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17.01.2014

10:45 Uhr

Degradierung von Land und Boden

Wenn sich der Acker vom Acker macht

VonCarina Kontio

Um Bio und Nachhaltigkeit geht es auf der Grünen Woche. Doch weltweit verlieren Ackerböden in drastischem Maße ihre Fruchtbarkeit. Dabei wäre deren Erhalt bitter nötig, um die Ernährung der Menschheit sicherzustellen.

DüsseldorfWürmer, Bakterien, Milben, Algen und Pilze: Jeder Klumpen Erde strotzt vor Lebendigkeit und ist Basis allen Lebens. Hier wächst unser Essen, aber auch das Futter für Schweine, Rinder und Hühner. „Ein Reichtum, den die Menschheit pflegen sollte“, findet Walter Engelberg von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Bonn. Nur geschieht das nicht.

„Wir verlieren weltweit diese kostbare Ressource, weil sie wie Dreck behandelt wird“, bedauert der Diplom-Geograph, der bei der staatlichen Entwicklungsorganisation Leiter des Sektorvorhabens Desertifikationsbekämpfung ist. Er kämpft dagegen, das wertvoller Boden zu Wüste wird. Der Verlust von fruchtbarem Ackerland ist ein Problem, da gleichzeitig die Weltbevölkerung rasant wächst. Im Augenblick leben über 7,2 Milliarden Menschen auf der Erde.

Würde die gesamte Getreideernte zu Nahrungsmitteln verarbeitet statt zu Futtermitteln für Rinder, Schweine oder Geflügel, dann könnten vier Milliarden Menschen mehr ernährt werden, haben US-Forscher ausgerechnet. dpa

Würde die gesamte Getreideernte zu Nahrungsmitteln verarbeitet statt zu Futtermitteln für Rinder, Schweine oder Geflügel, dann könnten vier Milliarden Menschen mehr ernährt werden, haben US-Forscher ausgerechnet.

Experten schätzen, dass pro Jahr über 82 Millionen Menschen dazu kommen. Ein Ende dieser rasanten Entwicklung, die zu 99 Prozent in Entwicklungsländern stattfindet, ist nicht in Sicht. Die Vorhersagen der Uno sind beängstigend: Bis 2100 könnten sich 11 Milliarden Menschen auf der Erde drängeln.

Damit steht die Welt vor einer gewaltigen Herausforderung, denn immer mehr Menschen verlangen auch nach immer mehr Nahrung. Schon zur Mitte des Jahrhunderts, so heißt es im aktuellen „Fleischatlas 2014“ der Heinrich-Böll-Stiftung und des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), werden die Menschen weltweit alleine 470 Millionen Tonnen Fleisch essen und damit 150 Millionen Tonnen mehr als heute.

Wie viel Tier verträgt der Planet?

Wie viel Fleisch isst die Menschheit?

Immer mehr. 2012 waren es rund 300 Millionen Tonnen, bis 2050 kommen etwa 50 Prozent hinzu, schätzt die Welternährungsorganisation, die bei ihrer Prognose allerdings davon ausgeht, dass der aktuelle Trend anhält. In den Industrieländern wächst der Verzehr nicht mehr, dafür greifen die Menschen in Schwellenländern immer häufiger zum Fleisch. Steigende Einkommen und Verstädterung tragen dort dazu bei. Ein Deutscher isst durchschnittlich 60 Kilogramm Fleisch im Jahr - in den 1980er Jahren waren es laut Bauernverband noch 67 Kilogramm.

Welche Folgen hat der wachsende Hunger?

Die Folgen sind vielfältig. Nur zwei Beispiele: In Ländern wie China wächst die industrialisierte Produktion - mit großen Ställen und Schlachthöfen, wie der „Fleischatlas“ beschreibt. Kleinproduzenten und die als Fotomotiv beliebten Händler auf Fahrrädern seien dagegen auf dem Rückzug, heißt es in der Zahlensammlung von Umweltschützern.

In Südamerika wachsen die Anbauflächen für energiereiche Sojabohnen, die als Tierfutter in alle Welt verschifft werden. Das gehe auf Kosten des Regenwalds und entziehe ansässigen Kleinbauern die Lebensgrundlage, heißt es im „Kritischen Agrarbericht“, der auf der Agrar- und Ernährungsmesse Grüne Woche vorgestellt werden soll.

Futtertrog versus Teller

Aus der Diskussion „Tank versus Teller“ wird der Streit „Trog versus Teller“: Auf 70 Prozent der weltweiten Anbaufläche wachse inzwischen Tierfutter, kritisiert die Agrarexpertin der Umweltschutzorganisation BUND, Reinhild Benning. Sie gesteht aber zu, dass sich nicht jede Weide zu Ackerland umbrechen lässt - etwa in der Steppe. Dennoch: Auch Mais und Weizen würden immer häufiger zu Tierfutter, moniert der „Fleischatlas“: „Sie wären effizienter direkt als Nahrung für die Menschen zu verwenden.“

Was hat das alles mit Deutschland zu tun?

Weil der heimische Markt gesättigt ist, setzt die deutsche Ernährungsindustrie auf die steigende Nachfrage im Ausland. Jährlich freuen sich Bauern und Weiterverarbeiter über wachsende Exporte. Dafür haben sie in den vergangenen Jahren Millionen neuer Mastplätze gebaut - vor allem für Schweine, Hähnchen und Puten.

Das sichert Arbeitsplätze, aber gegen die „Tierfabriken“ gibt es auch Widerstand. Mehrere hundert Bürgerinitiativen wenden sich bundesweit gegen Güllegestank und den Verkehr, der von den Ställen ausgeht. Sie kritisieren auch die Haltungsbedingungen der Tiere. Niedriglöhne in Schlachthöfen beschäftigen inzwischen auch die Bundesregierung.

Exportland von Billigfleisch

Deutschland habe sich zum „Exportland von Billigfleisch“ entwickelt, kritisiert der Eberswalder Agrarökonom Bernhard Hörning im Januar 2014. „Billigfleisch aus Deutschland ist ein Mythos“, hält Bauernverbands-Generalsekretär Bernhard Krüsken dagegen. Die Preise lägen über dem EU-Durchschnitt. Zudem gingen drei Viertel der Exporte in EU-Länder.

Sollten wir weniger Fleisch essen?

Unter Medizinern gilt das als Gemeingut. Fleisch enthält zwar wertvolle Nährstoffe, wie es in den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung heißt. 300 bis 600 Gramm pro Woche sollten es demnach aber nicht werden - was bedeuten würde, dass die Deutschen ihren Verbrauch mindestens halbieren müssten. Barbara Unmüßig, als Vorsitzende der Böll-Stiftung Mitinitiatorin des „Fleischatlas“, hält den Fleischkonsum einmal pro Woche für ausreichend und rät: „Zurück zum Sonntagsbraten.“ Die Ernährungsindustrie hält indes nichts von Vorgaben für die Verbraucher: „Sie entscheiden selbstbestimmt an den Kassen der Supermärkte, was sie essen möchten“, heißt es beim Branchenverband BVE.

Das bleibt den Autoren zufolge nicht ohne Folgen für die Landwirtschaft, denn damit geht ein drastisch wachsender Flächenverbrauch für Futtermittel einher: Allein der Bedarf an Sojafuttermitteln zur Mästung der Schlachttiere würde von derzeit 260 Millionen auf über 500 Millionen Tonnen pro Jahr steigen.

Vor allem in Südamerika wachsen die Anbauflächen für Sojabohnen, die als Tierfutter in alle Welt verschifft werden. Das gehe auf Kosten des Regenwalds und entziehe den ansässigen Kleinbauern die Lebensgrundlage, heißt es im „Kritischen Agrarbericht“, der im Januar auf der Agrar- und Ernährungsmesse Grüne Woche vorgestellt wurde.

Kommentare (8)

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Account gelöscht!

17.01.2014, 11:00 Uhr

Wen wundert das?

Monokulturen, massiver Einsatz von Chemie, Überbeanspruchung (früher ließ man im bestimmten Turnus Ackerflächen brach liegen, damit sie sich wieder erholen konnten und es wurden jedes Jahr andere Produkte auf den Flächen angebaut, die andere Nährstoffe benötigten) und unsere Verschwendungssucht (mind. 1 Drittel der der erzeugten Lebensmittel werden weggeschmissen aus Profitgründen - in bestimmten Bereichen über die Hälfte) sind mit die Hauptgründe dafür. Wenn wir die erzeugten Mengen auf das benötigte Maß reduzieren würden, dann wäre wieder Raum für verantwortungsvollen Ackerbau und Viezucht. Aber die Gier nach immer mehr Profit macht dies unmöglich.
Hinzu kommt seit neuestem noch der Energiewahn - "Essen in den Tank und in die Steckdose" ;-)

Account gelöscht!

17.01.2014, 11:10 Uhr

Um die Ernährung der Menschheit zu sichern,sollte man Verhütungsmittel in großem Stil kostenlos zugänglich machen.

kptkohle

17.01.2014, 11:53 Uhr

@ babsack
korrekt. Bei dem prognostizierten Bevölkerungswachstum haben die Aktionen von GIZ & Co maximal aufschiebende Wirkung. Es wird nur an den Symptomen herumgedoktert ohne der Ursache auf den Grund zu gehen.

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