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04.05.2012

13:09 Uhr

DDR-Zwangsarbeiter klagt Ikea an

„Die Bedingungen waren menschenunwürdig“

In den 1980er-Jahren stellte Dieter Ott einen Ausreiseantrag. Die DDR sperrte ihn ein. Im Gefängnis musste Ott Türgriffe und Stuhlroller herstellen. Erst jetzt weiß er, für wen: Ikea. Hier erzählt er seine Geschichte.

Zwangsarbeiter für Ikea: Dieter Ott am Checkpoint Charlie in der Friedrichstrasse in Berlin. Andreas Labes für Handelsblatt

Zwangsarbeiter für Ikea: Dieter Ott am Checkpoint Charlie in der Friedrichstrasse in Berlin.

Ich kam ins Gefängnis, weil ich nicht mehr in meinem Land eingesperrt sein wollte. 1986, da war ich gerade 22 Jahre alt, habe ich es einfach nicht mehr ausgehalten. Ich war kein Aktivist, kein Systemkritiker: Ich wollte einfach nur reisen. Nach Amerika, nach Kanada, Norwegen und Schweden. Aber ich durfte nicht. Meine Lösung für das Problem machte dann alles nur noch schlimmer.

Ich kündigte meine Arbeitsstelle als Maschinenschlosser. Meinem Chef sagte ich: „Wenn ich dem Staat jetzt nicht mehr nutze, dann kann er mich ja gehen lassen.“ Dann stellte ich einen Ausreiseantrag. Ein paar Tage später bekam ich Post von der Abteilung für innere Angelegenheiten.

Nach drei Monaten Untersuchungshaft in Berlin wurde ich in das Gefängnis Naumburg verlegt. Dass wir arbeiten mussten, war von vornherein klar. In der DDR gab es ein Gesetz, dass alle zur Arbeit verpflichtete. Das galt auch hinter Gefängnismauern.

Der Bus, der uns zur Ikea-Arbeit brachte, war vergittert. Wir fuhren durch ein großes Metalltor, und sobald wir in dem Gebäude waren, gab es nur noch Neonlicht. Kein Fenster, keine Sonne. Wegen meiner Vorkenntnisse kam ich an die Metallstanze. Die Maschinen waren grün, sonst war alles grau.

Historiker zum Zwangsarbeiter-Skandal

Bringschuld

Historiker sehen Ikea nun in der Bringschuld. „Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, dass Ikea von der Häftlingsarbeit in der DDR profitiert hat, dann muss das Unternehmen die Betroffenen entschädigen“, sagt Hubertus Knabe, der Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. „Der Hinweis, man habe davon nichts gewusst, entbindet nicht von der Verantwortung, an der Ausbeutung politischer Häftlinge mitgewirkt zu haben.“

Entschädigung?

Knabe forderte, dass die Stasiunterlagen-Behörde den Vorwürfen nachgeht. Er unterstrich, dass Ikea nicht das einzige betroffene Unternehmen sei. Auch Firmen wie der Kamerahersteller Pentacon und das Optikunternehmen Carl Zeiss Jena hätten jahrelang von der DDR-Zwangsarbeit profitiert. „Auch diese Firmen beziehungsweise ihre Rechtsnachfolger müssen sich ihrer Verantwortung stellen.“ Die Bundesregierung sei aufgefordert, alles zu tun, dass die Umstände des Häftlingseinsatzes in der DDR aufgeklärt und die Opfer entschädigt werden

Die Firma in Naumburg, zwanzig Minuten vom Gefängnis entfernt, hieß Mewa. Wir Häftlinge waren abgeschottet von allen anderen Arbeitern, ich habe nie ein Wort mit den Zivilisten gewechselt. Es gab nur: raus aus dem Bus, arbeiten, rein in den Bus.

Kommentare (45)

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BerlinerBuerger

04.05.2012, 13:20 Uhr

Ich saß auch in Naumburg von 1974-1976 wegen versuchter DDR-Flucht, und habe dort verchromte Drehstuhlfüße geschweißt, die es damals in der
DDR eigentlich noch gar nicht zu kaufen gab.
Im Akkord und 3 Schicht für einen Hungerlohn von 35,- Ostmark im Monat.
Anscheinend auch für Ikea wie es scheint.
Von den furchtbaren Haftbedingungen für einen jungen Menschen der nur Reise und Abenteuerlust hatte, ganz zu
schweigen.Es war die Hölle.

hajohans

04.05.2012, 13:21 Uhr

Alle Unternehmen wollen und muessen von der Arbeit, die
sie an Unterlieferanten vergeben profitieren. Ich sehe nicht, wie es den Inhaftierten geholfen haette, wenn Ikea
seine Auftraege anderweitig vergeben haette. Haeftlinge
muessen arbeiten, freie Buerger sollten arbeiten. Ich kann
keinen Skandal erkennen. Dass Buerger zu Unrecht eingesperrt werden, steht auf einem anderen Blatt

Michael

04.05.2012, 13:34 Uhr

Bitte Entschädigungsanträge an die ehemalige DDR Führung stellen. Einige der Kandidaten sind auch heute noch für die LINKE Partei politisch aktiv.
Der Westen hat für verlorene Milliardendarlehen an die damalige DDR, den Soli und die vielen Milliarden, die im ostdeutschen Sumpfland in Firmenpleiten versackt sind, schon mehr als genug geblutet

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