkaufen sich auch die eigenen Sorten blendend.

Platz 3

New Belgium Brewing (Fort Collins, Colorado)

Die Gründungsgeschichte der Brauerei New Belgium ist legendär. Gründer Jeff Lebesch soll persönlich durch Belgien gereist sein, um das perfekte Rezept für sein eigenes Bier zu finden. Daher rührt auch der heutige Name des Bestsellers „Fat Tire“. Seit 1991 ist er nun im Geschäft und heute der achtgrößte Brauer in den USA.

Platz 2

Sierra Nevada Brewing Company (Chico, Kalifornien)

Neben dem Pale Ale, das sich am besten verkauft, brauen die Kalifornier tatsächlich auch ein traditionelles, bayrisches Hefeweizen. Gegründet wurde durch Ken Grossman and Paul Camusi, die ihr Bier anfangs noch Zu Hause für den privaten Gebrauch brauten.

Platz 1

Boston Beer Company (Boston, Massachusetts)

Unglaublich, aber wahr: Seit der Übernahme von Anheuser-Busch durch Inbev ist die Boston Beer Company der größte Bierbrauer mit amerikanischen Besitzern. Die Marke Samuel Adams wird weltweit besser verkauft als jedes andere Craft Beer. Der Name stammt von einem Anführer der Boston Tea Party. Ihren Hopfen kaufen die Amerikaner auch in Deutschland ein. Von August bis Oktober brauen sie traditionell ein Bier namens „Octoberfest“.

„Craft“ steht für das Handwerk, die Liebe zum Detail, die ihre Biere ausmachen. In ihrer Kreativität haben die Amerikaner längst vergessene Sorten wiederbelebt: Das stark hopfenbetonte India Pale Ale (IPA) beispielsweise, oder belgische Trappistenbiere, die in Whiskyfässern gelagert werden.

Biere, die auch in Deutschland absolute Exoten sind. Insgesamt werden in den USA mittlerweile rund 18,3 Millionen Hektoliter Craftbeer verkauft. Das sind etwa 20 Prozent mehr als im Vorjahr, und das in einem stagnierenden Markt. In den USA kommt die Craft-Brauer nach den jüngsten Zahlen auf einen Marktanteil von 7,8 Prozent. Unter den zehn größten Brauereien sind fünf Craft-Brauereien.

Trotzdem dürfte es Koch schwerer haben als in seiner Heimat. Die Deutschen sind stolz auf ihr Bier und die deutsche Brauereilandschaft nie eine Monokultur wie die USA. Auch wenn das Pils insgesamt dominiert, findet man in jedem Supermarkt, jedem Restaurant und jeder Kneipe auch Sorten wie Weizen, Alt, Kölsch und Bock. Viele Biere, die in Deutschland eine lange Tradition haben, würden in Amerika dem Craftbeer zugeordnet.

Wie groß der Craftbeer-Markt in Deutschland ist, kann man darum kaum schätzen. „Es ist schwer, genau abzugrenzen, was ein Craftbier ist und was nicht“, sagt auch Marc-Oliver Huhnholz, Sprecher des deutschen Brauerbundes.

Die Liebe zum Detail lässt sich statistisch kaum erheben. Wo bei vielen industriellen Bieren nur noch „Hopfenextrakt“ in der Zutatenliste steht, weisen die Craftbeer-Brauer die genaue Sortenbezeichnung des verwendeten Hopfens aus, „Cascade“ etwa, oder „Polaris“. Sie unterscheiden zwischen Aromahopfen und Bitterhopfen.

Kommentare (1)

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Herr Heinz Klein

28.07.2014, 07:48 Uhr

Da denkt man, man liest einen Artikel über kleine, handwerklich arbeitende Brauereien, und am Ende kommen doch wieder nur die Großbrauereien und Verbände zu Wort...

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